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Bildung als Entwicklungsmotor

15.09.2011
Der Bildungsstand der Frauen beeinflusst die Fertilitätsrate eines Landes stark - für die wirtschaftliche Entwicklung ist jedoch der Bildungsstand der gesamten Bevölkerung entscheidend.

Bildung steht im Zentrum aller Entwicklungsfragen, weil sie den größten Einfluss auf die verschiedensten Lebens- und Gesellschaftsbereiche hat. Dies belegt nicht nur die Geschichte jener Länder, die sich in der Vergangenheit dynamisch entwickeln konnten, sondern auch die Tatsache, dass ein Bildungsrückstand die Entwicklungsfähigkeit eines Landes weitaus stärker begrenzt als ein Einkommensrückstand.

Bildung wirkt sich auch sehr stark auf die Geburtenraten eines Landes aus. Weltweit ist überall dort die Fertilität gesunken, wo sich der Bildungsstand verbessert hat, wobei sich die stärksten Effekte bei einer Ausweitung der sekundaren Bildung für Frauen beobachten lassen. Frauen, die eine weiterführende Schule besuchen konnten, laufen weniger Gefahr, schon als Teenager schwanger zu werden, finden einfacher Zugang zu Verhütungsmitteln und benutzen diese auch häufiger. Vor allem trägt Bildung zur Gleichstellung der Frau bei. Das wirkt sich wiederum auf die Kinderzahlen aus, da Frauen in Entwicklungsländern in der Regel weniger Kinder wollen als Männer, ihre Wunschkinderzahl aber nicht immer durchsetzen können. Aus demografischer Sicht muss es damit zu den zentralen Anliegen des Bildungssektors gehören, Mädchen den Besuch einer weiterführenden Schule zu ermöglichen. Bislang sind Mädchen in Entwicklungsländern jedoch auf allen Bildungsstufen benachteiligt. Bei der Sekundarbildung wird die Geschlechtergleichstellung beispielsweise nur in einem der 35 subsaharischen Länder erreicht, für die Daten vorliegen.

Was wäre, wenn die Menschen besser gebildet wären?

Wenn Demografen einen Blick in die Zukunft werfen, treffen sie normalerweise Annahmen zu den künftigen Kinderzahlen je Frau, zur Lebenserwartung und zu den Wanderungsbewegungen. Je nach Annahmen kommen sie zu verschiedenen Projektionen. Wenn aus der Vergangenheit bekannt ist, wie sich die Kinderzahlen aufgrund eines wachsenden Bildungsstandes verändert haben, dann lassen sich auch die Folgen von Bildungsinvestitionen auf das weitere Bevölkerungswachstum berechnen.

Für die Zukunft ergeben sich unterschiedliche Szenarien, je nachdem wie viel in Bildung investiert wird. Am Beispiel von Uganda lassen sich verschiedene Entwicklungspfade und ihre Auswirkungen auf den Bildungsstand und das Bevölkerungswachstum exemplarisch zeigen.

Bildungsszenario A geht von gleich bleibenden Einschulungsraten aus. Dies bedeutet für Länder mit starkem Bevölkerungswachstum bereits eine große Herausforderung, müssen doch die Zahlen der Schulen und Lehrer mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten. Was die Bildungsbeteiligung der nachwachsenden Bevölkerung angeht, ändern sich die Chancen gegenüber 2010 nicht: Uganda schafft es zwar schon heute, fast alle Kinder einzuschulen. Jedoch hat nur ein Drittel der unter 20-Jährigen eine weiterführende Schule besucht, und nur ein kleiner Teil der ugandischen Bevölkerung schließt danach ein Studium ab. Uganda würde bei diesem Bildungsszenario bis 2050 auf eine Bevölkerungszahl von 104 Millionen zulaufen, was in etwa einer Verdreifachung gegenüber 2010 entspräche.

Szenario B hat die mittlere Variante der Bevölkerungsvorausberechnung der Vereinten Nationen (2008) zur Grundlage und gibt an, wie sich der Bildungsstand gemäß der dieser Variante zugrunde liegenden sinkenden Fertilität verbessern müsste. Dieses Szenario bedeutet für Uganda einen stark wachsenden Anteil an jungen Menschen mit Sekundarbildung. Im Jahr 2050 könnten außerdem etwa acht Prozent der 20- bis 24-Jährigen einen Hochschulabschluss vorweisen. Es gäbe dann in Uganda praktisch keinen Menschen mehr, der keine Schule besucht hat. Diese Entwicklung, die erhebliche Anstrengungen im Bildungswesen verlangt, würde die Einwohnerzahl auf 91 Millionen anwachsen lassen, was immer noch dem 2,7-fachen der Bevölkerung von 2010 entspräche.

Szenario C schließlich, das Überholspur-Szenario, setzt voraus, dass die international angestrebten Bildungsziele in allen Ländern erreicht werden. Dies würde bedeuten, dass 2015 nahezu alle Kinder zumindest eine Grundschule besuchen können, 90 Prozent der Schüler bis 2050 einen Sekundarabschluss machen und 60 Prozent aller jungen Leute ein Studium abschließen. Die massiven Investitionen ins Bildungswesen in Uganda hätten zwar einen raschen Effekt auf die Fertilität, weil gerade die Sekundarbildung die Kinderzahlen je Frau sinken lässt. Eine demografische Dividende ließe sich in vollem Umfang aber erst in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts einfahren, weil die heute gering qualifizierten Jahrgänge erst aus der Bevölkerungspyramide herauswachsen müssen, bevor die besser ausgebildeten Jahrgänge der Jungen deren Plätze einnehmen. An einem Bevölkerungswachstum um den Faktor 2,6 zwischen 2010 und 2050 führt somit auch im optimistischsten Szenario kein Weg vorbei.

Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen in Subsahara-Afrika erscheint das Überholspur-Szenario auf den ersten Blick utopisch. Es entspricht aber in etwa der Entwicklung von Singapur, das bis in die 1960er Jahre ein politisch instabiler Staat mit Massenarbeitslosigkeit, düsteren Wirtschaftsprognosen und sehr hohem Bevölkerungswachstum war. Binnen einer Generation gelang Singapur mit einer Mischung aus Familienplanung, Bildung und Investitionen in Arbeitsplätze der Schritt von einem armen Entwicklungsland zu einer führenden Industrienation, die heute beim Entwicklungsindex der Vereinten Nationen Rang 27 einnimmt und damit direkt hinter Ländern wie Österreich oder Großbritannien steht. Das Beispiel Singapur zeigt, dass extreme Entwicklungserfolge binnen weniger Jahrzehnte möglich sind, dass der Teufelskreis aus mangelnder Bildung, wachsender Bevölkerung und grassierender Armut aufzubrechen ist. Auch wenn ein Stadtstaat mit Meereszugang sicher andere Rahmenbedingungen aufweist als ein Flächenstaat wie Uganda ohne Meereshafen: Die geografische Lage sollte nicht überbewertet werden, da Singapur seinen Aufschwung nicht allein dem Handel verdankt. Es war darüber hinaus vor allem der Ausbau zu einer Wissensgesellschaft, der Singapur zu seiner heutigen Stellung verhalf.

Insgesamt lässt sich der gängige Einwand, Afrika sei eben anders als Asien, weshalb mit einer vergleichbaren Entwicklung nicht zu rechnen sei, nicht halten. Die Unterschiede, die zwischen Afrika und Asien bestehen, schließen eine Entwicklung nach dem Modell der demografischen Dividende nicht von vornherein aus. Auch den heutigen Tigerstaaten wurde in den 1960er Jahren keine derartig positive Entwicklung vorausgesagt.

Weitere Informationen zur demografischen Lage in Afrika und zu möglichen Entwicklungschancen der Region sowie konkrete politische Handlungsempfehlungen hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der Studie "Afrikas demografische Herausforderung" veröffentlicht. Der Studie liegt ein aktuelles Poster "Zur Lage der Weltbevölkerung" bei. Englischsprachige Fassungen von Studie und Poster werden in Kürze erscheinen. Weitere Informationen sowie die Studie als PDF zum kostenfreien Download finden Sie unter www.berlin-institut.org.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
- Dr. Tanja Kiziak, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 31 01 74 50, E-Mail: kiziak@berlin-institut.org
- Lilli Sippel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 31 01 74 50, E-Mail: sippel@berlin-institut.org

- Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz@berlin-institut.org

Die in der Studie enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info@berlin-institut.org. Dort können Sie auch gedruckte Exemplare bestellen (Schutzgebühr 6 Euro, inklusive Versand innerhalb Deutschlands).

Die Studie wird im Rahmen der europäischen Öffentlichkeitskampagne "Africa's Demographic Challenges" herausgegeben. Die Kampagne wird von der Europäischen Union finanziell gefördert. Für den Inhalt dieser Veröffentlichung sind allein die Projektpartner verantwortlich; der Inhalt kann in keiner Weise als Standpunkt der Europäischen Union angesehen werden.

Dr. Margret Karsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org/

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