Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sind Fledermäuse ein Gesundheitsrisiko?

05.05.2010
Fledermäuse spielen eine wichtige Rolle für viele Ökosysteme. Sie stehend aber auch zunehmend im Verdacht, Krankheiten zu übertragen.

Obwohl man sie fast nie zu sehen bekommt, spielen Fledermäuse für Ökosysteme und damit auch für den Menschen eine wichtige Rolle. Während ihrer nächtlichen Ausflüge vertilgen sie Unmengen von Insekten, bestäuben Pflanzen und verbreiten Samen indem sie Früchte fressen. Rund 1200 Arten gibt es weltweit, jede fünfte Säugetierart ist eine Fledermaus!

Seit kurzem weiß man aber, dass von Fledermäusen auch eine Bedrohung ausgehen kann: Sie stehen im Verdacht, verschiedene Virus-Erkrankungen zu verbreiten. Was man bislang hauptsächlich den Nagetieren zuschrieb, nämlich sogenannte Zoonosen zu übertragen, das sind Krankheiten die Mensch und Tier gleichermaßen befallen, könnte auch auf Fledermäuse zutreffen.

Die Problematik der Tollwutübertragung ist bereits seit längerem für Blut saugende Vampirfledermäuse in Lateinamerika bekannt. Auch einige europäische, insektenfressende Fledermäuse stehen im Verdacht, Tollwut übertragen zu können. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit auf eine tollwütige Fledermaus in Deutschland zu treffen äußerst gering. Und durch Impfung und entsprechende Verhaltensregeln kann man sich vor einer Ansteckung schützen. Für die Tropen, speziell Afrika und Asien, konnten Forscher allerdings einige für den Menschen gefährliche Viren nachweisen, darunter Henipaviren, die für asiatische Flughunde bekannt sind.

Fledermausforscher und Infektionsbiologen beschäftigt zunehmend die Frage, warum die Flattertiere so anfällig für Krankheiten sind. Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin lud nun erstmals Experten aus aller Welt zu einem offenen Diskurs über dieses Thema ein. Die Experten berichten darüber in dem renommierten Fachjournal Biology Letters. Dr. Christian Voigt, einer der Organisatoren der Tagung, kennt mehrere Faktoren, die Fledermäuse als Reservoir für Infektionskrankheiten ideal erscheinen lassen: „Fledermäuse sind trotz ihrer Kleinheit extrem langlebig, einheimische Arten können 20 bis 30 Jahre alt werden“, so der Biologe. Mit ihrer Lebensdauer können sie so Krankheitserreger über einen relativ langen Zeitraum anhäufen.

Außerdem sind Fledermäuse sehr sozial: Manche Arten füttern sich gegenseitig, andere hängen in millionenstarken Kolonien dicht an dicht in Höhlen. „Das erhöht natürlich die Übertragungsrate von Erregern“, so Voigt. In den Tropen fressen Fledermäuse Früchte, die mit Kot von Artgenossen verdreckt sein können, von ihnen angeknabberte Früchte werden auch von Menschen verzehrt. Mitunter landet in manchen tropischen Ländern sogar die Fledermaus im Kochtopf, was der Übertragung von Krankheiten Tür und Tor öffnet. Was kaum jemand weiß: Manche Fledermausarten sind sehr mobil, sie flattern nicht nur in einem eng begrenzten Radius herum sondern können ähnlich wie Zugvögel hunderte oder gar tausende von Kilometern zurücklegen und damit Krankheitserreger potenziell über große Distanzen verteilen. Und schließlich sind Fledermäuse Säugetiere, und damit ist ihr Immunsystem dem des Menschen ähnlicher als das von Vögeln, so dass fledermausspezifische Krankheitserreger leichter auf den Menschen wechseln können.

Aber auch die Fledermäuse selbst sind stark durch Infektionskrankheiten bedroht. In Nordamerika rafft eine Pilzerkrankung seit einigen Jahren Millionen von Tieren dahin. Das sogenannte White-Nose-Syndrom, bei dem sich ein weißer Pilzbelag auf der Nase der Tiere bildet, befällt ganze Populationen während ihres Winterschlafes in Höhlen, wenn die Abwehrkräfte der Tiere am schwächsten sind. Warum der Pilz ausgerechnet jetzt zuschlägt, wissen die Forscher noch nicht, lediglich dass er Kälte liebend ist und Temperaturen um 15 Grad bevorzugt. Die Forscher beschäftigt nun die Frage, ob europäischen Fledermäusen ein ähnliches Massensterben droht. Bislang sieht es nicht so aus, obwohl der Pilz vereinzelt auch in Europa nachgewiesen wurde. „Die betroffenen Tiere starben aber nicht und der Pilz hat sich auch nicht epidemieartig weiter verbreitet“, fasst Voigt die Beobachtungen zusammen. Die Wissenschaftler mutmaßen, dass der Pilz vielleicht sogar aus Europa stammt und europäische Flattertiere über Jahrtausende Abwehrmechanismen entwickeln konnten. Übertragen über Sporen, die an Menschen hafteten, könnte er die Amerikanischen Fledermäuse völlig unvorbereitet getroffen haben. Für Nordamerika ist dies ein ökologisches Desaster.

Gerade weil die Fledermäuse für die menschliche Gesundheit ein Problem darstellen können, hat die Erforschung ihrer Lebensweise höchste Priorität. Aber auch der Schutz von Fledermäusen ist extrem wichtig. Würden sie ihre Aufgabe als Insektenvertilger nicht mehr wahrnehmen können, postulieren Forscher einen explosionsartigen Anstieg von landwirtschaftlichen Schädlingen oder aber Krankheit übertragender Moskitos, mit ungeahnten indirekten Folgen für den Menschen. Wo tropische Fledermäuse wichtige Bestäuber von landwirtschaftlich relevanten Pflanzen bzw. Bäumen sind, wären viele Pflanzenarten und damit ganze Ökosysteme bedroht. Es kann deshalb nicht darum gehen, Fledermäuse zu vernichten oder aus unserer Umwelt zu verbannen, sondern Wege des Zusammenlebens zu finden. „Denn obwohl Fledermäuse potenziell Krankheiten verbreiten, hätten wir weitaus größere Probleme, wenn Fledermäuse aus unserer Umwelt verschwinden würden“, ist Voigt überzeugt.

Doi: 10.1098/rsbl.2010.0267

Kontakt:
PD Dr. Christian Voigt, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Tel.: 030 5168 517, voigt@izw-berlin.de

Christine Vollgraf | idw
Weitere Informationen:
http://www.izw-berlin.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Krebsdiagnostik: Pinkeln statt Piksen?
25.05.2018 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Kugelmühlen statt Lösungsmittel: Nanographene mit Mechanochemie
25.05.2018 | Technische Universität Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics