Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dem ’’Exportschlager’’ Berufsausbildung in Afrika auf der Spur

19.04.2005


Das duale System der Berufsausbildung gehörte lange Zeit zu den "Exportschlagern" Deutschlands. Theorie in der Berufsschule kombiniert mit Praxis im Betrieb sind der Schlüssel zum Arbeitsleben - so lautete der Anspruch. Ob und inwieweit sich der in einem Entwicklungsland wie Togo umsetzen lässt, erkundet die Soziologin Karin Jansen von der Universität Leipzig.


Im Schuljahr 2000/01 lernten 747 Lehrlinge in der Gewerbeschule CRETFP (Centre Regionale d’Enseignement Technique et Formation Professionelle) in Togos Hauptstadt Lomé; landesweit hielten 294 Werkstätten Kontakt zu dem Regionalen Berufsausbildungszentrum. Acht Jahre zuvor hatte die Schule, finanziell unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit in Bonn, ihre Arbeit mit 250 Lehrlingen aufgenommen. Vor allem junge Männer wurden seitdem in acht Berufen wie zum Beispiel Auto-, Zweirad- und Betriebsmechaniker, Schweißer, Schreiner und Blechgestalter ausgebildet. Die stärkere Einbindung junger Frauen scheiterte ebenso an fehlenden Sanitäranlagen wie am überlieferten Rollenverständnis, das ihnen "klassische" Bereiche wie das Friseur- und Schneiderhandwerk zuwies. Doch gleich ob Junge oder Mädchen - der Wert der Ausbildung, die mit einer Gesellenprüfung abschließt, muss sich in der togoischen Wirtschaft erst noch zeigen.

Den hochgesteckten Zielen und Erwartungen steht die Realität Togos entgegen: "Oft können Lehrlinge oder auch Schüler nicht zur Ausbildung kommen", schildert Karin Jansen die Situation. Einigen fehle das Schulgeld, andere müssten arbeiten gehen, um zum Unterhalt der Familie beizutragen oder die eigene Ernährung zu sichern, und manche leiden auch Hunger. Zudem müssen die staatlichen (Berufschul-)Lehrer häufig auf ihr Gehalt warten, suchen sich andere Erwerbsquellen und können sich nur ungenügend auf den Unterricht vorbereiten. Dies erschwert einen effizienten, regelmäßigen Unterricht ebenso wie es die Motivation von Schülern und Lehrlingen sowie Ausbildern untergräbt.


Traditionell suchen sich junge Togoer einen Betriebsinhaber oder Handwerker, um bei ihm in eine praktische Lehre zu gehen. Dafür wird der Patron bezahlt - mit Naturalien, Arbeitsleistung und Geld. Die offiziell limitierte Lehrzeit erstreckt sich auf diese Art häufig über acht oder gar zehn Jahre. An diesem Punkt setzt die Gewerbeschule CRETFP auf doppelte Weise an: Unmittelbar bildet sie Lehrlinge, vor allem aus dem informellen Sektor, in einem dualen System aus und markiert somit eine Reform des nationalen Berufsprogramms. Und mittelbar unterstützt sie das Bestreben, die organisatorischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen des Handwerkerstandes zu verbessern.

Doch die Leipziger Soziologin, die derzeit am Zentrum für Höhere Studien ihre Promotion über "Die Auswirkungen der Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel der beruflichen Bildung in Togo" vorlegt, kennt die Lage vor Ort aus eigener Anschauung. Ihre Studien beruhen unter anderem auf 250 Interviews, die sie mit Kleinunternehmern, Lehrlingen und angestellten Handwerkern in Lomé geführt hat. Als Leitfaden hatte sie dabei die Frage im Blick: Wo bleiben die Lehrlinge aus der dualen und aus der informellen Ausbildung nach ihrer Lehre? Ist es ein Vorteil, anhand eines geregelten Lehrplans gleichermaßen in Praxis und Theorie eingewiesen zu werden, an modernen Maschinen ausgebildet zu werden und die Lehre nach drei Jahren mit einem Abschluss beenden zu können? Oder stehen Lehrlingen beider Ausbildungsformen am Ende vor dem gleichen Problem, in Togo keinen industriellen Arbeitsplatz, sondern allenfalls einen Hilfsjob zu finden?

Im Ergebnis stehen die einen nicht wesentlich besser da als die anderen. Weniger die Art und Dauer einer Ausbildung entscheidet über den künftigen Berufsweg junger Togolesen. Vielmehr hängt der individuelle Nutzen des erworbenen Wissens davon ab, ob ein ausgelernter Geselle genügend finanzielle Mittel für den Aufbau eines eigenen Handwerks oder Kleinbetriebes hat. Da in den gesellschaftlich prägenden Großfamilien Geld jedoch vornehmlich als finanzielle Unterstützung in das familiäre System fließt, quasi als "soziales Kapital" angehäuft wird, fehlt es im Gegenzug schlichtweg an ökonomischem Kapital. An dieser Grundstruktur vermag eine Lehrlingsausbildung nach dualen Prämissen nichts zu ändern. Daniela Weber

Weitere Informationen:
Zentrum für Höhere Studien
Karin Jansen
Telefon: 0341 97-30297
E-Mail: Jansen@rz.uni-leipzig.de

Volker Schulte | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Berufsausbildung Lehrling Soziologin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Die Verbindung macht’s
24.03.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

nachricht Gleich und Gleich gesellt sich gern!
21.03.2017 | Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Im Focus: XENON1T: Das empfindlichste „Auge“ für Dunkle Materie

Gemeinsame Meldung des MPI für Kernphysik Heidelberg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

„Das weltbeste Resultat zu Dunkler Materie – und wir stehen erst am Anfang!“ So freuen sich Wissenschaftler der XENON-Kollaboration über die ersten Ergebnisse...

Im Focus: World's thinnest hologram paves path to new 3-D world

Nano-hologram paves way for integration of 3-D holography into everyday electronics

An Australian-Chinese research team has created the world's thinnest hologram, paving the way towards the integration of 3D holography into everyday...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

Flugzeugreifen – Ähnlich wie PKW-/LKW-Reifen oder ganz verschieden?

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Myrte schaltet „Anstandsdame“ in Krebszellen aus

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

22.05.2017 | Physik Astronomie

Wie sich das Wasser in der Umgebung von gelösten Molekülen verhält

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie