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Generationenwechsel gefährdet Nuklearkompetenz

17.10.2000


Umfrage belegt dramatischen Rückgang von Hochschulabsolventen in kerntechnischen Studienfächern

Der deutschen Kerntechnik fehlt der Nachwuchs, ohne den die hohen Sicherheitsstandards für den Betrieb der 19 deutschen Kernkraftwerke sowie für deren sichere Entsorgung über die vereinbarten Restlaufzeiten nicht gewährleistet werden können. Der Bedarf ist erheblich - allein 1000 Fachkräfte werden bis 2010 gebraucht -, denn der deutschen Kerntechnik steht ein Generationenwechsel bevor, und nach den vereinbarten Restlaufzeiten soll noch einmal so viel Strom aus Kernenergie erzeugt werden wie seit Anfang der Nutzung dieser Technik. Da der Bundesregierung keine aktuellen Daten zur Ausbildungssituation vorliegen, hat der "Kompetenzverbund Kerntechnik" in der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF), dem die Helmholtz-Zentren Jülich und Karlsruhe sowie das Forschungszentrum Rossendorf und die Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit (GRS) angehören, das gegenwärtige und mittelfristige kerntechnische Lehrangebot an deutschen Hochschulen ermittelt. Die jetzt vorliegende Auswertung einer detaillierten Umfrage belegt, dass zur Zeit noch an 16 Universitäten und 11 Fachhochschulen kerntechnische Studienfächer angeboten werden - mit deutlich fallender Tendenz für die Jahre 2005 bis 2010. 1999 lag die Zahl der kerntechnischen Absolventen an den Universitäten bei nur 44, an den Fachhochschulen bei 21. In diesem Jahr wird sie noch niedriger ausfallen. Um eine ausreichende Nuklearkompetenz in Deutschland zu erhalten, hält es der Kompetenzverbund für notwendig, dass Bund und Länder jetzt eine ausreichende und stabile Finanzierung von Forschung und Lehre an Hochschulen und Forschungszentren sicherstellen.

Für den sicheren Restbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke und den entsprechenden industriellen Service sowie für die Planung, die Errichtung und den sicheren Betrieb von Endlagern ist mit einem Bedarf von rund 1000 neuen Fachkräften allein bis 2010 zu rechnen. In den Aufsichtsbehörden des Bundes und der Länder sowie bei den Gutachterinstitutionen steht beim Fachpersonal ein Generationswechsel ebenso an wie in den Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen. Im Zeitraum bis 2010 ist allein bei den Behörden mit 400 bis 500 altersbedingten Abgängen zu rechnen. Um hier den verbleibenden Bedarf von etwa 300 Fachkräften zu decken, müsste man die nächsten 6 bis 8 Jahrgänge der Hochschulabsolventen mit kerntechnischer Fachausbildung komplett dafür einstellen. Ein vergleichbarer Generationswechsel hat in den öffentlich geförderten Zentren und Institutionen der nuklearen Sicherheits- und Endlagerforschung bereits eingesetzt. Auch hier wird in den nächsten Jahren ein großer Teil der Kompetenzträger in den Ruhestand verabschiedet. Darüber hinaus benötigt Deutschland eine ausreichende Zahl an Nuklearspezialisten, um im internationalen Bereich wirksam mitarbeiten zu können.
Wie die Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP zeigt, ist sich die Bundesregierung der Tatsache bewusst, dass Deutschland eine weitere Generation kerntechnischer Fachleute braucht - und dies nicht nur für den begrenzten sicheren Weiterbetrieb der Kernkraftwerke, sondern auch für deren anschließende Stilllegung und Beseitigung sowie für die Endlagerung der radioaktiven Abfälle. Insbesondere beim Thema nukleare Entsorgung wurde durch die jüngsten Konsensvereinbarungen zwischen Bundesregierung und Energieversorgern der Bedarf an Fachwissen erheblich erweitert. "Um die anstehenden Aufgaben bearbeiten zu können, ist die Erhaltung einer breiten Nuklearkompetenz in Deutschland zu gewährleisten", fasst Dr. Peter Fritz, Sprecher des Kompetenzverbundes und Vorstandsmitglied des Forschungszentrums Karlsruhe, zusammen. "Es ist dazu notwendig, dass Bund und Länder jetzt eine ausreichende und stabile Finanzierung für die Forschung und Lehre an den Forschungszentren und Hochschulen bereitstellen. Eine einmal aufgegebene Kompetenz ist unrettbar verloren und die Entscheidung, einen Lehrstuhl aufzulösen, kurzfristig nicht revidierbar."


Bernhard Kuczera 16. Oktober 2000

 Inge Arnold | idw

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