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Von Blutgerinnung bis Wasserhaushalt

08.07.2011
DFG unterstützt weitere Forschergruppen, Klinische Forschergruppen und Kolleg-Forschergruppen

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet acht neue Forschergruppen, zwei Klinische Forschergruppen und zwei Kolleg-Forschergruppen ein. Das beschloss der Hauptausschuss der DFG auf seiner Juli-Sitzung in Bonn. Die Forschungsverbünde sollen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit bieten, sich aktuellen und drängenden Fragen in ihren Fächern zu widmen und innovative Arbeitsrichtungen zu etablieren.

Wie alle DFG-Forschergruppen werden die neuen Einrichtungen orts- und fächerübergreifend arbeiten. Alle Klinischen Forschergruppen verknüpfen die Bereiche Klinik, angewandte Forschung und Grundlagenforschung miteinander. Und mit den Kolleg-Forschergruppen werden exzellente Studien in wichtigen Forschungsfeldern der Geistes- und Sozialwissenschaften unterstützt.

So vielfältig das disziplinäre Spektrum ist, so breit gefächert sind auch die Forschungsfelder der Gruppen: Der thematische Bogen spannt sich von grundlegenden biomedizinischen Studien zur Blutgerinnung über die Erprobung innovativer Modelle für die Wasserforschung bis zur Etablierung einer Synthesetechnik für die Materialwissenschaft. Weitere Gruppen beschäftigen sich mit der Elitebildung im deutschen Bildungssystem oder mit dynamischen Wachstumsgesellschaften.

In den nächsten drei Jahren werden die acht neuen Forschergruppen circa 19,2 Millionen Euro erhalten; damit fördert die DFG insgesamt 190 Forschergruppen. Das Fördervolumen für die zwei neuen Klinischen Forschergruppen beträgt für die erste vierjährige Förderphase rund 5,1 Millionen Euro. Insgesamt unterstützt die DFG derzeit 32 Klinische Forschergruppen.

Die Förderungsdauer einer Kolleg-Forschergruppe ist auf acht Jahre angelegt. Die beiden neuen Gruppen werden in einer ersten vierjährigen Förderphase mit rund sechs Millionen Euro finanziert. Bislang konnte die DFG in dem 2008 eingeführten Programm sieben Gruppen bewilligen.

Die neuen Gruppen im Einzelnen (alphabetisch nach Sprecherhochschule):

DFG-Forschergruppen

Wasserstoffbrückenbildende Flüssigkeiten sind für biologische Systeme, aber auch für miniaturisierte technische Bauteile und Werkstoffe von grundlegender Bedeutung. Doch das Wissen um die Wirkungen nanoporöser Materialien und eingeschränkter Umgebungen auf Flüssigkeiten und Mischungen verschiedener Zusammensetzung ist bruchstückhaft. So widmet sich die neue Forschergruppe den „Wasserstoffbrückenbildenden Flüssigkeiten bei Anwesenheit innerer Grenzflächen unterschiedlicher Hydroaffinität“ und kombiniert dafür verschiedene Zugänge und Methoden, um das Zusammenspiel von Struktur, Dynamik und Phasenverhalten der Flüssigkeiten zu analysieren.

(Sprecher: Prof. Michael Vogel, Technische Universität Darmstadt)

Wie verändern sich der Stoffwechsel und die molekulare Interaktion zwischen Knochen, Gewebe und Metastasen, wenn sich Knochenmetastasen eines Primärtumors ausbilden? Diese Frage, die von ebenso drängender klinischer wie biomedizinischer Relevanz ist, steht im Zentrum der neuen Forschergruppe „SKELMET – Mesenchymale und osteogene Signalwege in der Knochenmetastasierung“. Dabei soll der ganze Prozess in den Blick genommen werden, um frühe Diagnostik und gezielte Therapie von Metastasen im menschlichen Skelett – eine häufig auftretende Komplikation bei Tumorleiden wie Brust- und Prostatakrebs – verbessern zu können.

(Sprecher: Prof. Lorenz C. Hofbauer, Universitätsklinikum Dresden)

Schulterschluss zwischen Chemie, Verfahrenstechnik und Materialforschung: Die Etablierung einer Synthesetechnik in Deutschland ist das langfristige Ziel der neuen Forschergruppe „Chemie und Technologie der Ammonothermal-Synthese von Nitriden“. Mittelfristig geht es den Forscherinnen und Forschern darum, technologisch interessante neue Nitride – das sind chemische Verbindungen des Stickstoffs mit einem weiteren, weniger elektronegativen Element – sowie verwandte Verbindungen zu schaffen. Sie sollen das Potenzial sichtbar machen, wie mit einem „alten“ Syntheseverfahren „neue“ Materialien hergestellt werden können.

(Sprecher: Prof. Eberhard Schlücker, Universität Erlangen-Nürnberg)

Relativsätze sind für die Grammatiktheorie von zentraler Bedeutung. Sie weisen eine Vielzahl von Eigenschaften auf, die die Sprachwissenschaft schon seit langem beschäftigen – und die in allen bisherigen Theorien geradezu widersprüchlich erscheinen. So ist etwa die Struktur und Typologie von Relativsätzen in wesentlichen Bereichen immer noch unklar. Hier setzt die Forschergruppe „Relativsätze“ an. Sie will diese innerhalb einer theoretisch orientierten Grammatikforschung untersuchen. Die Arbeit der Forschergruppe soll dabei auch Rückschlüsse auf allgemeine Prinzipien der Satz- und Strukturbildung im Bereich der Nominalphrasensemantik erlauben.

(Sprecher: Professor Thomas E. Zimmermann, Universität Frankfurt)

Die dynamische Regulation von Zell-zu-Zell-Kontakten analysieren – das will die Forschergruppe „Functional Dynamics of Cell Contacts in Cellular Assemblies and Migratory Cells”. Hierfür kombiniert sie Ansätze aus der Zellbiologie, der Entwicklungsbiologie und der Biophysik mit dem Ziel, Prozesse rund um den Aufbau von Gewebe besser zu verstehen. So geht die Forschergruppe etwa der Frage nach, welche Mechanismen der Form und Funktion von Zellkontakten bei Zellmigration unterliegen. Darüber hinaus untersucht sie, welche molekularen Mechanismen hinter dem biomechanischen Verhalten bei Zellkontakten stehen. Schließlich geht es der Gruppe darum, bisher gänzlich unbekannte Faktoren zu identifizieren, die auf die Prozesse einwirken und so die Zellkontakte beeinflussen.

(Sprecher: Prof. Jörg Großhans, Universität Göttingen)

Stichworte wie „Elite und Exzellenz“ prägen den gesellschaftlichen Diskurs um das deutsche Bildungssystem. Bislang ist das Themenfeld „Elite und Bildung“ in der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Forschung jedoch nur wenig untersucht worden. Die Forschergruppe „Mechanismen der Elitebildung im deutschen Bildungssystem“ will nun die Prozesse der sozialen Konstruktion und Herstellung von Exzellenz in zentralen Bildungsinstitutionen und an verschiedenen Bildungsorten analysieren. In einem umfassenden Ansatz wollen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Hochschule widmen. Das Ziel ist, die Bedeutung von Distinktion und Kohärenzbildung sowohl für die Bildungsadressaten als auch für die Bildungsanbieter empirisch herauszuarbeiten.

(Sprecher: Prof. Heinz-Hermann Krüger, Universität Halle-Wittenberg)

Der sogenannte Von-Willebrand-Faktor ist ein Schlüsselprotein bei der Blutstillung im menschlichen Körper. Ist seine Funktion gestört, kommt es zu Blutgerinnungsleiden. Die Forschergruppe „Shear Flow Regulation of Hemostasis – Bridging the Gap Between Nanomechanics and Clinical Presentation“ will die Struktur und Funktion des Von-Willebrand-Faktors tiefer verstehen. Dafür setzt sie auf die Kooperation von Medizinern mit experimentell und theoretisch arbeitenden Biophysikern, Nanowissenschaftlern und Physiologen. In gemeinsamer Anstrengung sollen die Regulationsprozesse im Detail aufgeklärt werden. Davon könnten langfristig auch die Diagnostik und Therapie von angeborenen Blutgerinnungsstörungen, akuten Thrombosen oder Schlaganfällen profitieren.

(Sprecher: Prof. Reinhard Schneppenheim, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf)

„From Catchments as Organised Systems to Models based on Dynamic Functional Units“, kurz CAOS, nennt sich eine neue deutsch-luxemburgische Forschergruppe, die im Zusammenwirken von Geowissenschaftlern, Bodenphysikern, Hydrologen und Atmosphärenforschern grundlegende Fragen zur Wasserverfügbarkeit aufgreift. Dafür will sie neue hydrologische Modelle entwickeln und Ansätze erproben mit dem Ziel, die Kluft zwischen explorierenden Studien in oberirdischen und unterirdischen Gewässersystemen und der modellierenden Arbeit zu überbrücken. Damit verbindet sich die Erwartung, verbesserte Vorhersagesysteme für Prozesse des Wasser-, Stoff- und Energiehaushalts entwickeln zu können.

(Sprecher: Prof. Erwin Zehe, Karlsruher Institut für Technologie)

Klinische Forschergruppen

Stresserkrankungen drohen in der modernen Gesellschaft zu einer neuen Epidemie zu werden. Bei diesen Erkrankungen spielen die Nebennieren eine maßgebliche Rolle: Die Nebennierendrüsen produzieren Steroide und Stoffe wie Adrenalin, die wiederum an grundlegenden Stoffwechsel-, Herzkreislauf-, Neuro- oder Immunreaktionen beteiligt sind. Trotzdem ist nur wenig über die molekularen Mechanismen bekannt, die die Feinabstimmung zwischen dem Gewebe der Nebennieren und den umliegenden Zellen regeln. Ziel der Klinischen Forschergruppe „Microenvironment of the Adrenal in Health and Disease“ ist es deshalb, ein grundlegendes Verständnis für die Funktion des Organs zu entwickeln. Dazu sollen die zelluläre Umgebung der Nebennieren sowie ihre Interaktion mit dem Nebennierengewebe analysiert werden. Langfristig könnten so therapeutische Anwendungsmöglichkeiten entstehen.

(Sprecher: Prof. Stefan R. Bornstein, Universitätsklinikum an der Technischen Universität Dresden)

Tumorbiologie und Stoffwechselforschung stehen im Mittelpunkt der Klinischen Forschergruppe „Tumour Metabolism as a Modulator of Immune Response and Tumour Progression“. Dabei sollen in interdisziplinärer Zusammenarbeit die vielschichtigen, bislang nur ansatzweise verstandenen Regulationsprozesse bei Krebserkrankungen studiert und weiter aufgeklärt werden. Die Hoffnung der Forscherinnen und Forscher ist, zelluläre Zielstrukturen zu identifizieren, die für die Therapie von Krebsleiden genutzt werden können.

(Sprecher: Prof. Peter Oefner, Universität Regensburg)

Kolleg-Forschergruppen

Die Aussage und Wirkung des Bildes ist eines der zentralen Themenfelder in der Kunstgeschichte. Dieses will die Kolleg-Forschergruppe „Bildgeschichte und Ästhetik der Evidenz“ nun auf innovative Weise bearbeiten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fassen dafür das Bild sowohl als Repräsentation der Wirklichkeit wie auch als selbstständig wirkende Präsenz auf. Nur so kann die zentrale Funktion von Bildern angemessen beschrieben werden. Ziel der Gruppe ist es, die verschiedenen historischen und systematischen Formen der Vermittlung von Bildinhalten aufzuzeigen. Die Gruppe will deshalb einen komplexeren Bildbegriff entwickeln, der die ursprüngliche Leistung des Visuellen erfassen kann, zugleich aber auch die sprachliche, kulturelle, soziale und politische Einbettung der Bilder beachtet.

(Sprecher: Prof. Klaus Krüger, Prof. Peter Geimer, Freie Universität Berlin)

Moderne Gesellschaften können als dynamische Wachstumsgesellschaften verstanden werden. Ihre relative Stabilität beruht auf steigender ökonomisch-technischer Effizienz und wachsendem materiellen Wohlstand. In der Gegenwart deutet sich jedoch ein Wandel an. Welche Auswirkungen hat es, wenn Wachstums- und Wohlfahrtssteigerung auseinanderfallen und technisch-ökonomisches Wachstum stattdessen Krisen auslöst? Die in der Soziologie angesiedelte Kolleg-Forschergruppe „Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung. Dynamik und (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften“ untersucht Grenzen und Legitimationsprobleme. Im Verbund sollen die Wechselbeziehungen zwischen dynamischer Selbststabilisierung und den Legitimationsprinzipien moderner Gesellschaften neu analysiert werden.

(Sprecher: Prof. Klaus Dörre, Prof. Stephan Lessenich, Prof. Hartmut Rosa, Universität Jena)

Weiterführende Informationen

Ausführliche Informationen über DFG-Forschergruppen, Klinische Forschergruppen und Kolleg-Forschergruppen finden sich unter:

www.dfg.de/foerderung/programme/koordinierte_programme/index.html

Dr. Rembert Unterstell | idw
Weitere Informationen:
http://www.dfg.de
http://www.dfg.de/foerderung/programme/koordinierte_programme/index.html

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