Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Knapp 5 Millionen Euro für neue Forschergruppe - Ziel: Darmstörungen nach Operationen verhindern

12.02.2003


Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Einrichtung einer neuen klinischen Forschergruppe an der Universität Bonn beschlossen. Die acht beteiligten Arbeitsgruppen aus der Medizinischen und der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät wollen den Ursachen von Darmstörungen nach Operationen auf die Spur kommen und Strategien entwickeln, sie schon im Ansatz zu verhindern.



Das Projekt wird in den kommenden sechs Jahren mit insgesamt 4,8 Millionen Euro gefördert; nach drei Jahren ist eine Zwischenbegutachtung vorgesehen. Gut die Hälfte der Mittel stammt aus den Töpfen der DFG, den Rest schießen die Universität und die Medizinische Fakultät zu. Eine Investition, die Zinsen abwerfen könnte: Experten schätzen, dass Darmprobleme nach Operationen die deutschen Krankenkassen jährlich mit dreistelligen Millionenbeträgen belasten.

... mehr zu:
»Darm »Darmstörung »Verdauungstrakt


"Der Tod sitzt im Darm", erkannte 300 vor Christus der griechische Arzt Hippokrates: Bei der Sezierung von Verstorbenen hatte er festgestellt, dass die Zersetzungsvorgänge im Verdauungstrakt jeweils schon am weitesten fortgeschritten waren. "Dass Darmprobleme aber auch der Motor schwerer Erkrankungen sein können, wurde lange Zeit völlig unterschätzt", erklärt der Bonner Prorektor Professor Dr. Andreas Hirner, Direktor der Chirurgischen Klinik und Koordinator der Gruppe. Schon bei Patienten mit gutem Allgemeinzustand registrieren die Ärzte nach Operationen regelmäßig eine gestörte Darmaktivität - und das selbst nach Eingriffen an Herz, Leber oder Hüfte, bei denen der Verdauungstrakt selbst gar nicht betroffen ist. Bei Risikopatienten kann das zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen. Aber auch sonst sind derartige Verdauungsprobleme eine unangenehme Sache: "Den Patienten ist tagelang übel; besonders schlimm ist es am 3. und 4. Tag. Wir müssen sie intravenös ernähren; dadurch verlängert sich der Krankenhaus-Aufenthalt um mehrere Tage", so der Chirurg.

Ursache der Störungen ist eine Entzündungsreaktion des Darms: Wird er bei dem Eingriff mechanisch gereizt - beispielsweise, wenn ihn der Chirurg zur Seite drückt, um besser an das Operationsgebiet zu gelangen -, geben bestimmte Zellen in der Darmwand Substanzen ab, die die Darmbewegung lähmen und den Transport des Nahrungsbreis behindern. "Doch eine Herzoperation kann den Verdauungstrakt in genau der selben Weise lahmlegen", erklärt Dr. Jörg Kalff. "Ob das operierte Organ Botenstoffe abgibt oder bestimmte Nervenimpulse aussendet, wissen wir nicht." Der Darm reagiere auf diese Signale jedenfalls zu heftig - "das ist, als würde die Feuerwehr gleich Katastrophenalarm auslösen, wenn irgendwo ein Mülleimer brennt." Die Hoffnung der Wissenschaftler: Wenn sie verstehen, wie es zu dieser überschießenden Reaktion kommt, können sie vielleicht schon vor der Operation mit Medikamenten gegensteuern und damit den Patienten viel Ungemach ersparen.

Die Mediziner möchten auch verstehen, warum Komplikationen nach Darm-Operationen selbst bei optimaler Versorgung und OP-Technik nicht auszuschließen sind. Immer wieder gibt es Patienten, bei denen beispielsweise die Nähte nicht halten, so dass Darminhalt in den Bauchraum sickern kann. Die gefürchtete Folge: Bauchfellentzündung. "Warum bei manchen ansonsten unauffälligen Patienten die Darmnähte so schlecht verheilen, wissen wir nicht; wahrscheinlich spielen aber auch hier Entzündungs-Reaktionen eine Rolle", erklärt Dr. Kalff. Die Erkenntnisse könnten auch einem Gebiet nutzen, das noch immer in den Kinderschuhen steckt: An den Universitätskliniken soll das deutschlandweit zweite Zentrum für Dünndarm-Transplantation entstehen. Ziel ist es, bereits den Spender durch geeignete Medikamente so vorzubereiten, dass der transplantierte Darm im Empfänger möglichst rasch und effektiv seinen Dienst aufnimmt.

"Erst die fakultätsübergreifende Kooperation verschiedener Fachrichtungen ermöglicht eine erfolgversprechende Bearbeitung dieses komplizierten Themas", betont Dr. Kalff. So beteiligen sich in Bonn neben den Chirurgen Arbeitsgruppen aus der Pathologie, der Molekularen Medizin und Experimentellen Immunologie, der Zellbiologie und der Biochemie. Selbst eine externe zellbiologische Gruppe der internationalen Universität Bremen ist dabei.

Die Einrichtung der Forschergruppe sehen alle Beteiligten mit Stolz. Professor Hirner: "Wir haben sieben Jahre auf ein derartiges Projekt hingearbeitet, sei es durch gezielte Berufungen, durch den Aufbau eines hochmodernen molekularbiologischen Labors oder durch eine intensive Kooperation mit Spezialisten der Universität Pittsburgh." Langfristig müssten die Universitätskliniken ihre Forschungsanstrengungen auf wenige Gebiete konzentrieren und diese auch besonders fördern. "Die Erforschung von Krankheiten der Leber und des Magen-Darm-Trakts zählt neben Hirn- und Herzforschung sowie der Humangenetik zu den herausragenden medizinischen Schwerpunkten hier in Bonn."

Ansprechpartner:
Professor Dr. Andreas Hirner
Chirurgische Klinik der Universität Bonn
Telefon: 0228 - 287-5214 oder -5215
E-Mail: hirner@chir.uni-bonn.de

Priv.-Doz. Dr. Jörg C. Kalff
Chirurgische Klinik
Telefon: 0228 - 287-5479
E-Mail: kalff@uni-bonn.de

Priv.-Doz. Dr. Nicolas Schwarz
Chirurgische Klinik
Telefon: 0228 - 287-5705
E-Mail: nschwarz@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Darm Darmstörung Verdauungstrakt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Klimawandel und Ökosystemfunktionen im Bergregenwald
18.12.2017 | Philipps-Universität Marburg

nachricht Spitzenforschung vom Nanodraht bis zur Supernova: Fünf ERC Consolidator Grants für die TU München
14.12.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Carmenes“ findet ersten Planeten

Deutsch-spanisches Forscherteam entwirft, baut und nutzt modernen Spektrografen

Seit Januar 2016 nutzt ein deutsch-spanisches Forscherteam mit Beteiligung der Universität Göttingen den modernen Spektrografen „Carmenes“ für die Suche nach...

Im Focus: Fehlerfrei ins Quantencomputer-Zeitalter

Heute verfügbare Ionenfallen-Technologien eignen sich als Basis für den Bau von großen Quantencomputern. Das zeigen Untersuchungen eines internationalen Forscherteams, deren Ergebnisse nun in der Fachzeitschrift Physical Review X veröffentlicht wurden. Die Wissenschaftler haben für Ionenfallen maßgeschneiderte Protokolle entwickelt, mit denen auftretende Fehler jederzeit entdeckt und korrigiert werden können.

Damit die heute existierenden Prototypen von Quantencomputern ihr volles Potenzial entfalten, müssen sie erstens viel größer werden, d.h. über deutlich mehr...

Im Focus: Error-free into the Quantum Computer Age

A study carried out by an international team of researchers and published in the journal Physical Review X shows that ion-trap technologies available today are suitable for building large-scale quantum computers. The scientists introduce trapped-ion quantum error correction protocols that detect and correct processing errors.

In order to reach their full potential, today’s quantum computer prototypes have to meet specific criteria: First, they have to be made bigger, which means...

Im Focus: Search for planets with Carmenes successful

German and Spanish researchers plan, build and use modern spectrograph

Since 2016, German and Spanish researchers, among them scientists from the University of Göttingen, have been hunting for exoplanets with the “Carmenes”...

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Konfenzreihe in Berlin: Landscape 2018 - Ernährungssicherheit, Klimawandel, Nachhaltigkeit

18.12.2017 | Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Lipid-Nanodisks stabilisieren fehlgefaltete Proteine für Untersuchungen

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Von Alaska bis zum Amazonas: Pflanzenmerkmale erstmals kartiert

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Krebsforschung in der Schwerelosigkeit

18.12.2017 | Biowissenschaften Chemie