Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vor dem Schmerz ist nicht gleich nach dem Schmerz

07.05.2010
Reize, die regelmäßig in Verbindung mit unangenehmen Situationen auftauchen, werden von Menschen erwartungsgemäß als negativ beurteilt. Wie Forscher der Uni Würzburg zeigen, können diese Reize unterbewusst allerdings auch positiv bewertet werden – je nach zeitlicher Abfolge der Ereignisse.

Warum stürzen sich Menschen an langen Seilen von Brücken und hohen Gebäuden herab? Warum lassen sie sich in Achterbahnen vorwärts und rückwärts durch Fünffach-Loopings jagen, obwohl den meisten bereits beim Anblick schon ganz schön flau im Magen wird?

Antworten auf diese Fragen könnte eine neue Untersuchung der Universität Würzburg geben. Geplant und durchgeführt wurde sie von Psychologen und Biologen der Uni unter der Leitung von Paul Pauli, Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie I, und dem Neurobiologen PD Dr. Bertram Gerber, Lehrstuhl für Neurobiologie und Genetik. Die renommierte britische Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B hat über diese Arbeit berichtet.

Fruchtfliegen reagieren vergleichsweise einfach

„Bei Fruchtfliegen ist die Angelegenheit relativ einfach“, sagt Bertram Gerber. Der Wissenschaftler erforscht schon seit Längerem am Biozentrum das Nervensystem von Fruchtfliegen und deren Larven. Duftstoffe spielen dabei eine wichtige Rolle. „Präsentiert man Fruchtfliegen einen bestimmten Geruch und setzt sie kurz danach einem schmerzhaften Stromreiz aus, gehen sie diesem Geruch in Zukunft aus dem Weg“, sagt Gerber. Eine Duftnote, die den Tieren im Anschluss an ein schmerzhaftes Ereignis dargeboten wird, zieht sie hingegen in Zukunft an. „Bei Fruchtfliegen kommt es also auf den Zeitpunkt an, um Bestrafung in Belohnung umzuwandeln: Das Moment der 'Erleichterung' wirkt wie eine Belohnung“, sagt der Neurobiologe.

Menschliches Verhalten ist komplexer

Beim Menschen ist die Angelegenheit nicht ganz so einfach: „Wir wussten bisher vom Menschen, dass ein Reiz, der einem unangenehmen Ereignis regelmäßig vorangeht, nach kurzer Zeit als die Ankündigung einer Gefahr wahrgenommen wird“, erklärt Paul Pauli. Unbekannt war hingegen, ob Reize, die dem Schreck folgen, ähnlich wie bei der Fliege ebenfalls mit einem Gefühl der Sicherheit assoziiert werden. Schließlich ist menschliches Verhalten nicht ganz so einfach gestrickt wie das einer Fliege. So arbeiten beim Menschen mindestens zwei Systeme mal zusammen, mal gegeneinander: ein impulsives, von Gefühlen und Assoziationen geleitetes, und ein vom Verstand kontrolliertes, das auf der Basis von Wissen und Werten entscheidet.

Der Versuchsaufbau

Wie diese Systeme im Fall von unangenehmen Erlebnissen agieren, haben Pauli und seine Mitarbeiter jetzt an 101 Versuchspersonen im Alter zwischen 18 und 43 Jahren untersucht.

„Wir haben drei Gruppen gebildet und ihnen unterschiedliche geometrische Muster präsentiert“, schildert Pauli das Szenario. Dabei erhielt die eine Gruppe regelmäßig vor dem Aufleuchten einer bestimmten Figur einen leicht schmerzhaften Stromreiz am Unterarm, die andere Gruppe kurz nach dem Aufleuchten der Figur und die dritte – als Kontrollgruppe – erlebte beide Ereignisse mit langem zeitlichem Abstand.

Für die anschließende Testphase griffen die Psychologen zu einem Trick, den einer der Gutachter der Zeitschrift als „genial“ beschrieb: Stromreize gab es diesmal keine, dafür aber parallel zu den geometrischen Figuren ein unangenehm lautes Geräusch, das ganz automatisch eine Schreckreaktion nach sich zog. Wie stark diese Reaktion ausfiel, ließ sich anhand des Lidschlags messen. Zusätzlich mussten die Versuchsteilnehmer Auskunft darüber geben, wie sie die Dreiecke, Kreise und Quadrate erleben: Von „sehr unangenehm“ bis „sehr angenehm“ beziehungsweise von „ruhig“ bis „aufregend“.

Das Versuchsergebnis

Das Ergebnis war eindeutig: „Unabhängig davon, ob die Figur kurz vor oder nach dem Stromreiz auftrat, erhielt sie von den Versuchspersonen nach dem Training negative Werte“, sagt Pauli. Der Zeitpunkt scheint bei Menschen – anders als bei Fliegen – auf den ersten Blick also keine Rolle zu spielen – zumindest wenn es um ihr gesprochenes, explizites Urteil geht.

Der zweite Blick zeigt jedoch: Unterbewusst laufen andere Prozesse ab: „Bei Menschen, denen die Figur vor dem Stromreiz präsentiert wurde, verstärkte sich die Schreckreaktion auf den Lärm im Angesicht der Figur. Folgte die Figur dem Schmerz, schwächte sich die Reaktion aber ab“, sagt Pauli. Das Ergebnis lässt nach Ansicht der Psychologen den Schluss zu: Reize, die mit dem Ende eines unangenehmen Ereignisses verknüpft werden, werden später unterbewusst – Psychologen sprechen von „implizit“ – als angenehm empfunden.

Mögliche Erklärung für paradoxes Verhalten

Es scheint also so, als würden Menschen zwei unterschiedliche Bewertungssysteme besitzen, und zwar ein explizites, dessen sie sich bewusst sind, und ein implizites, das unbewusst ihr Verhalten steuert. Interessant an der vorliegenden Studie ist, dass sich diese beiden Systeme nicht immer einig sein müssen. Gut möglich, dass Störungen dieses Spiels zweier Systeme bei Angst- und Suchterkrankungen eine Rolle spielen oder erklären könnten, warum Angstpatienten oder Abhängige Dinge tun, von denen sie sagen, dass sie sie nicht mögen.

Aber die Vermutung, dass man so paradoxes Verhalten wie Achterbahn-Fahren oder Bungee-Jumping erklären könnte, ist bislang „Spekulation“.

“A rift between implicit and explicit conditioned valence in human pain relief learning”, Marta Andreatta, Andreas Mühlberger, Ayse Yarali, Bertram Gerber and Paul Pauli. Proceedings of the Royal Society B, doi:10.1098/rspb.2010.0103

Kontakt: Prof. Dr. Paul Pauli, T: (0931) 31-82842; E-Mail: pauli@psychologie.uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Berichte zu: Fruchtfliege Geruch Neurobiologie Reiz Schmerz Schreckreaktion Stromreiz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aufschlussreiche Partikeltrennungen
20.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Bildgebung von entstehendem Narbengewebe
20.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1,4 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Industrie 4.0-Kontext

20.07.2017 | Förderungen Preise

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie