Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die beste Zeit fürs Kinderkriegen? Haselmäuse entscheiden nach komplexen Kriterien

27.04.2012
Winterschlaf führt zu unterschiedlichen Strategien bei der Fortpflanzung

Während Waldmäuse sich zwischen Februar und Oktober kontinuierlich und so oft wie möglich fortpflanzen, gebären Haselmäuse ihre Jungen entweder so früh wie möglich, nachdem sie aus dem Winterschlaf erwachen, oder so spät wie möglich – gerade noch rechtzeitig um den Jungen Zeit zu geben, sich auf den Winterschlaf vorzubereiten.


Haselmaus
Foto: Rimvydas Juskaitis

Diese Resultate von Claudia Bieber und Kollegen vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna sind in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Oecologia“ erschienen.

Laut der Life-History-Theorie, der Theorie zur Optimierung von Lebenszyklus-Strategien, passen Lebewesen ihre Fortpflanzung durch evolutive Prozesse an die Bedingungen ihrer Umwelt an. Dabei ändern sie verschiedene Faktoren wie beispielsweise den Zeitpunkt der der Geschlechtsreife oder die Geburtstermine ihrer Jungen. Laut dieser Theorie sollten die Tiere, den Umständen entsprechend, so viele überlebende Nachkommen wie möglich in die Welt setzen.
Winterschlaf beeinflusst Fortpflanzung

Claudia Bieber und ihre Kollegen vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) beobachteten bei einer wild lebenden Haselmauspopulation (Muscardinus avellanarius) in Litauen jetzt jedoch einen untypischen zweigipfeligen Verlauf der Geburtstermine innerhalb ihrer jährlichen Aktivitätsperiode. Ungefähr ein Drittel der Haselmäuse wurden im Frühsommer (Juni) geboren, die Mehrheit kam jedoch spät (August/September) zur Welt. Dazwischen, im Hochsommer, bekamen hingegen nur sehr wenige Haselmäuse Nachwuchs, obwohl sich die Umweltbedingungen nicht verschlechtert hatten.

Während Waldmäuse, wie auch viele andere Kleinsäuger, so oft wie möglich viele Junge bekommen, zeigen Haselmäuse in der untersuchten Population eine flexiblere Fortpflanzungsstrategie. Claudia Bieber und ihr Team nehmen an, dass die Ursache dieses ungewöhnlichen, bimodalen Musters der Geburtstermine im Auftreten des Winterschlafs bei dieser Tierart liegt.

Bislang wissen Forschende relativ wenig über die Überlebensraten von kleinen Winterschläfern. In der hier beschriebenen, so genannten Fang-Wiederfang Studie fanden Bieber und ihre Kollegen heraus, dass die Überlebensraten der Haselmäuse während der Winterschlafphase überraschend hoch waren. Im saisonalen Vergleich über alle Altersgruppen waren die mittleren Überlebensraten im Winter am höchsten. Sogar im Spätsommer geborene Tiere hatten im direkt darauffolgenden Winter gute Überlebenschancen.

Schnelle und langsame Strategien

Beim Vergleich der Anzahl an Jungen, die ein Weibchen über ihre gesamte Lebenszeit zur Welt bringt, fanden die Forscher zudem heraus, dass die im Frühjahr geborenen Tiere mehr Nachwuchs bekamen. Das liegt vermutlich daran, dass die im Mai geborenen Jungtiere noch im selben Jahr selbst Junge bekommen können. In Populationen, die vergleichsweise viele Fressfeinde haben, wie es in Litauen der Fall ist, scheint diese „schnelle” Lebensstrategie am erfolgreichsten zu sein. Allerdings schaffen es nur Weibchen mit relativ hohem Körpergewicht, schon im Frühjahr Junge zu bekommen. Für Weibchen mit niedrigerem Körpergewicht lohnt es sich eher, mit der Fortpflanzung bis zum Spätsommer zu warten und mit dembevorstehenden Winterschlaf die Überlebenschancen ihrer Jungen zu verbessern. Das kann man als eine „langsame“ Lebenszyklus-Strategie bezeichnen. “Am interessantesten an unserer Studie ist, dass Haselmäuse innerhalb einer einzigen Population verschiedene Lebenszyklus-Strategien verfolgen können“, sagt Claudia Bieber, „Wie unsere Studie zeigt, sind solche Strategien offenbar flexibler als bisher angenommen.“

Der Artikel „High survival during hibernation affects onset and timing of reproduction” von Claudia Bieber, Rimvydas Junkaitis, Christopher Turbill and Thomas Ruf wurde in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Oecologia” veröffentlicht (Volume 169, Number 1 (2012), 155-166, DOI: 10.1007/s00442-011-2194-7).

Zusammenfassung des wissenschaftlichen Artikels online (Volltext gegen Entgelt oder Subskription):

http://www.springerlink.com/content/n2757084356m77p4/

Rückfragehinweis
Dr. Claudia Bieber
Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 489 0915-230
E claudia.bieber@vetmeduni.ac.at

Aussender
Klaus Wassermann
Öffentlichkeitsarbeit/Wissenschaftskommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 25077-1153
E klaus.wassermann@vetmeduni.ac.at

Mag. Klaus Wassermann | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at/fiwi

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Einzelne Rezeptoren auf der Arbeit
19.10.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Rasche Umweltveränderungen begünstigen Artensterben
19.10.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mobilität 4.0: Konferenz an der Jacobs University

18.10.2017 | Veranstaltungen

Smart MES 2017: die Fertigung der Zukunft

18.10.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gravitationswellen: Sternenglanz für Jenaer Forscher

19.10.2017 | Physik Astronomie

Materie-Rätsel bleibt weiter spannend: Fundamentale Eigenschaft von Proton und Antiproton identisch

19.10.2017 | Physik Astronomie

Einzelne Rezeptoren auf der Arbeit

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie