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Forscher untersuchen Verlust der Nacht

04.06.2010
Wissenschaftler aus sieben Instituten der Leibniz-Gemeinschaft erforschen zusammen mit weiteren Partnern die Folgen des Verlusts der Nacht auf Mensch und Umwelt durch zunehmende künstliche Beleuchtung. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit etwa drei Millionen Euro gefördert.

Wissenschaftler aus sieben Instituten der Leibniz-Gemeinschaft erforschen zusammen mit Instituten der FU Berlin, der TU Berlin und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung die Folgen des Verlusts der Nacht auf Mensch und Umwelt durch zunehmende künstliche Beleuchtung. Das Projekt „Verlust der Nacht“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit etwa drei Millionen Euro gefördert. Am 11. Juni 2010 findet im Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) die Auftaktveranstaltung statt.

Straßenlampen, beleuchtete Werbetafeln, taghelle Büroräume mitten in der Nacht: Die künstliche Beleuchtung ist nachts allgegenwärtig. Doch welche Auswirkung hat sie auf Menschen und Tiere? In dem gerade gestarteten Projekt des Bundesforschungsministeriums für Bildung und Forschung mit dem Titel ‚Verlust der Nacht‘ untersuchen erstmalig Forscher unterschiedlicher Disziplinen diese komplexe Frage. Naturwissenschaftler (Ökologie, Chronobiologie, Evolutionsökologie, Meteorologie, Astronomie), Sozialwissenschaftler (Sozialforschung, Sozioökonomie, Kultur‐ und Sozialgeschichte) und Ingenieurwissenschaftler (Lichttechnik) forschen nach den ökologischen, gesundheitlichen sowie kulturellen und sozioökonomischen Ursachen und Auswirkungen der zunehmenden Beleuchtung der Nacht. Dabei nehmen sie vor allem Gewässer und Uferzonen in Städten und ländlichen Gebieten in den Blick.

Die Forschungsergebnisse sollen wissenschaftlich abgesicherte Indikatoren und Richtlinien für nachhaltige Beleuchtung liefern. Außerdem soll der Schutz von Mensch und Natur stärker in den Fokus rücken. Die Wissenschaftler wollen erste Beleuchtungskonzepte unter Berücksichtigung sozialer, energiepolitischer, gesundheitlicher und ökologischer Belange entwickeln. „Ein inter‐ und transdisziplinärer Ansatz ist dazu zwingend erforderlich“, sagt PD Dr. Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, der den Forschungsverbund leitet. Hölker weiter: „Wissenschaft, Kommunen und betroffene Bevölkerung müssen kooperieren, um erstmalig auch wissenschaftliche Grundlagen für eine Risikobewertung und Technikfolgenabschätzung zu legen.“

Hölker weist auf die zum Teil überraschenden Nebenwirkungen der künstlichen Beleuchtung für die natürliche und soziale Umwelt hin: „Da Licht in der Nacht positiv mit Werten wie Sicherheit, Wohlstand und Modernität besetzt ist, neigen wir dazu, unsere Umgebung intensiv zu beleuchten. Doch was unschätzbare Vorteile bringt, hat auch eine Schattenseite: Das auch als ‚Lichtverschmutzung’ bezeichnete Phänomen nimmt Schätzungen zufolge pro Jahr etwa um fünf bis sechs Prozent zu, mit bisher weitgehend unbekannten Auswirkungen auf Mensch und Natur.“ Diese Problematik ist noch so wenig erschlossen, dass es dem Verbund auch darum geht, die Komplexität der Lichtverschmutzung ins Bewusstsein zu rufen. Eine erste Bestandsaufnahme hat der Verbund in der Ausgabe 2/2009 des "Zwischenrufs" der Leibniz-Gemeinschaft vorgelegt.

Gerade die Disziplinen übergreifende Betrachtung des Themas fördert erheblichen Forschungsbedarf zu Tage. So ist zwar bekannt, dass Licht, vor allem der natürliche Rhythmus von Hell und Dunkel, die Verhaltensmuster der meisten Lebewesen beeinflusst, doch ob, wie und warum die einzelnen Lebensgemeinschaften im Wasser und an Land auf künstliche Lichteinflüsse reagieren, ist weitgehend unbekannt. Franz Hölker: „Während Luft‐, Lärm‐ oder Gewässerverschmutzung seit Jahrzehnten als ökologisch und gesundheitlich relevante Themen wissenschaftlich untersucht werden, befindet sich die Lichtverschmutzung sowohl gesellschaftlich als auch rechtlich nach wie vor im Dunkeln."

Der Sprecher des Leibniz-Forschungsverbundes ‚Verlust der Nacht‘ und Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Prof. Dr. Klement Tockner, fügt hinzu: "Es geht uns zunächst darum, die negativen Auswirkungen künstlicher Beleuchtung zu reduzieren, ohne die positiven Aspekte substantiell zu beeinträchtigen." Die Bestandsaufnahme solle erreichen, dass verschiedene gesellschaftliche Akteure – Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Verwaltung – gemeinsam dafür sorgen, dass das Licht künftig genau dosiert und lokalisiert dorthin gelangt, wo es gebraucht wird. "Wo es aber nicht benötigt wird, soll nach Möglichkeit auch kein Licht hinkommen, um nachtaktive Lebewesen nicht zu stören", sagt Tockner.

Hölker weist daraufhin, dass der interdisziplinäre Forschungsverbund ohne die Unterstützung durch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung nicht so rasch formiert worden wäre. Das Verbund-Projekt ‚Verlust der Nacht‘ ist zudem im Projekt MILIEU (Der Mensch im Ballungsraum unter Klima- und Umwelteinflüssen) eingebunden, finanziert vom Center for Cluster Development der FU Berlin.

Weitere Informationen:
PD Dr. Franz Hölker,
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
Müggelseedamm 310
12587 Berlin
030 64 181 665,
E-Mail: hoelker [at] igb-berlin.de
Pressesprecherin des IGB: Nadja Neumann
030/64181631
E-Mail: nadja.neumann [at] igb-berlin.de
Der Zwischenruf "Verlust der Nacht" steht als PDF-Dokument unter www.leibniz-gemeinschaft.de/zwischenruf zur Verfügung und kann in gedruckter Form unter presse@leibniz-gemeinschaft.de bestellt werden.

Die Leibniz-Gemeinschaft Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören zurzeit 86 Forschungsinstitute und wissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen für die Forschung sowie vier assoziierte Mitglieder. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesamtgesellschaftlich relevante Fragestellungen strategisch und themenorientiert. Dabei bedienen sie sich verschiedener Forschungstypen wie Grundlagen-, Groß- und anwendungsorientierter Forschung. Sie legen neben der Forschung großen Wert auf wissenschaftliche Dienstleistungen sowie Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Sie pflegen intensive Kooperationen mit Hochschulen, Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Das externe Begutachtungsverfahren der Leibniz-Gemeinschaft setzt Maßstäbe. Jedes Leibniz-Institut hat eine Aufgabe von gesamtstaatlicher Bedeutung. Bund und Länder fördern die Institute der Leibniz-Gemeinschaft daher gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen etwa 16.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon sind ca. 7.100 Wissenschaftler, davon wiederum 2.800 Nachwuchswissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,3 Mrd. Euro, die Drittmittel betragen etwa 280 Mio. Euro pro Jahr.

Josef Zens | idw
Weitere Informationen:
http://www.leibniz-gemeinschaft.de

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