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Grenzgängerin zwischen Sozialwissenschaft und politischer Praxis

15.11.2010
Renate Mayntz, Gründungsdirektorin des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, erhält in diesem Jahr den Innovationspreis des Landes Nordrhein-Westfalen für ihr Lebenswerk

Renate Mayntz gilt als eine der profiliertesten deutschen Forscherinnen ihres Fachs. Mit einem Vermittlungsansatz, der auf Kommunikation und Kooperation mit der Praxis setzt, hat sie in den 1970er-Jahren in der Studienkommission zur Reform des Öffentlichen Dienstrechts mitgearbeitet und war Mitglied im Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Nach dem Fall der Berliner Mauer hat sie bei der Auflösung und Umgestaltung der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mitgewirkt. Immer wieder hat sie sich für die innovative Gestaltung politischer und administrativer Entscheidungsverfahren in verschiedenen Politikfeldern engagiert.

Die Form und Funktion wissenschaftlicher Politikberatung ist bis heute ein Thema ihrer Arbeiten. Eine Politikberatung, die auf Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse besteht, liegt ihr jedoch fern: "Wenn man darauf versessen ist, dass das, was man vom Kothurn der Wissenschaft herab für richtig erklärt, nun auch von den anderen umgesetzt wird, dann soll man das Geschäft erst gar nicht anfangen. Man soll sein Wissen präsentieren, und die Politik muss entscheiden."

Renate Mayntz’ Forschungsschwerpunkte sind die sozialwissenschaftliche Makrotheorie, die wissenschaftliche Analyse politischer Steuerung, die vergleichende Gesellschafts- und Politikforschung und die modernen Organisations- und Verwaltungswissenschaften sowie die Techniksoziologie. Ihr Interesse an den Steuerungsmöglichkeiten komplexer Gesellschaften kam ab Mitte der 1980er-Jahre im Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIfG), dessen Gründungsdirektorin sie war, voll zur Entfaltung. "Sie ist es, die das Institut auf seinen Weg gebracht hat - genauer: sie hat es auf ihren eigenen Weg mitgenommen, der sie unbeirrbar an zahllosen kurzlebigen intellektuellen Moden vorbei zu den dauerhaften Kernproblemen zeitgenössischer Gesellschaften geführt hat", sagt Uwe Schimank, ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG und heute Professor für Soziologie an der Universität Bremen.

Nach ihrer Emeritierung 1997 war Renate Mayntz‘ Begeisterung für sozialwissenschaftliche Fragestellungen keineswegs beendet: Sie konzentrierte sich nun auf Aspekte der Globalisierung und Governance. Der FAZ-Journalist Jürgen Kaube schrieb zu ihrem 80. Geburtstag: "Im Kölner Institut hat Renate Mayntz noch immer ihr Direktorenzimmer und benutzt es. Man kann es sich auch gar nicht anders vorstellen." 2009 gründete sie ein Netzwerk von zwanzig Forschern aus vier europäischen Ländern und den USA zur Erforschung der gegenwärtigen Finanzmarktregulierung: "Hiermit bietet sich uns die Chance, einen wichtigen Prozess institutionellen Wandels unmittelbar zu beobachten und zu analysieren." Sie wählte die organisatorische Form des Netzwerks, da kein einzelnes Forschungsinstitut in der Lage ist, kurzfristig ein Projekt zu starten, das alle notwendigen Detailanalysen umfasst.

Renate Mayntz, 1929 in Berlin geboren, studierte zunächst Chemie, entschied sich aber dann für die Soziologie: "Die Soziologie wurde in den Nachkriegsjahren für mich zum intellektuellen Schlüssel für das Verständnis meiner Umwelt, meiner Herkunft und der jüngsten deutschen Geschichte." Nach dem in den USA erworbenem B.A. studiertte sie an der FU Berlin und wurde dort 1953 promoviert. Der Tätigkeit am UNESCO-Institut für Sozialwissenschaften in Köln folgte 1957 die Habilitation in Berlin. Von 1965 bis 1971 war sie Lehrstuhlinhaberin für Soziologie an der FU Berlin, anschließend an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und der Universität zu Köln. Sie lehrte außerdem an der Columbia University, New York, der New School for Social Research, New York, der Universität von Edinburgh, der Facultad Latino-Americana de Ciencias Sociales in Santiago de Chile sowie an der Stanford University. Von 1985 bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 1997 übernahm Renate Mayntz als Gründungsdirektorin die Leitung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln und war Honorarprofessorin an der Universität zu Köln.

Der Innovationspreis des Landes Nordrhein-Westfalen wird in den Kategorien Innovation, Nachwuchs und Lebenswerk vergeben. Mit ihm zeichnet das Land seit 2008 Menschen aus Wissenschaft und Wirtschaft aus, die sich in herausragender Weise um Forschung und Entwicklung verdient gemacht haben. Der Lebenswerkpreis wird Renate Mayntz im Rahmen einer Festveranstaltung am 15. November ab 18 Uhr in Düsseldorf in der K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen von Wissenschaftsministerin Svenja Schulze verliehen. Die Auszeichnung in der Kategorie Lebenswerk ist nicht dotiert.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Christel Schommertz, Redaktion und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln
Tel.: +49 221 2767-130
E-Mail: schommertz@mpifg.de
Christiane Dusch, Pressereferat
Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung
Tel.: +49 211 896-4572
E-Mail: christiane.dusch@miwf.nrw.de

Barbara Abrell | idw
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

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