Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dorsche unter die Glocke bringen

13.10.2016

Fischereiforscher entwickeln neuen Ansatz zur Größenselektion beim Dorschfang mit Schleppnetzen

Einen dicken Fisch an der Angel oder im Netz zu haben – vielfach ist das die Umschreibung für Erfolg und gute Geschäfte. Auch Berufsfischer freuen sich über große Exemplare in ihren Netzen. Doch sie wissen auch, dass es gerade die großen, alten Fische sind, die von besonderem Wert für die Reproduktion der Bestände sind.


Schemazeichnung des selektiv nach Größen fangenden Netzes

(© Thünen-Institut)


Dorsche im Netz. Im Hintergrund die Gitterstäbe, die große Tiere zum Fluchfenster leiten.

(© Thünen-Institut/ Annemarie Schütz)

So legt ein 10 Jahre altes Dorsch-Weibchen bis zu 40-mal so viele Eier wie ein junges, gerade geschlechtsreif gewordenes. Darüber hinaus haben die Eier der großen Weibchen eine bessere Qualität. Da ist es durchaus sinnvoll, dass beim Fischfang ein gewisser Anteil großer Exemplare nicht mit ins Netz geht. Doch wie soll das funktionieren?

Wissenschaftler des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock haben sich des Problems angenommen. Ihre Idealvorstellung: Der Fang sollte, mathematisch gesehen, gemäß einer Glockenkurve verteilt sein. Unter einer Glocke ist im mittleren Bereich der meisten Raum, zu den Rändern hin sinkt er rapide. Auf die Verteilung der Fischgrößen bezogen heißt das, dass vor allem die mittleren Größenklassen gefangen werden, während von den kleinen wie von den großen Tieren nur wenige ins Netz gehen.

Durch die Wahl der passenden Maschengröße und -form im Endbereich des Schleppnetzes, dem Steert, ist es relativ einfach, untermaßigen Fischen ein Entkommen zu ermöglichen. Sie schlüpfen im wahrsten Sinne des Wortes durch die Maschen. Anders sieht es bei großen Fischen aus. Um auch ihnen ein Entkommen zu ermöglichen, haben die Fangtechniker des Thünen-Instituts vor dem Steert ein Gitter aus schräg nach oben führenden, parallel angeordneten Stäben eingebaut, das Fische zu einem Fluchtfenster leitet. Sind Fische so groß, dass sie nicht durch das Gitter passen, sind sie quasi gezwungen, das Netz durch das oben liegende Fenster wieder zu verlassen.

Soweit die Theorie, doch wie sieht es in der Praxis aus? Wie hoch ist zum Beispiel der Anteil der mittelgroßen Fische, die eigentlich gefangen werden sollen, aber dennoch das Netz durch das Fluchtfenster verlassen? Wie viel kleine Fische können wirklich durch die Maschen des Netz-Endes entkommen?

Dies untersuchten die Wissenschaftler an Bord des Forschungsschiffes SOLEA in der westlichen Ostsee mit einer aufwendigen Konstruktion. Sie führten Probefänge mit dem neuen Netztyp durch, dessen Steert von einem anderen Netz umhüllt war, in dem die kleinen Fische, die durch die Maschen geschlüpft waren, gesammelt wurden. Ebenso führte das oben liegende Fluchtfenster im vorderen Bereich des Netzes in ein „Auffangnetz“. Auf diese Weise erhielten die Forscher genaue Zahlen der Fische, die flüchten konnten und die im Netz als Fang landeten.

Die Forscher analysierten die Daten mit verschiedenen statistischen Modellen und konnten zeigen, dass es mit einem derart konstruierten Netz prinzipiell möglich ist, den Dorschfang selektiv nach gewünschten Größenklassen auszurichten. Die entscheidenden Steuergrößen für die Form der Glockenkurve, die den Anteil von kleinen, mittleren und großen Fischen im Fang beschreibt, sind zum einen die Abstände der Stäbe im Gitter und zum anderen die Maschengrößen im Steert. Dr. Daniel Stepputtis, Leiter der Arbeitsgruppe Fischerei- und Surveytechnik im Thünen-Institut:

„Bis zu einer Umsetzung in die Fischereipraxis ist noch ein weiter Weg – insbesondere ein politischer, doch die bislang erzielten Ergebnisse sind vielversprechend. Wichtig war es uns aber auch zu zeigen, dass die Möglichkeiten, Netze zu entwerfen, die eine nachhaltige Nutzung der Fischbestände ermöglichen, noch lange nicht ausgereizt sind.“

Die Untersuchungen sind in der Fachzeitschrift Fisheries Research (als open access) veröffentlicht: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S016578361530076X

Weitere Informationen:

http://www.thuenen.de/of - Thünen-Institut für Ostseefischerei

Dr. Michael Welling | von Thünen-Institut

Weitere Berichte zu: Dorsche Glockenkurve Netz Ostseefischerei Reproduktion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Artenvielfalt kann Ökosysteme auch destabilisieren
18.10.2018 | Universität Zürich

nachricht Multiresistente Keime aus Abwasser filtern
16.10.2018 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Auf dem Weg zu maßgeschneiderten Naturstoffen

Biotechnologen entschlüsseln Struktur und Funktion von Docking Domänen bei der Biosynthese von Peptid-Wirkstoffen

Mikroorganismen bauen Naturstoffe oft wie am Fließband zusammen. Dabei spielen bestimmte Enzyme, die nicht-ribosomalen Peptid Synthetasen (NRPS), eine...

Im Focus: Größter Galaxien-Proto-Superhaufen entdeckt

Astronomen enttarnen mit dem ESO Very Large Telescope einen kosmischen Titanen, der im frühen Universum lauert

Ein Team von Astronomen unter der Leitung von Olga Cucciati vom Istituto Nazionale di Astrofisica (INAF) Bologna hat mit dem VIMOS-Instrument am Very Large...

Im Focus: Auf Wiedersehen, Silizium? Auf dem Weg zu neuen Materalien für die Elektronik

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz haben zusammen mit Wissenschaftlern aus Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgarien) und Madrid (Spanien) ein neues, metall-organisches Material entwickelt, welches ähnliche Eigenschaften wie kristallines Silizium aufweist. Das mit einfachen Mitteln bei Raumtemperatur herstellbare Material könnte in Zukunft als Ersatz für konventionelle nicht-organische Materialien dienen, die in der Optoelektronik genutzt werden.

Bei der Herstellung von elektronischen Komponenten wie Solarzellen, LEDs oder Computerchips wird heutzutage vorrangig Silizium eingesetzt. Für diese...

Im Focus: Goodbye, silicon? On the way to new electronic materials with metal-organic networks

Scientists at the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) in Mainz (Germany) together with scientists from Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgaria) and Madrid (Spain) have now developed and characterized a novel, metal-organic material which displays electrical properties mimicking those of highly crystalline silicon. The material which can easily be fabricated at room temperature could serve as a replacement for expensive conventional inorganic materials used in optoelectronics.

Silicon, a so called semiconductor, is currently widely employed for the development of components such as solar cells, LEDs or computer chips. High purity...

Im Focus: Blauer Phosphor – jetzt erstmals vermessen und kartiert

Die Existenz von „Blauem“ Phosphor war bis vor kurzem reine Theorie: Nun konnte ein HZB-Team erstmals Proben aus blauem Phosphor an BESSY II untersuchen und über ihre elektronische Bandstruktur bestätigen, dass es sich dabei tatsächlich um diese exotische Phosphor-Modifikation handelt. Blauer Phosphor ist ein interessanter Kandidat für neue optoelektronische Bauelemente.

Das Element Phosphor tritt in vielerlei Gestalt auf und wechselt mit jeder neuen Modifikation auch den Katalog seiner Eigenschaften. Bisher bekannt waren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Natürlich intelligent

19.10.2018 | Veranstaltungen

Rettungsdienst und Feuerwehr - Beschaffung von Rettungsdienstfahrzeugen, -Geräten und -Material

18.10.2018 | Veranstaltungen

11. Jenaer Lasertagung

16.10.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Ultraleichte und belastbare HighEnd-Kunststoffe ermöglichen den energieeffizienten Verkehr

19.10.2018 | Materialwissenschaften

IMMUNOQUANT: Bessere Krebstherapien als Ziel

19.10.2018 | Biowissenschaften Chemie

Raum für Bildung: Physik völlig schwerelos

19.10.2018 | Bildung Wissenschaft

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics