Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Aus groß wird klein - Umweltveränderungen beeinflussen die Größenentwicklung von Tieren

26.02.2013
Die Knochenreste von Spitzmäusen ermöglichten einem internationalen Forschungsteam unter anderem von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) den Nachweis, dass neben dem Klima auch Umweltveränderungen die Körpergröße von Tieren beeinflussen.
Das Team untersuchte genetische Verwandtschaftsbeziehungen und morphologische Merkmale von viele Jahrtausende alten Spitzmäusen, die in drei Höhlen in Deutschland und Österreich geborgen wurden. Ihre Erkenntnisse über die Evolutionsvorgänge bei Tieren in der jüngeren Vergangenheit veröffentlichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachmagazin „Global Change Biology“.

Bisherige Erkenntnisse zeigten, dass es bei der Waldspitzmaus am Ende der Eiszeit in einigen Gebieten Europas zu einer so bedeutenden Größenänderung kam, dass von der Existenz einer eigenen eiszeitlichen Art (mit bisher unbekanntem Ursprung) ausgegangen wurde. „Dabei handelte es sich um eine Größenveränderung innerhalb derselben Art, die durch bestimmte Umweltverhältnisse hervorgerufen wurde“, beschreibt Dr. Robert Sommer von der Kieler Universität die neuen Forschungsergebnisse. „Die Populationen dieser übermäßig großen Waldspitzmäuse sind nach der Eiszeit über natürliche Selektion sofort durch ihre kleineren Artgenossen ersetzt worden, weil die Größe in einer veränderten Umwelt absolut unvorteilhaft war.“ Denn mit der schwindenden Eiszeit boten die Eiszeitmäuse eine zu große Angriffsfläche für die wachsende Zahl an Jägern.

Stefan Prost, University of Otago, Dunedin und University of California, Berkeley ist als Initiator der Studie fasziniert davon, dass die DNA in den Unterkiefern der Spitzmäuse, die er in seiner Studentenzeit am Paläontologischen Institut der Universität Wien ausfindig machte, auch noch nach 13.000 Jahren ihre Geheimnisse preisgeben: „Wir können zeigen, dass nicht die niedrigen Temperaturen während der Eiszeit per se die Arten größer werden ließen. Veränderte Umweltverhältnisse wie die Konkurrenz durch andere Arten, das Vorhandensein einer eiszeitlichen Vegetation, wie sie heute nicht mehr zu finden ist, und das damit verbundene Nahrungsvorkommen spielten ebenso eine wichtige Rolle.“

Dies zeigt sich vor allem dadurch, dass es während der sehr kalten Bedingungen vor zirka 60.000 Jahren zu keiner Größenveränderung bei der Waldspitzmaus kam, wohl aber in der Zeit vor zirka 13.000 Jahren während einer kurzen Klimaerwärmung, weiß Mitautor Johannes Klietmann von der Universität Wien: „Der Größenvergleich der Knochen zeigt deutlich, wie differenziert Organismen in ihrer Ausbreitung und ihren Körpermerkmalen auf Umweltveränderungen reagiert haben.“

Michael Hofreiter, Professor für molekulare Evolution an der Universität York, unter dessen Leitung Prost und Sommer den Umgang mit fossiler DNA erlernten, freut sich darüber, dass sich die Untersuchung alter DNA in Kombination mit anderen Methoden als schlagkräftiges Instrument zum Verständnis von Evolutionsprozessen erwiesen hat: „Wir sollten solche Erkenntnisse nutzen, um auf den bevorstehenden Klimawandel vorbereitet zu sein“, so Hofreiter.

Hintergrund:
Spitzmäuse sind Insekten fressende Kleinsäugetiere und kommen nahezu überall in Europa und Asien vor. Einige Arten wie zum Beispiel die Waldspitzmaus (Sorex araneus) sind in der Lage, sich in ihrem weiten Verbreitungsgebiet verschiedenen ökologischen Bedingungen anzupassen und besiedeln daher mediterrane Gebiete ebenso wie kalte Tundrengebiete. Bei Eulen, den heimlichen Jägern der Nacht, stehen Spitzmäuse ganz oben auf dem Speiseplan. Sie stellen nach wie vor einen wesentlichen Anteil ihrer Nahrung dar. Auch während der letzten Eiszeit, vor zirka 60.000 Jahren, kamen Eulen in Europa vor. Sie versteckten sich tagsüber in Höhlen, in denen auch der Neandertaler und bald darauf der moderne Mensch Zuflucht suchten. Da Eulen die Knochen und Haare der Spitzmäuse nicht verdauen, sondern in Form von „Gewöllen" wieder auswürgen, gelangten ihre Knochen in die Erdschichten der Höhlen, wo sie von Paläontologinnen und Paläontologen geborgen wurden.
Originalpublikation:
Prost, S., Klietmann, J., van Kolfschoten, T., Guralnick, R. P., Waltari, E., Vrieling, K., Stiller, M., Nagel, D., Rabeder, G., Hofreiter, M. & Sommer, R. S. (2013): Effects of Late Quaternary climate change on Palearctic shrews. Global Change Biology 19 (online early). http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/gcb.12153/abstract

Kontakt:
PD Dr. Robert Sommer
Telefon: 0431-880-1106
E-Mail: rsommer@ecology.uni-kiel.de

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Presse, Kommunikation und Marketing, Dr. Boris Pawlowski, Text: Claudia Eulitz
Postanschrift: D-24098 Kiel, Telefon: (0431) 880-2104, Telefax: (0431) 880-1355
E-Mail: presse@uv.uni-kiel.de

PD Dr. Robert Sommer | Uni Kiel
Weitere Informationen:
http://www.uni-kiel.de
http://www.uni-kiel.de/aktuell/pm/2013/2013-057-spitzmaus.shtml

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zebras: Immer der Erinnerung nach
24.05.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

nachricht Wichtiges Regulator-Gen für die Bildung der Herzklappen entdeckt
24.05.2017 | Universität Basel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten

CRTD erhält 1.56 Millionen Euro BMBF-Förderung für Forschung zu degenerativen Netzhauterkrankungen

24.05.2017 | Förderungen Preise

Neues Helmholtz-Institut in Würzburg erforscht Infektionen auf genetischer Ebene

24.05.2017 | Förderungen Preise