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Fraunhofer in Österreich

27.05.2009
Fraunhofer hat eine neue Tochter: Fraunhofer Austria Research GmbH. Unter dem Dach der neuen gemeinnützigen Gesellschaft arbeiten zwei Forschungsgruppen in Graz und Wien: Gemeinsam mit den dort ansässigen Technischen Universitäten entwickeln sie praktische Lösungen für Auftraggeber aus der Industrie.

»Forschung kennt keine Grenzen – das gilt auch für die Auftragsforschung«, erklärt Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft bei der Eröffnung der Fraunhofer Austria Research GmbH in Wien. »Innerhalb der letzten Jahre ist in Europa ein bedeutender Markt für Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen entstanden.

Wer von diesem Markt profitieren will, der muss sich dem internationalen Wettbewerb stellen, Kontakte knüpfen sowie technologische Strömungen und Marktentwicklungen aufgreifen.« Die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft haben diesen Trend rechtzeitig erkannt: 2008 erwirtschafteten sie mit Auftragsforschung 52 Millionen Euro im europäischen Wirtschaftsraum, allein in Österreich waren es knapp 7 Millionen. Österreich ist damit der wichtigste Partner der Fraunhofer-Gesellschaft in Europa.

»Mit der Gründung der Fraunhofer Austria Research GmbH reagieren wir auf die steigende Nachfrage Österreichs nach Technologie-Transfer«, ergänzt Fraunhofer-Vorstand Prof. Ulrich Buller. »Hier können wir unsere Erfahrungen bei der Umsetzung neuer technischer Entwicklungen in praxistaugliche Produkte, die wir über sechs Jahrzehnte gesammelt haben, optimal einbringen.«

»Für die Intensivierung der Zusammenarbeit mit Österreich ist die Gründung der Fraunhofer-Austria Research GmbH ein wichtiger Schritt«, betont Prof. Wilfried Sihn, der zusammen mit Prof Dieter Fellner die Geschäftsführung der neuen GmbH übernommen hat. Unter ihrem Dach arbeiten zwei Forschungsgruppen in Graz und Wien. Gemeinsam mit den dort ansässigen Technischen Universitäten entwickeln sie praktische Lösungen für Auftraggeber aus der Industrie. Bis Ende 2009 werden 17 Mitarbeiter bei Fraunhofer Austria beschäftigt sein.

Kooperation schafft Win-win-Situation

In Graz ist die Projektgruppe an die TU angebunden. »Wir stehen hier im ständigen Austausch mit dem Exzellenzzentrum für Visual Computing, das zu den führenden Einrichtungen Europas auf diesem Gebiet gehört. Hier entstehen innovative Ideen, die nur darauf warten, in die Praxis umgesetzt zu werden«, erklärt Prof. Fellner. Der gebürtige Österreicher leitet das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Darmstadt sowie die Fraunhofer-Projektgruppe an der TU Graz. Ein neues Programm, das die Grazer Forscher entwickelt haben, ermöglicht beispielsweise die hochauflösende computergrafische Visualisierung von Oberflächen. »Traditionell werden gekrümmte Flächen durch ein Netz von Dreiecken dargestellt. Die Oberflächen wirken auf den ersten Blick zwar glatt, doch wer die Auflösung vergrößert, sieht Unebenheiten. Wenn es – wie bei Konstruktionszeichnungen – auf Details ankommt, können diese Ungenauigkeiten sehr störend sein. Mit den neuen Algorithmen lassen sich Oberflächen jetzt erstmals ohne Hilfskonstruktionen präzise darstellen«, erklärt Dr. Eva Eggeling, Leiterin des Geschäftsbereiches Visual Computing der Fraunhofer Austria Reseach GmbH in Graz. Zusammen mit ihrem Team hat sie die Algorithmen an die Bedürfnisse der Industriekunden angepasst. Mittlerweile wird die Technik von Partnern aus der Automobilindustrie beim Design von Kotflügeln und Felgen eingesetzt.

Auch Molekularbiologen profitieren von der Zusammenarbeit zwischen der TU Graz und den Fraunhofer-Forschern: Mit einer neuen Visualisierungs-Software lassen sich kompliziert gefaltete Proteine, die aus Tausenden von Aminosäuren bestehen, dreidimensional darstellen, drehen und heranzoomen. Sogar die Verbindung zwischen unterschiedlichen Molekülen kann sichtbar gemacht werden. »Bei der Untersuchung von Molekül-Strukturdaten entsteht eine riesige Datenflut, die kaum noch überschaubar ist. Unser Tool verwandelt diese Daten in anschauliche Bilder«, so Eggeling.

Kooperation erweitert den Horizont

In der österreichischen Hauptstadt Wien ist die Fraunhofer Projektgruppe für Produktion und Logistik angesiedelt. Ein strategisch idealer Standort, betont Prof. Wilfried Sihn, Vorstand des Instituts für Managementwissenschaften an der Technischen Universität Wien und in der Geschäftsführung von Fraunhofer Austria verantwortlich für den Geschäftsbereich Produktions- und Logistikmanagement. »Wien hat traditionell gute Verbindungen nach West- und Osteuropa und ist damit ein idealer Standort, um den Technologietransfer in den osteuropäischen Raum zu unterstützen.«

Die Fraunhofer-Gruppe in Wien ist darauf spezialisiert, Produktions- und Logistiknetzwerke von Produkten oder Unternehmen sowohl unter ökologischen als auch ökonomischen Gesichtspunkten zu optimieren. »Unser Ziel ist es, ganzheitliche, kundenindividuelle Lösungen zur Gestaltung des Wertschöpfungsnetzwerks zu finden«, erläutert Daniel Palm, Leiter des Geschäftsbereichs Produktions- und Logistikmanagement. »Die optimale Produktion ist abhängig von vielen Faktoren: Wichtig sind die Eigenschaften des Produkts wie Größe und Gewicht der Bauteile. Es spielt aber auch eine Rolle, wo sich die Kunden befinden. Entscheidend sind ferner die Stückzahlen, die gefertigt werden, der Automatisierungsgrad, die Standortfaktoren und die geforderte Qualität. Berücksichtigt werden müssen zudem die politischen Rahmenbedingungen, die Kosten und die Umweltbelastungen, die durch den Transport entstehen.« Früher sei die Produktion oft blind in Niedrigkostenstandorte verlagert worden, im Nachhinein habe sich dann häufig gezeigt, dass dies nicht die gewünschten Ergebnisse brachte. »Mit ganzheitlichen Ansätzen können wir die Produktionsbedingungen optimieren. Dabei zeigt sich oft, dass es sich lohnt, in Österreich oder Deutschland zu fertigen«.

Erst unlängst haben die Fraunhofer-Forscher zusammen mit den Wissenschaftlern der TU Wien eine Untersuchung durchgeführt, wie sich die Finanzkrise auf die Automobilindustrie Osteuropas auswirkt. Das verblüffende Ergebnis: Die Zulieferer und Produzenten in Osteuropa werden die Krise besser überstehen als die Unternehmen im Westen.

»Die Betriebe sind in mehrfacher Hinsicht im Vorteil«, erklärt Palm: »Sie haben geringere Produktionskosten, oftmals neue effiziente Werke und sie fertigen Kleinwagen, die derzeit gefragt sind, weil immer mehr Kunden sich – sowohl aus ökologischen als auch aus ökonomischen Gründen – für spritsparende Modelle entscheiden. Das bringt die Standorte in Westeuropa in Zugzwang und verändert wieder die Rahmenbedingungen.« Das Beispiel zeigt nicht nur, wie komplex die Zusammenhänge sind, sondern auch, dass sogar Krisen für einzelne Produktionsbereiche Chancen bergen können.

Daniel Palm | Fraunhofer Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.ipa.fraunhofer.de

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