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Internationale Tagung „Postkolonialismus und Kanon“ an der Universität Trier

26.11.2010
Nach Jahren der Kritik am literarischen Kanon und kontroverser Debatten über seine Erweiterung oder Abschaffung zieht eine international besetzte Tagung an der Universität Trier eine Zwischenbilanz: Welche Rolle spielen Kanon-Fragen in den Postkolonialen Studien – und umgekehrt? Welche Erkenntnisse lassen sich aus der wechselseitigen Beobachtung von Postkolonialen Studien, Kanon und Ästhetik mit Blick auf Interpretationsprobleme und literarische Wertung gewinnen? Titel der Tagung: „Postkolonialismus und Kanon. Relektüren, Revisionen und postkoloniale Ästhetik“.

Vom 3. bis 5. Dezember findet an der Universität Trier eine Tagung des DFG-Netzwerks „Postkoloniale Studien in der Germanistik“ in Zusammenarbeit mit dem SFB 600 „Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart“ zum Thema „Postkolonialismus und Kanon.

Relektüren, Revisionen und postkoloniale Ästhetik“ statt. Nach Jahren der Kritik am literarischen Kanon und kontroverser Debatten über seine Erweiterung oder Abschaffung zieht die international besetzte Trierer Tagung eine Zwischenbilanz: Welche Rolle spielen Kanon-Fragen in den Postkolonialen Studien – und umgekehrt? Welche Erkenntnisse lassen sich aus der wechselseitigen Beobachtung von Postkolonialen Studien, Kanon und Ästhetik mit Blick auf Interpretationsprobleme und literarische Wertung gewinnen?

Koloniale oder quasi-koloniale Situationen haben auf unterschiedlichen Ebenen Literatur und Kanon beeinflusst. Bezieht man das Erkenntnispotenzial, das die Postkolonialen Theorien bereitstellen, nun darauf zurück, lässt sich nach blinden Flecken der Kanonisierungsprozesse fragen: Inwieweit war und ist die Auswahl von Autoren und Werken für die diversen Kanones von (quasi-)kolonialen Grundstrukturen geprägt? Inwiefern waren bisherige Kanones ‚germanozentrisch’ - und was ließe sich dem entgegensetzen. Welche Rolle kann oder sollte hier z.B. die deutschsprachige Literatur afrikanischer AutorInnen spielen?

Welche literarischen Texte können in postkolonialer Sicht als ‚kanonwürdig’ gelten, weil sie koloniale Verhältnisse ästhetisch überzeugend differenziert beobachten und beschreiben? Kann etwa Wilhelm Raabe heute als ‚postkolonialer Autor’ gelten, weil er in Texten wie Zum wilden Mann oder Abu Telfan die Gewaltbereitschaft der Kolonialherren, Soldaten und Abenteurern in Lateinamerika und Afrika darstellte? Und umgekehrt: Welche Autoren hätten aus postkolonialer Sicht eine Dekanonisierung verdient?

Neue Perspektiven verheißt außerdem die Einbeziehung ‚interner Fremder‘ in Europa, d.h. von Juden und daneben auch ‚Zigeunern’. Deren Repräsentation folgt, so haben Forschungen im Trierer SFB gezeigt, über weite Strecken kolonialen Strukturmustern mit ihren Dichotomien, Verschiebungen und Paradoxien. Was dies für den Kanon zu bedeuten hat, gilt es im Rahmen der Tagung zu klären.

Ein weiteres spannendes Thema sind Strukturanalogien zwischen der überseeischen Kolonialpolitik und den west-osteuropäischen Verhältnissen. Dies gilt insbesondere hinsichtlich des asymmetrischen Blickregimes (auch und besonders während der Systemkonfrontation des ‚Kalten Krieges’), stabiler Machtasymmetrien und spezifischer Dynamiken in Ökonomie, Bildung, Kanon und Rezeption. In diesem Zusammenhang steht etwa die Rezeption des Post-kolonialismus in der späten DDR-Literatur bei Christa Wolf, Heiner Müller und anderen. In theoretischer Hinsicht gilt es ferner, die Reichweite der im Anschluss an Edward Said geführten ‚Orientalismus’-Debatte für die deutschsprachige Literatur (und den Kanon) näher zu bestimmen.

Zu den Leitfragen der Tagung gehört jedoch nicht nur die nach dem Potential der Postkolonialen Studien für die Kanondebatten, sondern auch die Bestimmung der Grenzen: Wie verhält sich die gegenwärtig zu beobachtende Ausweitung des Begriffs ‚Postkolonialismus’ zur ursprünglichen Rückbindung an den Kolonialismus? Ist Literatur von Migranten, etwa von deutsch-türkischen Autoren, ‚postkolonial’, oder verliert der Begriff hier jede analytische Kraft?

Die Tagungsbeiträge widmen sich Re-Lektüren/Neu-Interpretationen kanonisierter wie nicht-kanonisierter Texte und Wechselbezügen zwischen (post)kolonialer Ästhetik, literarischer Wertung und/oder Kanon. Weitere Beiträger befassen sich mit der spezifisch ästhetischen Erkenntnis der Äußerungsformen und Auswirkungen kolonialer Situationen in und auf Gesellschaften und Individuen.

Interessierte Redakteure sind herzlich willkommen. Einzelne Referenten stehen auch für Interviews zur Verfügung.

Kontakt:
Prof. Dr. Herbert Uerlings
Sprecher des SFB 600
Universität Trier, Germanistik/ NdL
Universitätsring 15
54286 Trier
Email: uerlings@uni-trier.de
Dr. Iulia-Karin Patrut
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Universität Trier / SFB 600
Universitätsring 15
54286 Trier
Email: patrut@uni-trier.de
Tel: 0651-201-3287

Peter Kuntz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-trier.de

Weitere Berichte zu: Beobachtung Interpretationsprobleme Revision Rezeption Ästhetik

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