Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nord-Süd-Gefälle: Europäische Vogelarten legen mehr Eier

09.12.2008
Temperaturunterschied zwischen Sommer und Winter ist wesentlicher Faktor für die Gelegegröße von Vögeln - Veröffentlichung in PLoS Biology

Es gibt ungefähr 9700 Vogelarten auf der Welt. Manche von ihnen legen zehn Eier in ihr Nest, andere nur eines. Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der University of California San Diego und der Stanford University haben nun mit einem neuen Ansatz untersucht, welche Faktoren für die Gelegegröße entscheidend sind, und damit die erste globale Analyse der Gelegegrößen von Vögeln vorgelegt.

"Wir stellen ein eindeutiges Nord-Süd-Gefälle fest", teilte Univ.-Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese vom Institut für Zoologie der Universität mit. "In nördlicheren Ländern legen die Vögel mehr Eier, in den Tropen weniger." Der entscheidende Grund für die unterschiedlichen Gelegegrößen, so haben die Wissenschaftler entdeckt, ist die Temperaturdifferenz zwischen Sommer und Winter und die damit verbundenen Folgen für das Leben der Vögel. Die Ergebnisse wurden in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsjournals PLoS Biology veröffentlicht.

Kohlmeisen legen 7 bis 10 Eier in ihr Nest, das Rebhuhn sogar 10 bis 20 - im höchsten Fall sogar 29. Dagegen finden sich in den Nestern von Ringeltauben nur jeweils 2 Eier, allerdings mehrmals pro Jahr. Der Gänsegeier, der früher bei uns in Deutschland brütete, legt nur ein Ei pro Nest und Jahr. Um diese Unterschiede zu erklären, wurden bislang zwei unterschiedliche Ansätze verfolgt: Entweder die Gelegegrößen wurden mit biologischen Eigenschaften wie beispielsweise dem Körpergewicht in Verbindung gebracht oder aber es wurden Umweltfaktoren wie etwa das Klima herangezogen. In der jetzt vorgelegten Studie kombinieren die Wissenschaftler die beiden Ansätze und greifen zudem auf den weltweit größten Datensatz zu. "Wir haben knapp 5300 Vogelarten mit ihren unterschiedlichen Merkmalen erfasst und untersucht. Das ist bei weitem die umfangreichste Datensammlung, die es gibt", so Cagan Sekercioglu, ein Mitautor der Studie. Der Vogelexperte weist allerdings auch darauf hin, dass die Datenlage nicht ganz einheitlich ist. Während beispielsweise die Briten als fanatische Hobby-Ornithologen in den früheren Kolonien die Vogelbestände genau beobachtet und ihre Erkenntnisse niedergeschrieben haben, weshalb Länder wie Indien hervorragend dokumentiert sind, liegen aus Ozeanien nur für etwa 16 Prozent der Arten Daten vor.

Die Auswertung des riesigen Datensatzes zeigte, dass man mit nur wenigen Faktoren erklären kann, wie viele Eier ein Vogelweibchen normalerweise in ein Nest legt. Je größer der Temperaturunterschied zwischen Sommer und Winter, desto mehr Eier produzieren die Vögel. Das erklärt die größere Eieranzahl in Europa und Nordamerika und die geringere Gelegegröße in den Tropen. "Bei den tropischen Vögeln zum Beispiel bekommen die Grasmücken nur zwei Junge, die aber von den Eltern noch nach zwei Monaten gehegt, gepflegt und gefüttert werden", erklärt Böhning-Gaese. "Also wenig Nachwuchs, der aber so gut wie nur möglich versorgt wird." Weiter stellten die Forscher fest, dass Nesthocker wie Amseln und Meisen weniger Eier legen als Nestflüchter, wozu die Hühnervögel zählen. Höhlenbrüter wie Meisen und Spechte haben ein größeres Gelege als Offennestbrüter. "Das ist eigentlich erstaunlich, das ist von Untersuchungen über das Überleben von Vogelbeständen nicht zu erwarten, sind doch die Höhlenbrüter besser vor Räubern geschützt." Die Körpergröße der jeweiligen Vogelart ist dagegen viel weniger wichtig für die Eieranzahl, wie erwartet worden wäre.

Die Zusammenführung von zwei Denkansätzen - den sogenannten intrinsischen Faktoren, die auf der Biologie der Arten beruhen, und den makroökologischen Faktoren - in einer Analyse markiert einen Wendepunkt in der Forschung: Was früher in Einzeldisziplinen zerfallen ist, wird nun wieder zusammengeführt zu einer neuen Synthese. Profitieren könnte davon auch der Umwelt- und Artenschutz. Walter Jetz, Erstautor der Studie, merkt an: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass nicht nur der Lebensstandort von Arten, sondern auch deren Lebensweise eng mit dem Klima abgestimmt sind. Rapide Änderungen des Klimas können damit lang evolvierte Verknüpfungen von Verhalten und Klima zerrütten und damit Arten zusätzlich gefährden."

Böhning-Gaese schließt: "Wir können mit solchen Analysen die durchschnittliche Gelegegröße einer Vogelart irgendwo auf der Erde mit großer Wahrscheinlichkeit richtig voraussagen. Dies kann auch helfen, bestimmte Arten vor dem Aussterben zu schützen. Arten, die wenig Eier legen sind durch den Eingriff des Menschen, bei Umweltkatastrophen und auch durch globale Klimaveränderungen stärker gefährdet als andere." Ein Beispiel sind die Albatrosse, von denen viele Arten in zwei Jahren nur ein Ei legen und die unter anderem durch die Langleinen-Fischerei im südlichen Polarmeer vom Aussterben bedroht sind.

Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese
Institut für Zoologie, Abt. V
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. 06131 39-23949
Fax 06131 39-23731
E-Mail: boehning@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.oekologie.biologie.uni-mainz.de/commecol/main.html
http://biology.plosjournals.org/
http://biology.ucsd.edu/scicomm/clutch/clutch1.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers
28.04.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Forschungsteam entdeckt Mechanismus zur Aktivierung der Reproduktion bei Pflanzen
28.04.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie