Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Subfossiler Wald in Zürich entdeckt

22.05.2013
Ein subfossiler Wald, der über dreizehntausend Jahre im Zürcher Schlamm konserviert geblieben ist, erweitert die Perspektiven für die mitteleuropäische Jahrring-Chronologie.

Forscher der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL haben bis heute gegen 200 Kiefernstümpfe geborgen. Qualität und Dimensionen des Fundes sind nach dem Kenntnisstand der beteiligten Forscher weltweit einmalig.


Legende: Daniel Nievergelt sägt eine Baumscheibe aus einem über 13'000 Jahre alten Föhrenstamm, um darauf später die Jahrringe zu vermessen.
Bild: Reinhard Lässig (WSL)

Schon viele Entdeckungen sind dem Zufall zu verdanken. Kürzlich geschehen in Zürich, als Daniel Nievergelt, Jahrringforscher an der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, einen Blick in eine Baustelle am Südrand von Zürich warf. Dass die Hoffnung auf einen spektakulären Fund nicht ungerechtfertigt war, wusste er aus der Zusammenarbeit mit seinem 2012 verstorbenen Arbeitskollegen Felix Kaiser: Dieser hatte schon 1999 beim Aushub des Uetliberg-Autobahntunnels subfossiles* Holz gefunden.

Tatsächlich lagen am Rand der lehmigen Baugrube im Quartier Binz einige Baumstrünke. Die Bauarbeiter hatten sie zum Holzabfall geworfen. Bei näherem Hinsehen erkannte sie der Forscher als Kiefern. Sofort unterzog er sie mit Kollegen der WSL einer näheren Untersuchung und schickte drei Proben an die ETH Zürich mit Bitte um eine C14-Datierung. Dies bestätigte seine Vermutungen: Dem Holz wurde ein Alter zwischen 12'846 BP** und 13'782 BP Jahren zugeschrieben. Mit Unterstützung der Bauleitung erreichten die WSL-Forscher bis heute die Bergung von gegen 200 Kiefernstümpen, die sie in mehreren Lastwagenladungen an die WSL transportieren liessen. Qualität und Dimensionen des Fundes sind nach dem Kenntnisstand der beteiligten Forscher weltweit einmalig.

Was der Fund für die Wissenschaft bedeuten könnte

Die WSL betreibt das international grösste Labor für Jahrringforschung (Dendrochronologie). Dieses leistet einen signifikanten Beitrag für Forschungsarbeiten aus den verschiedensten Disziplinen. Die neusten Funde reihen sich in eine weltweite Sammlung von Umweltarchiven ein und können wichtige Puzzleteile zu Forschungsfragen beitragen: Wie war das Klima nach der letzten Eiszeit? Welche Ereignisse haben die Landschaft um Zürich, aber auch jene der Erde, geprägt? In welcher genetischen Beziehung stehen die Binz-Kiefern mit ihren heutigen Verwandten? Zudem könnte der prähistorische Wald in der Binz auch zur Kalibration der C14-Kurve beitragen.
Jahrringe, Zustand und Lage der gefundenen Baumstrünke erlauben Schlüsse über vergangene Temperatur- und Niederschlagsschwankungen und zeugen von Störungen wie Feuer, Stürmen oder Erdbeben. Die Dichte und die chemische Zusammensetzung des Holzes kann Hinweise über Klima und Luftzusammensetzung in der Vergangenheit geben. Und seit kürzerem erlauben DNA-Analysen, die Abstammung der Bäume zu verfolgen.

Die erarbeiteten Daten stehen allen offen

Die WSL-Forscher sägen nun aus jedem verwertbaren Strunk drei Baumscheiben und analysieren Holz und Ringe in den eigenen Labors sowie bei Partnern. Als erstes werden die Wissenschafter versuchen, die mitteleuropäische Jahrring-Chronologie (siehe Grafik in der Medienmitteilung WSL) zu ergänzen. Diese Datenreihe enthält absolut datierte Jahrringe bis zurück zum Jahr 12'594 BP. Die bisherigen Funde in Zürich bewegten sich in der Zeit von 12'700 BP bis 14'100 BP. Durch akribischen Vergleich von Jahrringmustern wird nun versucht, die Überlappungen zu finden, die es für eine absolute Datierung braucht. Die Forscher hoffen, mit den neu gefundenen Hölzern eine Lücke in der bisherigen Chronologie zu schliessen und diese um rund 2000 Jahre zu verlängern. So oder so sind die in Zürich gewonnen Hölzer und die Daten aus deren Analysen von unschätzbarem wissenschaftlichem Wert. In der Tradition eines offenen wissenschaftlichen Austausches wird die WSL die Daten nach und nach öffentlich zu Verfügung stellen. Zum Beispiel über die "International Tree-Ring Data Bank (ITRDB)", deren Inhalt seit Jahrzehnten auch durch viele Daten aus dem WSL-Jahrringlabor und seinem Gründer, Fritz Schweingruber, genährt wurde.
* subfossil = Organismen aus prähistorischer Zeit, die sich nicht oder nur teilweise versteinert haben. Im Unterschied zu Fossilien können diese mit der C14-Methode datiert werden. (Quelle: Wikipedia)

** BP = Before Present, bezeichnet eine Zeitskala, die in der Archäologie, der Geologie und anderen Wissenschaften benutzt wird, um Ereignisse der Vergangenheit zu datieren. Weil sich das Heute zeitlich stets verändert, wurde in internationaler Übereinkunft der 1. Januar 1950 bzw. das Kalenderjahr 1950 als Bezugszeitpunkt der Skala gewählt. (Quelle: Wikpedia)
Weitere Informationen:
http://www.wsl.ch/medien/news/subfossiler_wald_binz/index_DE

Reinhard Lässig | idw
Weitere Informationen:
http://www.wsl.ch/medien/news/subfossiler_wald_binz/index_DE

Weitere Berichte zu: Baumstrünke Fund Jahrring-Chronologie Labor Subfossiler Wald WSL WSL-Forscher

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Feuerbrand bekämpfen und Salmonellen nachweisen
14.06.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Das Potenzial nichtheimischer Baumarten für den forstlichen Anbau in Deutschland sachlich prüfen
14.06.2017 | Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ruckartige Bewegung schärft Röntgenpulse

Spektral breite Röntgenpulse lassen sich rein mechanisch „zuspitzen“. Das klingt überraschend, aber ein Team aus theoretischen und Experimentalphysikern hat dafür eine Methode entwickelt und realisiert. Sie verwendet präzise mit den Pulsen synchronisierte schnelle Bewegungen einer mit dem Röntgenlicht wechselwirkenden Probe. Dadurch gelingt es, Photonen innerhalb des Röntgenpulses so zu verschieben, dass sich diese im gewünschten Bereich konzentrieren.

Wie macht man aus einem flachen Hügel einen steilen und hohen Berg? Man gräbt an den Seiten Material ab und schüttet es oben auf. So etwa kann man sich die...

Im Focus: Abrupt motion sharpens x-ray pulses

Spectrally narrow x-ray pulses may be “sharpened” by purely mechanical means. This sounds surprisingly, but a team of theoretical and experimental physicists developed and realized such a method. It is based on fast motions, precisely synchronized with the pulses, of a target interacting with the x-ray light. Thereby, photons are redistributed within the x-ray pulse to the desired spectral region.

A team of theoretical physicists from the MPI for Nuclear Physics (MPIK) in Heidelberg has developed a novel method to intensify the spectrally broad x-ray...

Im Focus: Physiker designen ultrascharfe Pulse

Quantenphysiker um Oriol Romero-Isart haben einen einfachen Aufbau entworfen, mit dem theoretisch beliebig stark fokussierte elektromagnetische Felder erzeugt werden können. Anwendung finden könnte das neue Verfahren zum Beispiel in der Mikroskopie oder für besonders empfindliche Sensoren.

Mikrowellen, Wärmestrahlung, Licht und Röntgenstrahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Für viele Anwendungen ist es notwendig, diese Strahlung...

Im Focus: Physicists Design Ultrafocused Pulses

Physicists working with researcher Oriol Romero-Isart devised a new simple scheme to theoretically generate arbitrarily short and focused electromagnetic fields. This new tool could be used for precise sensing and in microscopy.

Microwaves, heat radiation, light and X-radiation are examples for electromagnetic waves. Many applications require to focus the electromagnetic fields to...

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Ferienkurs mit rund 600 Teilnehmern aus aller Welt

28.07.2017 | Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Firmen räumen bei der IT, Mobilgeräten und Firmen-Hardware am liebsten in der Urlaubsphase auf

28.07.2017 | Unternehmensmeldung

Dunkel war’s, der Mond schien helle: Nachthimmel oft heller als gedacht

28.07.2017 | Geowissenschaften

8,2 Millionen Euro für den Kampf gegen Leukämie

28.07.2017 | Förderungen Preise