Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Baukasten für die zelluläre Krebsimmuntherapie

08.08.2003


Ein wirtschaftliches und leicht anwendbares System für die so genannte zelluläre Immuntherapie entwickeln: Das ist der Auftrag des neu gestarteten InnoNet-Verbundprojekts "Geschlossenes System für zelluläre therapeutische Impfstoffe". Gemeinsam mit Krankenhäusern, Hochschulen und Biotech-Unternehmen will die Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in den kommenden Jahren ein neues Standardverfahren für die Gewinnung solcher Impfstoffe ausarbeiten. Dies soll neue Perspektiven im Kampf gegen Krebs, chronische Infektionen und Autoimmunkrankheiten eröffnen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) und deutsche Biotech-Unternehmen fördern den Verbund in den kommenden drei Jahren mit insgesamt 1,3 Millionen Euro.


Forscher des InnoNet-Projekts präsentieren einen mit Nährmedium gefüllten Beutel. Im Bild (v.l.): Dr. Holger Hänßle (Hautklinik Göttingen), Dr. Ute Pägelow (GBF ), Dr. Kurt Dittmar (GBF), Dr. Henk Garritsen (Städt. Klinikum Braunschweig) (Foto: GBF)


Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer humanen dendritischen Zelle (Foto: GBF)



Dem Patienten Immunzellen entnehmen, diese verändern, vermehren und ihren Rücktransfer vorbereiten: All diese Schritte sollen Mediziner künftig in sterilen Kunststoffbeuteln vornehmen können. Definierte Behälter-Typen wie Kultivierungsbeutel und Medienbeutel sowie spezielle Verfahren zur sterilen Probenentnahme und Zugabe von Nährstoffen werden dabei zu einem Modul-System kombiniert. Die einzelnen Komponenten sollen austauschbar und modifizierbar sein, so dass sich das ganze System auf verschiedene Krankheiten und auf individuelle Patienten-Profile anpassen lässt.



Erprobt wird das Modell zunächst am Beispiel des schwarzen Hautkrebses. So genannte dendritische Zellen, die im menschlichen Abwehrsystem eine wichtige Rolle bei der Erkennung körperfremder Bestandteile spielen, werden dem Patienten entnommen und modifiziert. Nach dem Rücktransfer in den Patienten sollen sie die Immunabwehr gegen Krebszellen aktivieren und die Tumorzellen im Körper beseitigen. Die Vorteile der Immuntherapie: Sie wirkt im ganzen Körper, belastet den Patienten wenig und die Klinikaufenthalte sind kurz.

Anwendungsfähiges Verfahren

Mit dem Programm InnoNet sollen kleine und mittelständische Unternehmen und Forschungseinrichtungen für eine stärkere Zusammenarbeit gewonnen werden, um Forschungsergebnisse schneller praktisch umzusetzen. Das Projekt zur Zellimmuntherapie bündelt die Interessen der beteiligten Unternehmen und der Forschungseinrichtungen, um gemeinsam ein anwendungsfähiges Verfahren für eine zelluläre Immuntherapie zu entwickeln.

"Inzwischen gibt es eine Reihe von klinischen Studien zur Krebsimmuntherapie", sagt Projektleiter Dr. Hansjörg Hauser von der GBF. "Aber es gelingt selten, das medizinische, wissenschaftliche und technische Know-how zusammenzubringen. Nur so lässt sich aber diese in der Erprobungsphase aufwändige Therapie konsequent, wirtschaftlich und mit den erforderlichen Qualitätsstandards entwickeln." Ein entscheidender Engpass sei auch die Herstellung der Impfstoffe gemäß arzneimittelrechtlicher Regeln unter den Bedingungen der Guten Herstellungspraxis (GMP oder Good Manufacturing Practice).

Mit Immunzellen Krebs bekämpfen

Krebs ist in Deutschland die zweithäufigste Todesursache, nur die Hälfte aller Krebspatienten wird mit den zur Verfügung stehenden Therapien geheilt. "Obwohl die Krebsforschung in den letzten 20 Jahren zu wesentlichen Erkenntnissen über die Entstehung und Entwicklung bösartiger Tumore geführt hat, macht die Krebstherapie nur langsame Fortschritte", erklärt Prof. Dr. med. Bernhard Wörmann, Chefarzt für Hämatologie und Onkologie am Städtischen Klinikum Braunschweig. Standard bei der Behandlung fester Tumore seien Operationen und Bestrahlungen, bei metastasierenden Krebserkrankungen und solchen des blutbildenden Systems die Chemotherapie. Wörmann ist sich mit Kooperationspartnerin Prof. Dr. med. Christine Neumann, Chefärztin der Hautklinik der Universität Göttingen, einig, dass neue Therapien benötigt werden, um Krebserkrankungen wirksam und gleichzeitig wirtschaftlich zu bekämpfen. Ein solcher Ansatz ist die Krebsimmuntherapie.

Die Zellimmuntherapie setzt auf das körpereigene Abwehrsystem, das grundsätzlich die Fähigkeit besitzt, bösartige Tumorzellen zu erkennen und zu beseitigen. Jede Krebszelle ist durch bestimmte Strukturen - die Tumorantigene - charakterisiert. Hat jedoch erst einmal eine Krebserkrankung im Körper gestreut, ist das Immunsystem meist nicht mehr in der Lage, die Tumorzellen vollständig zu entfernen und benötigt Unterstützung. Bei der Zellimmuntherapie wird das körpereigene Abwehrsystem gezielt gegen die vorhandenen Krebszellen stimuliert.

Zentraler Ansatz der Behandlung ist die gezielte Aktivierung des Immunsystems durch die so genannten dendritischen Zellen. Diese Zellen zeigen den Abwehrzellen im Körper, was "gut" und was "böse" ist. Mit Hilfe abgeschwächter und nicht mehr vermehrungsfähiger Viren werden die Tumorantigene im Reagenzglas in patienteneigene dendritische Zellen übertragen. Anschließend werden diese veränderten Zellen dem Patienten zurückgegeben, wo sie eine wirksame Stimulation der Abwehrzellen (tumorspezifische T-Zellen) auslösen, die den Tumor bekämpfen. Zurzeit konzentriert sich die experimentelle Therapie auf den schwarzen Hautkrebs.

Die beteiligten Partner

- Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (Molekulare Biotechnologie, GMP-Technikum)
- Städtisches Klinikum Braunschweig (Hämatologie/Onkologie, Transfusionsmedizin)
- Universität Ulm (Institut für medizinische Mikrobiologie)
- Universität Göttingen (Klinikum, Dermatologie und Venerologie)
- Miltenyi Biotec GmbH, 51429 Bergisch-Gladbach
- GlycoThera GmbH, Braunschweig
- VaDeCo Biotech GmbH und CoKG, Ulm-Lehr
- IBA Biologics GmbH, Braunschweig

Thomas Gazlig | idw
Weitere Informationen:
http://www.gbf.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Geteiltes Denken ist doppeltes Denken
19.01.2017 | Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)

nachricht Neue CRISPR-Methode enthüllt Genregulation einzelner Zellen
19.01.2017 | CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit

Fraunhofer-Institute entwickeln zerstörungsfreie Qualitätsprüfung für Hybridgussbauteile

19.01.2017 | Verfahrenstechnologie