Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Eine Schublade für jeden Menschen?

04.09.2007
DFG fördert Forschungsprojekt von Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Hoch konzentriert sitzt der junge Mann in dem schalldichten Raum. Auf einem Monitor wechseln im Sekundentakt rund 320 Bilder verschiedener Menschen. Binnen einer Sekunde muss er sich entscheiden, welche der beiden Tasten auf dem Pult vor ihm er drückt. Sie stehen je nach Experiment für jung oder alt, weiblich oder männlich, die eigene oder eine andere ethnische Zugehörigkeit.

Wie lange er für seine Entscheidung benötigt, wird während des Experiments kontinuierlich registriert. Zugleich wird online mittels eines hochauflösenden Elektroenzephalogramms (EEG) die Hirnaktivität gemessen, also jene Prozesse aufgezeichnet, die während des Tests in den verschiedenen Regionen seines Gehirns ablaufen. Dafür ist der Proband mit einer Haube ausgestattet, die 144 Sensoren punktgenau an den relevanten Stellen der Schädeloberfläche platziert. Gleich ihm unterziehen sich pro Experiment etwa 20 Frauen und Männer unterschiedlichen Alters - und zwar jeweils einzeln - dieser Prozedur.

"Es sind von der Erhebung der Daten wie von deren Auswertung sehr aufwändige Untersuchungen, aber nur so können wir ein stabiles Ergebnis erreichen", sagt Prof. Dr. Stefan R. Schweinberger, Direktor des Instituts für Psychologie und Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Mit ihren Forschungen an der Schnittstelle zwischen Allgemeiner und Sozialpsychologie wollen die Jenaer Wissenschaftler herausfinden, wie Menschen andere Menschen wahrnehmen und wie sie diese Informationen verarbeiten.

... mehr zu:
»Proband »Psychologe »Psychologie

"Kategorisierung von Personen" ist das auf sechs Jahre angelegte Projekt überschrieben. Es startete Anfang September und wird auf drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. In diesem Rahmen würden über die EEG-Messungen hinaus auch zwei Untersuchungen mit einem hochmodernen Kernspin-Tomographen finanziert, ergänzt Projektleiter Dr. Holger Wiese. "Damit können wir sehr viel genauer sagen, in welcher Region des Gehirns die verschiedenen Verarbeitungsprozesse stattfinden, während das EEG vor allem den zeitlichen Ablauf dieser Prozesse präzise dokumentiert." Zwei Verfahren also, die sich ergänzen.

Bei ihren Untersuchungen konzentrieren sich die Jenaer Psychologen auf Gesichter. "Gesichter sind im Alltag hochrelevant. Sie liefern eine Vielzahl an sozialen Informationen, etwa über Alter, Geschlecht, Identität oder Gefühlszustand einer Person, und werden vermutlich durch andere Hirnmechanismen verarbeitet als andere visuelle Reize", erläutert Prof. Dr. Schweinberger. Bei der Begegnung mit einem unbekannten Menschen würden durch das gegenseitige Taxieren bestimmte Kategorien abgerufen, beispielsweise jung oder alt, männlich oder weiblich. "Dadurch stecken wir die Personen, deren individueller Hintergrund uns fehlt, bewusst oder unbewusst in verschiedene Schubladen", veranschaulicht er den zumeist nur Sekundenbruchteile währenden Vorgang im Alltag.

Diese Situation vollziehen die Wissenschaftler mit ihren Experimenten, denen bereits eine Pilotstudie vorausging, nach. Ziel ihrer Untersuchungen ist herauszufinden, ob diese Kategorisierung automatisch oder kontrolliert erfolgt und was geschieht, wenn ein Gesicht erneut auftaucht. Darüber hinaus wollen die Jenaer Psychologen mit ihren grundlegenden Forschungen aber auch untersuchen, wie sich die Reaktionen verändern, wenn eine Person nicht mehr im Kontext einer bestimmten anderen gesehen wird. Geplant sind zudem Studien zum so genannten "Other-Age-Effekt". Dabei geht es darum, ob Gesichter der jeweiligen Altersgruppen - die Probanden sind zum einen zwischen 18 und 30 Jahre, zum anderen zwischen 65 und 75 Jahre alt - besser wieder erkannt werden oder nicht. "Wir erwarten eine Interaktion zwischen dem Alter der Gesichter und dem Alter der Probanden dahingehend, dass die Gesichter des eigenen Altersbereiches besser wieder erkannt werden als jene des anderen", macht der Projektleiter deutlich. Solche Untersuchungen geben den Wissenschaftlern nicht nur wichtige Hinweise darauf, nach welchen Prinzipien das Gehirn individuelle Gesichter repräsentiert, sie liefern auch Informationen darüber, wie junge und alte Personen Menschen der jeweils anderen Altersgruppe wahrnehmen.

Kontakt:
Prof. Dr. Stefan R. Schweinberger
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Am Steiger 3, Haus 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945181
E-Mail: Stefan.Schweinberger[at]uni-jena.de

Uschi Lenk | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Proband Psychologe Psychologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Regensburger Forscher entwickeln weltweit einzigartiges Online-Mentoring-System
10.01.2018 | Universität Regensburg

nachricht Neues Virtual Reality-Labs für Medizinstudierende: Lernen mit Cyber-Herz und virtuellem Darm
10.01.2018 | Universität Ulm

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Optisches Nanoskop ermöglicht Abbildung von Quantenpunkten

Physiker haben eine lichtmikroskopische Technik entwickelt, mit der sich Atome auf der Nanoskala abbilden lassen. Das neue Verfahren ermöglicht insbesondere, Quantenpunkte in einem Halbleiter-Chip bildlich darzustellen. Dies berichten die Wissenschaftler des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel zusammen mit Kollegen der Universität Bochum in «Nature Photonics».

Mikroskope machen Strukturen sichtbar, die dem menschlichen Auge sonst verborgen blieben. Einzelne Moleküle und Atome, die nur Bruchteile eines Nanometers...

Im Focus: Optical Nanoscope Allows Imaging of Quantum Dots

Physicists have developed a technique based on optical microscopy that can be used to create images of atoms on the nanoscale. In particular, the new method allows the imaging of quantum dots in a semiconductor chip. Together with colleagues from the University of Bochum, scientists from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute reported the findings in the journal Nature Photonics.

Microscopes allow us to see structures that are otherwise invisible to the human eye. However, conventional optical microscopes cannot be used to image...

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

23.01.2018 | Veranstaltungen

Gemeinsam innovativ werden

23.01.2018 | Veranstaltungen

Leichtbau zu Ende gedacht – Herausforderung Recycling

23.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Lebensrettende Mikrobläschen

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

3D-Druck von Metallen: Neue Legierung ermöglicht Druck von sicheren Stahl-Produkten

23.01.2018 | Maschinenbau

CHP1-Mutation verursacht zerebelläre Ataxie

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics