Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mutige Fischmännchen führen Rivalen hinters Licht

17.06.2015

Wenn Tiere in Gruppen leben, steht nahezu jede ihrer Verhaltensweisen unter der Beobachtung ihrer Artgenossen – so auch die Partnerwahl. In einer neuen Studie untersuchten Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) deshalb, welche Rolle der soziale Kontext und die individuelle Persönlichkeit von Fischmännchen beim Werben um Weibchen spielen. Sie fanden heraus, dass mutige Fische ihre Rivalen geschickt täuschen, indem sie ihre wahren Präferenzen verschleiern. Schüchterne Artgenossen hingegen weichen ihrer Auserwählten nur selten von der Seite. Die Ergebnisse wurden jetzt in der internationalen Fachzeitschrift „Behavioral Ecology“ veröffentlicht.

In einer neuen Studie konnten Wissenschaftler erstmals nachweisen, dass sich die Persönlichkeit von Fischmännchen auf ihr Verhalten bei der Partnerwahl auswirkt. Beeinflusst wird dieser Zusammenhang vom sozialen Kontext und der wahrgenommenen Konkurrenzsituation.


Zwei männliche Atlantikkärpflinge (Poecilia mexicana): Männliches Partnerwahlkopieren kann wertvolle Zeit sparen, führt allerdings auch zu einer stärkeren Konkurrenz der Rivalen. Mutige Männchen umgehen diese Konkurrenz durch geschickte Täuschungsmanöver: Sie gaukeln ihren Konkurrenten Interesse an weniger attraktiven Weibchen vor und locken ihre Rivalen dadurch von ihrer auserwählten Fischdame weg.

Foto: David Bierbach


Im Süden Mexikos bewohnen die Atlantikkärpflinge (Poecilia mexicana) vor allem kleinere Bergbäche. Doch auch in Brackgewässern sind sie anzutreffen. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich entlang der Atlantikküste Mittel- und Südamerikas.

Foto: David Bierbach

Wie wir Menschen nutzen auch Tiere soziale Informationen und kopieren das Verhalten ihrer Artgenossen. Eine weit verbreitete Form dieses sozialen Lernens ist im Tierreich das Nachahmen bei der Partnerwahl. Das spart Zeit und wertvolle Ressourcen.

Müsste doch sonst jedes Männchen selbst herausfinden, welches Weibchen gerade empfängnisbereit ist. Kärpflingsmännchen (Poecilia mexicana) zum Beispiel können den Empfängniszustand nur durch das „Beschnuppern“ der weiblichen Genitalöffnung erkennen – eine verhältnismäßig zeitaufwändige Prozedur.

Fischmännchen kopieren die Partnerwahl ihrer Artgenossen

Clevere Kärpflinge umgehen dieses Problem dadurch, dass sie Weibchen auswählen, die auch von anderen Paarungswilligen bevorzugt werden. – Männliches Partnerwahlkopieren nennen Wissenschaftler dieses Phänomen. „Das führt manchmal dazu, dass fast ein Dutzend Männchen entweder kurz hintereinander oder sogar zeitgleich versuchen, ein einziges Weibchen zu begatten“, erklärt Dr. David Bierbach, der die Studie am Leibniz-IGB leitete. Für den ersten, der das empfängnisbereite Weibchen entdeckt hat, verringere ein solcher Ansturm die Chance auf eigene Nachkommen.

Einige Kärpflingsmännchen machen sich deshalb Täuschungsmanöver zunutze. Sie locken ihre Rivalen auf eine falsche Fährte, indem sie ihre sexuelle Aktivität reduzieren oder ihre wahren Präferenzen verschleiern. Umgarnen sie ein vormals nicht bevorzugtes Weibchen, bleibt die ursprünglich Auserwählte unbehelligt. – Die Wahrscheinlichkeit, dass die Spermien des Männchens ihre Eier befruchten, steigt nun von Minute zu Minute, in der sie keine fremden Avancen erhält.

Risikofreude ist von Persönlichkeit und Sozialisierung der Fische abhängig

Ein solches Täuschungsmanöver birgt jedoch für Männchen die Gefahr, das präferierte Fischweibchen aus den Augen zu verlieren. Das Forscherteam um David Bierbach wollte deshalb herausfinden, wie Fische dieses Risiko zwischen Konkurrenz und Verlust abwägen und welche Rolle ihre individuelle Persönlichkeit dabei spielt. Sie fanden heraus, dass mutige Männchen stärker auf ihr soziales Umfeld reagieren als schüchterne Artgenossen: Wurden sie von anderen Männchen beobachtet, griffen sie besonders oft auf Ablenkungsmanöver zurück.

„Individuelle Persönlichkeitsattribute wie Mut oder Aktivität können auch von der Sozialisierung des jeweiligen Männchens abhängen“, sagt David Bierbach. „Wir setzten die Fische deshalb im Vorfeld unterschiedlichen sozialen Bedingungen aus.“ Männchen, die viele Konkurrenten in ihrem Umfeld gewöhnt waren, reagierten daraufhin viel stärker auf Rivalen als Männchen, die zuvor kaum Konkurrenz erlebt hatten. „Und gerade bei denen, die viel Konkurrenz gewöhnt waren, sind es die Mutigen, die verstärkt auf Täuschungsmanöver vertrauen“, ergänzt der Biologe.

Konkurrenz macht wählerisch

Auch stellten die Forscher fest, dass an Konkurrenz gewöhnte Männchen viel wählerischer sind als isoliert lebende Artgenossen. Ein möglicher Grund: Weitgehend isoliert lebende Männchen haben auch weniger Kontakte zu Weibchen und können es sich somit nicht leisten, wählerisch zu sein.

Warum aber mutige Männchen eher zu Täuschungsmanövern neigen, ist noch weitgehend unerforscht. „Wir vermuten, dass mutigere Männchen generell von den Weibchen stärker als Paarungspartner präferiert werden – sie würden damit ihre auserwählte Fischdame nicht so leicht verlieren, wenn sie sich von ihr wegbewegen“, erklärt David Bierbach. „Sie gehen somit ein für sie gut kalkulierbares Risiko ein, auch wenn sie ein Weibchen aus den Augen lassen.“ Demnach könnten mutigere Männchen von ihren Täuschungsmanövern überproportional profitieren.

Die Beobachtungen lassen also vermuten, dass solcherlei Täuschungsmanöver bei der Partnerwahl im Tierreich durchaus von Erfolg gekrönt sein können. Gelingt es Männchen, ihre Rivalen auf falsche Fährten zu locken, steigert das ihre Aussichten auf zahlreiche Nachkommen.

Quellen:

Bierbach D, Sommer-Trembo C, Hanisch J, Wolf M, Plath M (2015): Personality affects mate choice: bolder males show stronger audience effects under high competition. Behavioral Ecology (online first).

Bierbach D, Kronmarck C, Hennige–Schulz C, Stadler S, Plath M (2011): Sperm competition risk affects male mate choice copying. Behavioral Ecology and Sociobiology 65:1699-1707.


Ansprechpartner:

Dr. David Bierbach
Wissenschaftler
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin
E-Mail: bierbach@igb-berlin.de
Tel.: +49 (0) 30 64181 615

Angelina Tittmann
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin
E-Mail: tittmann@igb-berlin.de
Tel.: +49 (0) 30 64181 631

Weitere Informationen zum Leibniz-IGB:
Die Arbeiten des Leibniz-IGB verbinden Grundlagen- mit Vorsorgeforschung als Basis für die nachhaltige Bewirtschaftung der Gewässer. Das Leibniz-IGB untersucht dabei die Struktur und Funktion von aquatischen Ökosystemen unter naturnahen Bedingungen und unter der Wirkung multipler Stressoren. Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Langzeitentwicklung von Seen, Flüssen und Feuchtgebieten bei sich rasch ändernden globalen, regionalen und lokalen Umweltbedingungen, die Entwicklung gekoppelter ökologischer und sozioökonomischer Modelle, die Renaturierung von Ökosystemen und die Biodiversität aquatischer Lebensräume. Die Arbeiten erfolgen in enger Kooperation mit den Universitäten und Forschungsinstitutionen der Region Berlin/Brandenburg und weltweit. Das Leibniz-IGB gehört zum Forschungsverbund Berlin e. V., einem Zusammenschluss von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin. Die vielfach ausgezeichneten Einrichtungen sind Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft.

Weitere Informationen:

http://www.igb-berlin.de

Karl-Heinz Karisch | Forschungsverbund Berlin e.V.

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

nachricht Schimpansen belohnen Gefälligkeiten
23.06.2017 | Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPIMIS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften