Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erfolg beim Kampf gegen multiresistente Keime im Stall

07.09.2015

Multiresistente Bakterien sind nicht nur im Krankenhaus ein großes Problem, sondern auch in der Tierhaltung. Eine Studie der Universität Bonn beschreibt, wie es einem Landwirt gelungen ist, seinen Schweinebetrieb komplett von diesen Erregern zu befreien. Die radikalen Hygiene-Maßnahmen, die in diesem Fall angewendet wurden, lassen sich allerdings nur in Einzelfällen anwenden. Doch aus der Arbeit können eine Reihe von Empfehlungen abgeleitet werden – nicht nur für landwirtschaftliche Betriebe, sondern auch für Krankenhäuser. Die Studie ist in der Zeitschrift „Applied and Environmental Microbiology“ erschienen.

Auf manchen Bauernhöfen geht es heutzutage zu wie in einem OP: Bevor es zu den Tieren geht, wechseln die Mitarbeiter in einer Schleuse die Kleidung. Vor und nach dem Stallbesuch ist eine gründliche Händereinigung angesagt. Neu gekaufte Tiere kommen erst einmal in Quarantäne. Besonders aufmerksame Landwirte lassen auch sich und ihre Angestellten regelmäßig auf resistente Bakterien untersuchen.


Nach Abschluss der Desinfektionsmaßnahmen war der Stall MRSA- und ESBL-frei. Allerdings ließ sich bereits nach zwei Tagen ein neuer MRSA-Stamm nachweisen. Die ESBL-Keime wurden dagegen eliminiert.

(c) Foto: Ricarda Schmithausen/Uni Bonno

Zweck dieser Maßnahmen ist es, die Ausbreitung gefährlicher Erreger zu verhindern – vor allem so genannter multiresistenter Bakterien. Denn diese können unter Umständen auch dem Menschen gefährlich werden, weil sie mit Antibiotika nur schwer zu behandeln sind.

Zwei wichtige Erregergruppen sind Methicillin-resistente Staphylokokken (kurz MRSA) sowie bestimmte Darmbakterien (ESBL). Auch die strengsten Vorsichtsmaßnahmen haben gegen diese Bakterien oft keinen hundertprozentigen Erfolg.

Denn die Erreger finden sich nicht nur in Menschen und Tieren, sondern auch auf Wänden und sogar in der Luft. In einer Studie konnten Forscher der Universität Bonn bei jedem fünften Schwein MRSA nachweisen; bei den ESBL-Keimen betrug die Quote sogar 30 Prozent.

Hygiene-Maßnahmen

Erstmalig ist den Forschern nun der Nachweis gelungen, dass sich multiresistente Bakterien komplett aus dem Stall entfernen lassen. „Aber diese radikalen Maßnahmen dürften sich in den wenigsten Fällen umsetzen lassen“, sagt die Agrarwissenschaftlerin Dr. Ricarda Schmithausen von der Universität Bonn. In der Studie wurden die Stallungen des Landwirtes kernsaniert und teilweise durch Neubauten ergänzt. Diese Maßnahmen wurden von einem mehrstufigen Desinfektionsverfahren begleitet.

Im laufenden Betrieb wäre das unmöglich gewesen. Der Landwirt hatte zuvor aufgrund einer Betriebsumstellung seinen gesamten Tierbestand schlachten lassen und danach neu aufgebaut. Die neu erworbenen Tiere wurden stichprobenhaft getestet, um das Einschleppen neuer resistenter Bakterien zu verhindern. Die Maßnahmen seien erfolgreich gewesen, sagt Dr. Schmithausen: „Noch heute – zwei Jahre nach der Sanierung – ist der Betrieb ESBL-frei. Bei den MRSA sieht es leider anders aus: Hier konnte der Keim, allerdings in einer anderen Variante, schon nach zwei Tagen wieder nachgewiesen werden. Vermutlich wurde der neue MRSA trotz aller Untersuchungen durch eines der Tiere eingeschleppt. Dies ist nicht immer zu vermeiden.“ Dennoch hätte sich der Gesundheitszustand des Bestands deutlich verbessert; der Einsatz von Antibiotika sei kaum noch nötig.

MRSA sind in erster Linie Krankheitserreger beim Menschen und für Tiere weitgehend ungefährlich. Bisherige Studien der Universität Bonn haben gezeigt, dass Landwirte aufgrund des engen Kontaktes zu Tieren häufiger mit MRSA besiedelt sind als die Allgemeinbevölkerung. Meist bleibt diese Besiedlung jedoch symptomlos.

Wenn die Erreger aber in Krankenhäusern auf immungeschwächte Patienten treffen, wird es gefährlich.

Die Agrarwissenschaftlerin und Ärztin Dr. Ricarda Schmithausen bricht jedoch eine Lanze für die Landwirte. „Die meisten Betriebe, mit denen wir zu tun haben, haben extrem hohe Hygienestandards, sind gut informiert und gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Problem um – zum Teil professioneller als manche Krankenhäuser“, betont sie.

Das Ausbreitungs-Risiko von MRSA und ESBL-E lasse sich durch eine Kombination mehrerer Maßnahmen minimieren, aber natürlich nicht auf Null senken. „Krankenhäuser und Tierbetriebe haben an vielen Punkten mit vergleichbaren Problemen zu kämpfen“, sagt sie. „Beide Seiten sollten voneinander lernen – Krankenhäuser könnten stationäre Patienten beispielsweise noch konsequenter auf multiresistente Keime screenen.“

An Universitäten sei eine Kooperation zwischen Landwirtschafts- und medizinischer Forschung viel zu rar. Bonn sei hier mit dem FoodNetCenter, in dem die Agrarwissenschaftliche, Medizinische und Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät zusammen arbeiten, einzigartig.

In der Studie kooperierten das Institut für Tierwissenschaften (Prof. Brigitte Petersen, Dr. Ricarda Schmithausen) der Uni und das Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie (Prof. Gabriele Bierbaum, PD Dr. Isabelle Bekeredjian-Ding (nun Paul-Ehrlich-Institut)) und das Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit (Prof. Dr. Dr. Martin Exner), Universitätsklinikum.

Publikation: Eradication of methicillin-resistant Staphylococcus aureus (MRSA) and Enterobacteriaceae expressing extended-spectrum ß-lactamases (ESBL-E) on a model pig farm; DOI: 10.1128/AEM.01713-15

Kontakt für die Medien:

Dr. med. Ricarda Schmithausen, Dipl.-Ing.agr.
Institut für Med. Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie (IMMIP)
Universität Bonn
Tel. 0228/287-15952/-16838
E-Mail: ricarda.schmithausen@ukb.uni-bonn.de

Johannes Seiler | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Arten verschwinden, Pflanzenfraß bleibt
07.02.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

nachricht DFG-Projekt: Biodiversität, Interaktion und Stickstoffkreislauf in Grünlandböden
31.01.2017 | Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie