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DFG richtet zehn neue Graduiertenkollegs ein

29.11.2010
Themen reichen von Autoimmunität-Forschung bis zu Markt-Steuerung / Hohe Zahl an Förderanträgen zeigt großes Interesse der Hochschulen an strukturierter Doktorandenausbildung

Zur weiteren Stärkung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland richtet die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zehn neue Graduiertenkollegs (GRK) ein. Dies wurde jetzt vom zuständigen Bewilligungsausschuss der DFG in Bonn beschlossen. Auch die neuen Graduiertenkollegs bieten Doktorandinnen und Doktoranden die Chance, in einem strukturierten Forschungs- und Qualifizierungsprogramm auf hohem fachlichem Niveau zu promovieren.

Die neuen Promotionsprogramme werden in der ersten Förderperiode von viereinhalb Jahren von der DFG mit einer Summe von insgesamt knapp 30 Millionen Euro gefördert. Zusätzlich zu den zehn Einrichtungen stimmte der Bewilligungsausschuss der Verlängerung von 25 Graduiertenkollegs für eine weitere Periode zu. Die DFG finanziert zurzeit 215 Graduiertenkollegs, davon 54 Internationale Kollegs, in denen die Geförderten eng mit ausländischen Universitäten kooperieren.

Der Bewilligungsausschuss hatte auf seiner zweiten Sitzung in diesem Jahr über besonders zahlreiche Förderanträge zu entscheiden. Insgesamt lagen nach den vorangegangenen Begutachtungen 15 Anträge auf Einrichtung neuer Graduiertenkollegs und 33 Anträge zur Fortsetzung laufender Kollegs vor. „Dies zeigt, wie außerordentlich hoch das Interesse der Hochschulen an den Graduiertenkollegs und wie erfolgreich dieses Modell der strukturierten Doktorandenausbildung ist, das in diesem Jahr ja seinen 20. Geburtstag feiert“, unterstrich DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner nach Abschluss der Sitzung. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sei der DFG ein „zentrales Anliegen“, gerade für das kommende Jahr habe sie deshalb die Mittel für die Graduiertenkollegs aus den Geldern des vom Bund und von den Ländern getragenen Paktes für Forschung und Innovation noch einmal erhöht. „Angesichts der besonders hohen Zahl an Einrichtungs- und Fortsetzungsanträgen mussten wir dieses Mal im Hinblick auf die wissenschaftliche Qualität und die Fördersummen gleichwohl noch strengere Maßstäbe anlegen als sonst“, so Kleiner.

Die neuen Graduiertenkollegs befassen sich unter anderem mit den zellulären Reaktionen auf ionisierende Strahlung oder Wechselwirkungen, die bei Steuerungsprozessen von Märkten auftreten. Weitere Themen sind die Weiterentwicklung von Hochtemperatursupraleitern, translationale Ansätze in der Autoimmunitäts-Forschung, psychologische Entwicklungsrisiken im Kindes- und Jugendalter oder das Konzept des „religiösen Wissens“.

Die neuen Graduiertenkollegs im Einzelnen
(in alphabetischer Reihenfolge der Sprecherhochschulen):
Das in der Ökonomie angesiedelte GRK 1659 „Interdependenzen in der Steuerung von Marktprozessen“ untersucht, inwieweit Lenkungsmaßnahmen in und auch zwischen den drei klassischen Marktbereichen – Produktmärkten, Finanzmärkten und Arbeitsmärkten – Wechselwirkungen zeigen. Insbesondere geht es darum, markt- und organisationsübergreifende Rückkopplungseffekte zu identifizieren. Wie sich mit diesen Rückkopplungseffekten und Wechselwirkungen der Markt effektiver regulieren lässt, ist eine weitere Fragestellung. Bei alledem kommt es den Kollegiatinnen und Kollegiaten auf eine ganzheitliche Betrachtung an.

(Sprecherhochschule: Humboldt-Universität Berlin; Sprecher: Professor Dr. Roland Strausz)

Muster in der Beziehung von Struktur, Dynamik und Funktion biologischer Systeme erforschen – das will das GRK 1772 „Computergestützte Systembiologie“. Es widmet sich der Entwicklung neuer theoretischer Konzepte und ihrer Anwendung auf aktuelle Probleme in der Zellbiologie. So soll das Verständnis von biologischen Erscheinungen und Prozessen, die Interpretation biologischer Daten und die Entwicklung neuer experimenteller und anwendungsbezogener Forschungsstrategien vorangetrieben werden. Dazu vereinen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Systembiologie, molekulare Zellbiologie und Mathematik und arbeiten darüber hinaus mit Konzepten und Methoden aus der Informationstheorie und Informatik sowie der Physik und Chemie.

(Sprecherhochschule: Humboldt-Universität Berlin; Sprecherin: Professorin Dr. Edda Klipp)

Ionisierende Strahlung kann für den Menschen lebensbedrohlich sein. Sie kann aber auch dazu beitragen, Leben retten zu helfen – etwa in der Tumortherapie. Insbesondere der Einsatz schwerer Ionen ist hier sehr erfolgreich: Sie bewirken genetische Veränderungen und hindern Tumorzellen so gezielt am Weiterwachsen, während das umliegende Gewebe weitgehend geschont wird. Wie die ionisierende Strahlung und insbesondere die schweren Ionen genau wirken, ist jedoch noch weitgehend unverstanden. Das zentrale Ziel des GRK 1657 „Molekulare und zelluläre Reaktionen auf ionisierende Strahlung“ ist daher, die Wirkmechanismen ionisierender Strahlung von der Ebene des Moleküls bis zur zellulären Reaktion und der Strahlenreaktion auf den Gesamtorganismus zu untersuchen und zu klären. Dazu sollen neuartige zell- und molekularbiologische sowie bioinformatische Forschungsansätze zusammengeführt werden.

(Sprecherhochschule: Technische Universität Darmstadt; Sprecher: Professor Dr. Markus Löbrich)

Die Entdeckung von Eisen-Arsen-Verbindungen als neue Klasse von Hochtemperatursupraleitern im Jahr 2008 hat zu einem neuen Aufbruch in der Erforschung des Phänomens Supraleitung geführt, der an den Beginn der Forschungen zur Hochtemperatursupraleitung vor circa 20 Jahren denken lässt. Ziel des GRK 1621 „Itineranter Magnetismus und Supraleitung in intermetallischen Verbindungen“ ist es nun, diese sogenannten Eisen-Pniktide und verwandte intermetallische Supraleiter zu untersuchen. Im Zentrum stehen die Aufklärung des bisher ungeklärten Mechanismus der Supraleitung in diesen Verbindungen sowie der Zusammenhang zwischen Magnetismus und Supraleitung, der an Kuprate und Schwer-Fermionen-Systeme erinnert. Weitere Ziele sind die systematische Suche nach neuen intermetallischen Systemen mit einer noch höheren kritischen Sprungtemperatur und die Erforschung des Anwendungspotenzials dieser Materialklasse.

(Sprecherhochschule: Technische Universität Dresden; Sprecher: Professor Dr. Hans-Henning Klauß)

Globale Agrar- und Lebensmittelmärkte erleben derzeit eine rasante Wandlung. Die Entwicklungen gehen hin zu höherwertigen Produkten und strikteren Standards für Produktion und Produkte, dahinter stehen neue Verbrauchergewohnheiten und der sich seinerseits rasch entwickelnde Agribusiness-Sektor. Das neue GRK 1666 „Transformation globaler Agrar- und Lebensmittelmärkte: Trends, Triebkräfte und Implikationen für Entwicklungsländer“ will die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Marktstruktur, Wettbewerbsfähigkeit und allgemeine Wohlfahrt analysieren. Von besonderem Interesse sind die Neugestaltung globaler Wertschöpfungsketten, Konsumentenpräferenzen und Ernährungseffekte sowie Probleme des Marktzugangs von Kleinbauern und Folgen für die ländliche Entwicklung. Dazu will das Kolleg in neuartiger Weise Ansätze der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre sowie der experimentellen Ökonomik verbinden.

(Sprecherhochschule: Universität Göttingen; Sprecher: Professor Dr. Matin Qaim)

Mit dem GRK 1670 „Mathematics inspired by string theory and QFT” soll die Interaktion zwischen mathematischer Physik und physikalisch inspirierter Mathematik gefördert werden. Innovative Kernidee des Kollegs ist es, im Verbund von Vertreterinnen und Vertretern aus der Mathematik und mathematischen Physik eine dringend benötigte neue Generation von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern auszubilden, die an von der String- und Quantenfeldtheorie her physikalisch motivierten hochaktuellen Themen und Fragestellungen der Mathematik und mathematischen Physik arbeiten und dabei die Sprache der Physik verstehen. Dadurch, dass Doktorandinnen und Doktoranden in der Mathematik parallel zur Arbeit an den individuellen Promotionsprojekten in systematischer Weise die Sprache und Kultur der theoretischen Physik erlernen, soll ein wichtiger Schritt in Richtung einer aktiven Interdisziplinarität zwischen diesen beiden Fächern geleistet werden.

(Sprecherhochschule: Universität Hamburg; Sprecher: Professor Dr. Bernd Siebert)

Im Bereich der experimentellen und theoretischen Teilchenphysik forscht das GRK 1694 „Elementarteilchenphysik bei höchster Energie und höchster Präzision“. Das Forschungsprofil des GRK orientiert sich an den neuesten Entwicklungen in diesem Bereich der Physik. Geplant sind Experimente am Large Hadron Collider (LHC), der seit März 2010 höchste Energien erschließt, sowie an weiteren internationalen Großexperimenten. Damit soll physikalisches Neuland betreten werden: Am LHC wird nach neuen Teilchen wie dem Higgs-Boson und möglichen supersymmetrischen Teilchen geforscht; darüber hinaus stehen im GRK seltene B-Zerfälle oder die absolute Bestimmung der Neutrino-Masse im Fokus. Weitere wichtige Aspekte sind die Entwicklung von verbesserten Analysemethoden und Detektoren im Bereich der LHC- und der Flavourphysik.

(Sprechereinrichtung: Karlsruher Institut für Technologie (KIT); Sprecher: Professor Dr. Dieter Zeppenfeld)

Grundlagenforschung zur Autoimmunität mit gezielten klinischen Anwendungen zu verknüpfen, ist das Anliegen des GRK 1727 „Modulation von Autoimmunität“. Autoimmunkrankheiten treten immer häufiger auf – doch trotz neuer Erkenntnisse zu ihrer Entstehung basiert die Therapie meist noch auf einer unspezifischen Unterdrückung des Immunsystems. Das erfolgreiche Umsetzen der Erkenntnisse in innovative therapeutische Strategien bleibt daher eine zentrale Herausforderung der klinisch relevanten Autoimmunitätsforschung. Das Forschungsprogramm des neuen GRK erstreckt sich auf die Entwicklung von Strategien zur Behandlung etablierter Autoimmunerkrankungen, aber auch auf die Identifikation neuer therapeutischer Targets bei Autoimmunität. Dabei steht es ganz im Zeichen translationalen Denkens zwischen präklinischer Forschung und klinischer Entwicklung.

(Sprecherhochschule: Universität Lübeck; Sprecher: Professor Dr. Detlef Zillikens)

Die Projekte des GRK 1668 „Intrapersonale Entwicklungsrisiken des Kindes- und Jugendalters in längsschnittlicher Sicht“ kombinieren verschiedene Teilgebiete der Psychologie, um basale Informationsverarbeitungsprozesse sowie spezifische Affekte und Kognitionen von Kindern und Jugendlichen zu erforschen. In einem dynamischen Entwicklungsmodell wird von einer komplexen Wechselwirkung von Risikofaktoren und Entwicklungsproblemen ausgegangen, die im Kindes- und Jugendalter relativ häufig beobachtet werden: Dazu gehören Lern- und Leistungsstörungen sowie Ess- und Gewichtsstörungen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden etwa Fragen nach der Spezifität von Risikofaktoren oder der Stabilität von Risikofaktoren und Entwicklungsproblemen bearbeiten. Berücksichtigt werden dabei auch Umwelteinflüsse.

(Sprecherhochschule: Universität Potsdam; Sprecherin: Professorin Dr. Birgit Elsner)

Unter dem Motto „Transfers und Transformationen – Wege zur Wissensgesellschaft der Moderne“ widmet sich das neue GRK 1662 dem Thema „Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800–1800)“. Dabei werden zwei Ziele verfolgt: Zunächst soll der Begriff des religiösen Wissens interdisziplinär als Forschungskonzept etabliert werden. Mithilfe dieses Konzepts soll dann in neuer Weise beschrieben werden, wie sich in Europa die sogenannte westliche Wissensgesellschaft mit ihren Selbstzuschreibungen der Toleranz, Säkularität, Rationalität und Ausdifferenzierung von Wissenschaft und Bildung, Recht und Politik, Religion, Kunst und Literatur entwickeln konnte. Der Begriff des religiösen Wissens selbst bezieht sich auf die zeit- und kulturspezifische Adaptation der schriftlich fixierten heiligen Texte der drei monotheistischen Religionen, welche die Geschichte Europas prägten. Das Kolleg stützt seine Forschungen auf die Annahme, dass Transformation und Transfer religiösen Wissens wesentlich zur Ausdifferenzierung von Wissensfeldern beigetragen haben.

(Sprecherhochschule: Universität Tübingen; Sprecher: Professor Dr. Andreas Holzem)

Weiterführende Informationen
Weitere Informationen erteilen die Sprecherinnen und Sprecher der Graduiertenkollegs.

Mehr zu Graduiertenkollegs unter: www.dfg.de/gk

Ansprechpartnerin in der DFG-Geschäftsstelle:
Dr. Annette Schmidtmann, Leiterin der Gruppe Graduiertenkollegs, Graduiertenschulen, Nachwuchsförderung, Tel. +49 228 885-2424, Annette.Schmidtmann@dfg.de

Marco Finetti | idw
Weitere Informationen:
http://www.dfg.de

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