Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Erkenntnisse der Korruptionsforschung: Bayreuther Ökonomin erhält Fürther Ludwig-Erhard-Preis

20.07.2009
Der Fürther Ludwig-Erhard-Preis, eine der bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland für Promotionsarbeiten in den Wirtschaftswissenschaften, ging in diesem Jahr an Dr. Tanja Rabl von der Universität Bayreuth.

Ihre empirischen Untersuchungen arbeiten insbesondere die person- und situationsbezogenen Faktoren heraus, die bei Mitarbeitern privater Unternehmen die Bereitschaft zum korrupten Handeln fördern.

Zudem ermitteln sie typische Strategien, mit denen korrupte Akteure ihre Handlungsweisen nachträglich rechtfertigen. Aus ihren Forschungsergebnissen leitet Dr. Tanja Rabl eine Vielzahl konkreter Maßnahmen ab, mit denen Unternehmen korrupten Handlungsweisen vorbeugen können.

Der Fürther Ludwig-Erhard-Preis, eine der bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland für Promotionsarbeiten in den Wirtschaftswissenschaften, ging in diesem Jahr an Dr. Tanja Rabl von der Universität Bayreuth. Ihre preisgekrönte Dissertation, die am BWL-Lehrstuhl für Personalwesen und Führungslehre von Professor Dr. Torsten Kühlmann entstand, befasst sich mit Korruption in und zwischen Unternehmen der Privatwirtschaft. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg überreichte bei einer Festveranstaltung in Fürth den mit 4000 Euro dotierten Preis, der jährlich vom Ludwig-Erhard-Initiativkreis Fürth e.V. ausgeschrieben wird.

Ein neuartiger Ansatz der Korruptionsforschung

Während sich die bisherige Forschung hauptsächlich für Korruption in den Bereichen der Politik und der öffentlichen Verwaltung interessiert hat, untersucht die Bayreuther Wirtschaftswissenschaftlerin die Ursachen und Wirkungen von Korruption in privaten Unternehmen. Insbesondere arbeitet sie die person- und situationsbezogenen Faktoren heraus, die bei den Mitarbeitern eines Unternehmens die Bereitschaft fördern, um privater oder beruflicher Ziele willen korrupt zu handeln. Zugleich gelingt es ihr, die typischen Strategien zu ermitteln, mit denen korrupte Akteure ihre Handlungsweisen nachträglich rechtfertigen. Ihre Forschungsergebnisse beruhen weitgehend auf einem Verfahren, das in der Korruptionsforschung bisher noch nicht eingesetzt wurde: In einem Unternehmensplanspiel, das einen Ausschnitt aus der realen Geschäftswelt simuliert, übernehmen die Teilnehmer die Rollen von Entscheidungsträgern. Sie werden wirklichkeitsnahen Situationen ausgesetzt, in denen die Gelegenheit oder die Versuchung zu Korruption besteht. Korruptes Handeln liegt dabei immer dann vor, wenn die Teilnehmer sich bestechen lassen, aber auch dann, wenn sie Mitglieder anderer Unternehmen zu bestechen versuchen.

Ursachen und Rechtfertigungen korrupten Handelns

Die empirische Untersuchung führt zu dem Ergebnis, dass die starke Motivation, ein ersehntes berufliches oder privates Ziel zu erreichen, für sich genommen noch kein korruptes Handeln auslöst. Vielmehr sind vor allem drei Komponenten ursächlich daran beteiligt, dass sich ein Unternehmensmitarbeiter erstmalig auf korruptes Handeln einlässt: (i) die eigene Einstellung zur Korruption, (ii) die in seinem Umfeld geltenden sozialen Normen und (iii) die Kontrolle, die er selbst über sein korruptes Handeln und dessen Folgen zu haben glaubt. Falls ein Akteur eine korrupte Handlung in Bezug auf ein berufliches oder persönliches Ziel positiv bewertet und falls Korruption in seinem persönlichen Umfeld generell auf Akzeptanz stößt, steigt der Wunsch, die korrupte Handlung auszuführen. Und falls er überdies glaubt, auf diesem Weg das angestrebte Ziel sicher zu erreichen, und dabei allenfalls nur mit einer geringfügigen Strafe rechnet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er sich für die korrupte Handlung entscheidet.

Um anschließend ein positives Selbstbild zu bewahren, versuchen Unternehmensmitarbeiter ihr Handeln häufig dadurch zu rechtfertigen, dass sie sich an der Metapher eines Kontos orientieren. Sie reden sich ein, aufgrund ihrer bisherigen Verdienste um das Unternehmen ein "Guthaben" aufgebaut zu haben, das sie moralisch dazu berechtige, sich durch gelegentliche Korruption eigene Vorteile zu verschaffen. Eine weitere häufige Rationalisierungsstrategie ist der Verweis auf "höhere Unternehmensziele", die Ausnahmen von konventionellen sozialen Normen rechtfertigen würden. Rechtfertigungen, die die Schäden korrupten Handelns leugnen oder bagatellisieren, spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Handlungsempfehlungen für Unternehmen

Aus ihren Forschungsergebnissen leitet Dr. Tanja Rabl eine Vielzahl konkreter Maßnahmen ab, mit denen Unternehmen korrupten Handlungsweisen vorbeugen können. Bereits bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter empfiehlt es sich, das Thema Korruption in Auswahlgespräche einzubeziehen. Zudem können Firmen die Bewerber dazu auffordern, sich in schriftlicher Form zu einem ethisch fundierten Unternehmensleitbild zu bekennen. Workshops, die das Personal auf möglichst anschauliche Weise für die schädlichen Folgen korrupten Handelns sensibilisieren, tragen gleichfalls zur Prävention bei; ebenso die Einbeziehung ethischer Aspekte bei der Vergabe von Leistungsprämien. Anzustreben ist eine Unternehmenskultur, die den Mitarbeitern auf allen Entscheidungsebenen sichtbar macht, dass die für das Selbstverständnis des Unternehmens maßgeblichen Werte und Normen unter keinen Umständen mit Korruption vereinbar sind.

Von besonderer Bedeutung ist zudem eine Unternehmensorganisation, die das Risiko für korrupte Akteure steigert: Klar definierte Verantwortlichkeiten, ein Mehr-Augen-Prinzip bei wichtigen Entscheidungen, Personalrotation und ein effizientes Dokumentationssystem erhöhen die Transparenz und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass korruptes Handeln aufgedeckt wird. Auch die Einrichtung eines sog. "Whistleblowing-Systems", das die uneigennützige Weitergabe von Informationen bezüglich beobachteter oder vermuteter Korruptionsvorgänge unterstützt, kann zu einer effektiven Korruptionsprävention beitragen.

Wirtschaftswissenschaftliche Forschung in der Tradition von Ludwig Erhard

Mit dem Fürther Ludwig-Erhard-Preis will der gleichnamige Initiativkreis Forschungsarbeiten fördern, die im Sinne von Ludwig Erhard innovativ, praxisnah und wirtschaftlich nützlich sind und auch die Auswirkungen wirtschaftlicher Vorgänge auf die Gesellschaft berücksichtigen. In allen diesen Kriterien erzielte die Dissertation von Dr. Tanja Rabl beim Auswahlverfahren 2009 die höchstmögliche Punktzahl. Sie ist in englischer Sprache als Buch erschienen.

Titelaufnahmen:

Rabl, Tanja: Private corruption and its actors - Insights into the subjective decision making processes, Lengerich (Pabst) 2008

Rabl, Tanja & Kühlmann, Torsten M.: Understanding corruption in organizations - Development and empirical assessment of an action model, in: Journal of Business Ethics, Band 82, Nr. 2, 2008, S. 477 - 495.

Rabl, Tanja: Der korrupte Akteur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Band 3-4, 2009, S. 26 - 32

Rabl, Tanja: Korruption in Deutschland - Warum Entscheidungsträger in Unternehmen korrupt handeln, in: WIK - Zeitschrift für die Sicherheit der Wirtschaft, Band 2, 2009, S. 24 - 28

Rabl, Tanja & Kühlmann, Torsten M.: Why or why not? Rationalizing corruption in organizations, in: Cross Cultural Management: An International Journal, in press.

Kontaktadresse für weitere Informationen

Dr. Tanja Rabl
Universität Bayreuth
Lehrstuhl Personalwesen und Führungslehre
Universitätsstraße 30
D - 95440 Bayreuth
Telefon: + 49 (0) 921-55-2953
Telefax: + 49 (0) 921-55-2954
E-Mail: tanja.rabl@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro
24.03.2017 | Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg

nachricht TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro
24.03.2017 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise