Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Limbische System des Gehirns

09.05.2001


Vom 17. bis 19. Mai veranstaltet der SFB 426 "Limbische Strukturen und Funktionen" in Magdeburg ein internationales Symposium mit über 150 Wissenschaftlern u.a. aus den USA, Kanada, GB und der Schweiz, die unter anderem über neueste Ergebnisse der Grundlagen von Emotionalverhalten, der Bildung und des Abrufes von Gedächtnisinhalten sowie der Regulation von Wachen und Schlafen berichten. Diskutiert werden darüber hinaus aktuelle Befunde zu molekularen Mechanismen von Suchterkrankungen, den Konsequenzen sozialer Isolation im frühkindlichen Alter sowie den hirnbiologischen Grundlagen von Schizophrenien, Angst- und Zwangserkrankungen.

Aus der alltäglichen Erfahrung wissen wir, dass unsere Reaktionen auf Wahrnehmungen aus der Umgebung und unser Antrieb zu bestimmten Handlungen stark von "inneren Zustandswerten", wie zum Beispiel Aufmerksamkeit, Motivation oder Emotion, bestimmt werden. Wie sind diese inneren Zustandswerte definiert und welche Grundlagen besitzen sie? Warum gibt es Gemütsschwankungen, die wir nicht näher erklären können? Was ist die neurobiologische Basis von krankhaften Verzerrungen der Wahrnehmung unserer Umwelt und der krankhaften Übersteuerung von Gemütsschwankungen? Was überhaupt ist Erinnerung, und wie sind emotionale und rationale, bewusste und unbewusste Komponenten der Erinnerung zu differenzieren?

Fragen dieser Art haben sich als unerwartet schwierig zu beantworten erwiesen und eine Reihe von Theorien hervorgebracht. Im Zentrum dieser Theorien steht das so genannte "Limbische System" unseres Gehirns. Bei der Aufklärung der Grundlagen von Funktionen und der Konsequenzen gestörter Funktionen des limbischen Systems leisten Magdeburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches (SFB 426) der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen wichtigen Beitrag. "Die limbischen Schaltkreise unseres Gehirns sind für die Integration von kognitiven Funktionen, Lernen und Gedächtnis mit emotionalen und motivationalen Komponenten in bestimmten Verhaltensreaktionen verantwortlich", erklärt Professor Hans-Christian Pape, Sprecher des SFB 426. "Störungen dieser Schaltkreise machen sich klinisch deshalb häufig durch eine Dissoziation von Kognition und Emotion bemerkbar, weil diese Vermittlerfunktion gestört ist. Angst, Wahn, Zwang aber auch Manie, Affektverflachung, Realitäts- und Gedächtnisstörungen können die Folge sein."

Das Limbische System hat sich bei Säugetieren und insbesondere beim Menschen zu einem ausgedehnten System von Schaltkreisen des Gehirns entwickelt, das einen umfassenden Einfluss auf die emotionale Bewertung aller Sinneserfahrungen bzw. eine Motivationskontrolle über Verhalten ausübt. Darüber hinaus haben sich die Hinweise darauf verdichtet, dass Funktionsstörungen limbischer Strukturen und ihrer Bezugssysteme die pathophysiologische Basis von häufigen Hirnkrankheiten darstellen. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung erkranken im Verlauf des Lebens an einer behandlungsbedürftigen neurologischen oder psychischen Erkrankung, bei der strukturelle oder funktionelle Beeinträchtigungen des limbischen Systems oder damit in engem Funktionszusammenhang stehender Hirnbereiche nachgewiesen sind oder vermutet werden. Hierzu gehören die so genannten Neurosen (z.B. Angst- oder Zwangskrankheiten), Suchterkrankungen (z.B. Alkoholismus), Schizophrenien, depressive Syndrome, bestimmte Formen von Epilepsie und Hirnabbauerkrankungen wie die Alzheimer´sche Krankheit. Fast allen Formen von Gedächtnisstörungen, von emotionalen Störungen, psychotischen Syndromen mit Realitätsverlust, Wahnideen und Halluzination liegen Störungen in einem oder mehreren Teilbereichen des limbischen Systems zugrunde. Diese Erkrankungen sind von außerordentlich großer volkswirtschaftlicher und gesundheitspolitischer Bedeutung. In der Bundesrepublik sind bis zu fünf Millionen Patienten aktuell erkrankt, und die Behandlung der Schizophrenien allein macht zwei bis drei Prozent der gesamten Kosten unseres Gesundheitswesens aus. Dabei bleibt die Diagnose und Therapie dieser Erkrankungen außerordentlich schwierig. Wegen des Fehlens grundlegender Kenntnisse über die hirnbiologischen Grundlagen von Emotionalität, Gedächtnis, Wahrnehmungsbewertung und Verhaltenssteuerung wurden psychische Störungen bislang vorzugsweise mit psychodynamischen und verhaltenstheoretischen oder auch mit sozial-gesellschaftlichen Denkmodellen zu erklären versucht, was erhebliche Probleme in der diagnostischen Einordnung und der Entwicklung wirksamer Therapieverfahren mit sich brachte. Tatsächlich sind alle klassischen Psychopharmaka mehr oder weniger durch Zufall entdeckt worden. Entsprechend bleibt die Pharmakotherapie nur zum Teil erfolgreich. Bei etwa der Hälfte der betroffenen Patienten sind nur unzureichende, oft auch überhaupt keine Therapieerfolge zu verzeichnen, und nicht erwünschte Wirkungen von Pharmaka sind alltägliche Probleme. Erst die jüngere Zeit brachte einige gezieltere Entwicklungen.

Der gastgebende Sonderforschungsbereich (SFB 426) "Limbische Strukturen und Funktionen" wurde Anfang 1997 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg eingerichtet. Er verbindet vorklinische, klinisch-theoretische und klinische Abteilungen der Medizinischen Fakultät mit Arbeitsgruppen der Fakultät für Naturwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Abteilungen des Leibniz-Institutes für Neurobiologie in Magdeburg. Der SFB befindet sich gegenwärtig in seiner zweiten Förderperiode, die noch bis Ende 2002 dauert.

"Im limbischen System sind molekular-zelluläre Eigenschaften, lokale Organisationsformen, Systemfunktionen, die menschliche Empfindung und das Gedächtnis auf vielfältigste Art miteinander verknüpft", erklärt Pape. Zu deren Erfassung seien interaktive und multidisziplinäre wissenschaftliche Ansätze mit unterschiedlichen Ebenen der Analyse besonders geeignet. "Für diese interaktive Vorgehensweise bietet Magdeburg den günstigen Umstand einer inhaltlich wie methodisch sehr breiten Ansammlung interdisziplinärer Komponenten, die in dieser Konstellation auf diesem Forschungsgebiet in Deutschland nahezu einmalig ist", betont der SFB-Sprecher.


Nähere Informationen zum Sonderforschungsbereich und zum Symposium im Internet unter http://www.med.uni-magdeburg.de/fme/institute/iphy/ oder

... mehr zu:
»Suchterkrankung

http://www.fan-magdeburg.de/sfb2001/.

Das Symposium beginnt am 17. Mai um 19 Uhr und endet am 19. Mai 2001 gegen 17 Uhr. Veranstaltungsort ist das Upstalsboom Hotel Ratswaage, Ratswaageplatz 1-4, 39104 Magdeburg. Das Tagungsbüro ist während des Symposiums unter Tel. +49-(0)391-59260 und Fax +49-(0)391-5926115 zu erreichen.

Weitere Auskünfte erteilt gern: Prof. Dr. Hans-Christian Pape, Sprecher des SFB 426 und Direktor des Institutes für Physiologie der Otto-von-Guericke-Magdeburg,
Tel. 0391-67 15885, Fax 0391-67 15819
E-Mail: hans-christian.pape@medizin.uni-magdeburg.de

Weitere Informationen finden Sie im WWW:


Kornelia Suske |

Weitere Berichte zu: Suchterkrankung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Analyse internationaler Finanzmärkte
10.12.2019 | Universität Heidelberg

nachricht QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien
04.12.2019 | Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, DFKI

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochgeladenes Ion bahnt den Weg zu neuer Physik

In einer experimentell-theoretischen Gemeinschaftsarbeit hat am Heidelberger MPI für Kernphysik ein internationales Physiker-Team erstmals eine Orbitalkreuzung im hochgeladenen Ion Pr9+ nachgewiesen. Mittels einer Elektronenstrahl-Ionenfalle haben sie optische Spektren aufgenommen und anhand von Atomstrukturrechnungen analysiert. Ein hierfür erwarteter Übergang von nHz-Breite wurde identifiziert und seine Energie mit hoher Präzision bestimmt. Die Theorie sagt für diese „Uhrenlinie“ eine sehr große Empfindlichkeit auf neue Physik und zugleich eine extrem geringe Anfälligkeit gegenüber externen Störungen voraus, was sie zu einem einzigartigen Kandidaten zukünftiger Präzisionsstudien macht.

Laserspektroskopie neutraler Atome und einfach geladener Ionen hat während der vergangenen Jahrzehnte Dank einer Serie technologischer Fortschritte eine...

Im Focus: Highly charged ion paves the way towards new physics

In a joint experimental and theoretical work performed at the Heidelberg Max Planck Institute for Nuclear Physics, an international team of physicists detected for the first time an orbital crossing in the highly charged ion Pr⁹⁺. Optical spectra were recorded employing an electron beam ion trap and analysed with the aid of atomic structure calculations. A proposed nHz-wide transition has been identified and its energy was determined with high precision. Theory predicts a very high sensitivity to new physics and extremely low susceptibility to external perturbations for this “clock line” making it a unique candidate for proposed precision studies.

Laser spectroscopy of neutral atoms and singly charged ions has reached astonishing precision by merit of a chain of technological advances during the past...

Im Focus: Ultrafast stimulated emission microscopy of single nanocrystals in Science

The ability to investigate the dynamics of single particle at the nano-scale and femtosecond level remained an unfathomed dream for years. It was not until the dawn of the 21st century that nanotechnology and femtoscience gradually merged together and the first ultrafast microscopy of individual quantum dots (QDs) and molecules was accomplished.

Ultrafast microscopy studies entirely rely on detecting nanoparticles or single molecules with luminescence techniques, which require efficient emitters to...

Im Focus: Wie Graphen-Nanostrukturen magnetisch werden

Graphen, eine zweidimensionale Struktur aus Kohlenstoff, ist ein Material mit hervorragenden mechanischen, elektronischen und optischen Eigenschaften. Doch für magnetische Anwendungen schien es bislang nicht nutzbar. Forschern der Empa ist es gemeinsam mit internationalen Partnern nun gelungen, ein in den 1970er Jahren vorhergesagtes Molekül zu synthetisieren, welches beweist, dass Graphen-Nanostrukturen in ganz bestimmten Formen magnetische Eigenschaften aufweisen, die künftige spintronische Anwendungen erlauben könnten. Die Ergebnisse sind eben im renommierten Fachmagazin Nature Nanotechnology erschienen.

Graphen-Nanostrukturen (auch Nanographene genannt) können, je nach Form und Ausrichtung der Ränder, ganz unterschiedliche Eigenschaften besitzen - zum Beispiel...

Im Focus: How to induce magnetism in graphene

Graphene, a two-dimensional structure made of carbon, is a material with excellent mechanical, electronic and optical properties. However, it did not seem suitable for magnetic applications. Together with international partners, Empa researchers have now succeeded in synthesizing a unique nanographene predicted in the 1970s, which conclusively demonstrates that carbon in very specific forms has magnetic properties that could permit future spintronic applications. The results have just been published in the renowned journal Nature Nanotechnology.

Depending on the shape and orientation of their edges, graphene nanostructures (also known as nanographenes) can have very different properties – for example,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Analyse internationaler Finanzmärkte

10.12.2019 | Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kein Seemannsgarn: Hochseeschifffahrt soll schadstoffärmer werden

11.12.2019 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Vernetzte Produktion in Echtzeit: Deutsch-schwedisches Testbed geht in die zweite Phase

11.12.2019 | Informationstechnologie

Verbesserte Architekturgläser durch Plasmabehandlung – Reinigung, Vorbehandlung & Haftungssteigerung

11.12.2019 | Architektur Bauwesen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics