Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Raucher könnten anfälliger für eine Schizophrenie sein

27.03.2012
Rauchen verändert die Wirkung eines Schizophrenie-Risikogens. Wissenschaftler der Universitäten Zürich und Köln zeigen: Gesunde Menschen, die dieses Risikogen tragen und rauchen, verarbeiten akustische Reize ähnlich defizient wie Patienten mit einer Schizophrenie. Dabei ist der Effekt um so stärker, je mehr die Betroffenen rauchen.

Seit langem ist bekannt, dass die Schizophrenie vererbbar ist. Da sich hinter dem Störungsbild der Schizophrenie aber eine Reihe von Erkrankungen mit unterschiedlicher genetischer Ursache verbergen, hat die Forschung die hauptverantwortlichen Gene bis heute noch nicht identifizieren können.

Um den genetischen Hintergrund der Schizophrenie zu untersuchen, wurde bislang meistens die Häufigkeit bestimmter Risikogene zwischen Gesunden und Erkrankten verglichen. Einen anderen Weg beschreiten nun der Pharmakopsychologe Prof. Boris Quednow von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und die Arbeitsgruppe von Prof. Georg Winterer der Universität zu Köln.

Mit der Elektroenzephalographie (EEG) untersuchten die Wissenschaftler die Verarbeitung von einfachen akustischen Reizen (einer Sequenz von gleichartigen Klicklauten). Gesunde Menschen unterdrücken während der Verarbeitung eines bestimmten Reizes, die Verarbeitung weiterer Reize, die für die jeweilige Aufgabe irrelevant sind. Patienten mit einer Schizophrenie zeigen Defizite bei dieser Art von Reizfilterung und ihr Gehirn wird deshalb wahrscheinlich von zu vielen Informationen überflutet. Da auch psychiatrisch gesunde Personen Reize unterschiedlich effizient filtern, lässt sich die individuelle Reizverarbeitung mit bestimmten Genen assoziieren.

Raucher verarbeiten Reize schlechter
Boris Quednow und Georg Winterer untersuchten in einer gross angelegten Studie mit über 1800 gesunden Teilnehmenden aus der Allgemeinbevölkerung, inwieweit die akustische Reizfilterung mit einem bereits bekannten Risikogen für Schizophrenie zusammenhängt: dem sogenannten «Transkriptionsfaktor-4-Gen» (TCF4). TCF4 ist ein Protein, das bei der Hirnentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Da Patienten mit einer Schizophrenie häufig rauchen, untersuchten die Wissenschaftler zudem die Rauchgewohnheiten der Probanden.

Die erhobenen Daten zeigen, dass auch psychiatrisch gesunde Trägerinnen und Träger des TCF4-Gens Reize schlechter filtern – ähnlich wie Menschen, die an einer Schizophrenie leiden. Dabei stellte sich heraus, dass vor allem Raucher, die das Risikogen tragen, eine schlechtere Filterung akustischer Eindrücke aufwiesen. Dieser Effekt war umso stärker ausgeprägt, je mehr die Personen rauchten. Nichtrauchende Träger des Risikogens verarbeiteten Reize hingegen kaum schlechter. «Rauchen verändert die Auswirkung des TCF4-Gens auf die akustische Reizfilterung», erklärt Boris Quednow diese Art der Gen-Umwelt-Interaktion, und er fährt fort: «Rauchen könnte damit eventuell auch den Effekt bestimmter Gene auf das Schizophrenie-Risiko verstärken.» Die Ergebnisse könnten zudem bedeutend sein für die Vorhersage schizophrener Erkrankungen sowie für neue Behandlungsansätze, meint Quednow und folgert: «Rauchen sollte auch in zukünftigen Studien als wichtiger Kofaktor für das Schizophrenierisiko berücksichtigt werden.» Eine Kombination aus genetischen (z.B. TCF4), elektrophysiologischen (Reizfilterung) und demographischen (Rauchen) Faktoren könnte helfen, die Erkrankung schneller zu diagnostizieren, oder auch neue, genetisch einheitlichere Patientensubgruppen zu definieren.

Literatur:
Boris B. Quednow et al. Schizophrenia risk polymorphisms in the TCF4 gene interact with smoking in the modulation of auditory sensory gating. In: PNAS, 26 March 2012. DOI: 10.1073/pnas.1118051109
Über die Studie
An der multizentrischen Studie beteiligten sich die Psychiatrischen Universitätskliniken Aachen, Charité Berlin, Bonn, Düsseldorf, Erlangen, Mainz und Mannheim. Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Schwerpunktprogramms «Nikotin: Molekulare und Physiologische Effekte im Zentralen Nervensystem» (SPP1226, WI1316/9-1) gefördert.
Kontakt:
Prof. Dr. rer. nat. Boris B. Quednow
Experimentelle und Klinische Pharmakopsychologie
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Tel. +41 44 384 27 77
E-Mail: quednow@bli.uzh.ch

Nathalie Huber | idw
Weitere Informationen:
http://www.mediadesk.uzh.ch/

Weitere Berichte zu: Psychiatrie Quednow Reiz Reizfilterung Risikogen Schizophrenie TCF4 TCF4-Gens

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Satellitenbilder zur Erfassung von Biodiversität nur bedingt tauglich
20.11.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

nachricht Sehen, hören und fühlen in der Nanowelt
20.11.2017 | Technische Universität Chemnitz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mehr Sicherheit beim Fliegen dank neuer Ultraschall-Prüfsysteme

20.11.2017 | Maschinenbau

Spin-Strom aus Wärme: Neues Material für höhere Effizienz

20.11.2017 | Physik Astronomie

Satellitenbilder zur Erfassung von Biodiversität nur bedingt tauglich

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie