Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum wuchernde Patentdickichte zunehmend die Innovationstätigkeit der Unternehmen behindern

01.10.2012
Tausende von Patenten schützen heutzutage innovative Produkte wie etwa Smartphones. Solche Patentdickichte erweisen sich zunehmend als Bremse für die Innovationstätigkeit der Volkswirtschaft und als schlecht kalkulierbares Risiko für die Unternehmen.
Patentstreitigkeiten großer Technologiekonzerne wie Apple, Google oder Motorola machen diese Problematik deutlich. Viele Unternehmen lässt diese Entwicklung inzwischen zögern, ein innovatives Produkt auf den Markt zu bringen. Dies zeigt eine empirische Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die den Einfluss von Dickichten sich überlappender Patente auf die Innovationsneigung der Unternehmen untersucht.

Die ZEW Studie beschäftigt sich mit dem ambivalenten Einfluss von Patenten auf die Innovationstätigkeit der Unternehmen. Sie zeigt, dass die Innovationstätigkeit sowohl kleiner als auch großer Unternehmen durch Patentdickichte beeinträchtigt wird – allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Dies ist zunächst verwunderlich, da der Staat Patentrechte eigentlich gewährt, um Anreize zu setzen in den technischen Fortschritt zu investieren. Patente werden dem Erfinder gewährt, um seine Erfindung zu schützen. Er kann anderen verbieten lassen, seine Erfindung für kommerzielle Produkte zu verwenden. Patentstreitigkeiten beim Aufkommen neuer Technologien sind deshalb nichts Neues. Neu allerdings ist die hohe Anzahl an Patenten, die heutzutage für innovative Produkte benötigt werden.
Dickichte an schwer abgrenzbaren Patentrechten schützen heute neue Informations- und Kommunikationstechnologien und die darauf basierenden Produkte. Jedes einzelne Patent gewährt das Recht, die Einführung innovativer Produkte zu blockieren, da Patentinhaber der kommerziellen Verwendung ihrer Erfindung zustimmen müssen. Die Markteinführung neuer Produkte, die durch eine Vielzahl an Patenten geschützt sind, erfordert also, dass sich die Patentinhaber koordinieren und einigen. Solche Verhandlungen werden schwieriger je mehr Parteien am Tisch sitzen und je unterschiedlicher deren Interessen sind. Oft besitzen einzelne Parteien, die an solchen Lizenzverhandlungen teilnehmen, ganze Bündel an relevanten Patentrechten. Unternehmen mit breiten Patentportfolios sind in solchen gegenseitigen Lizenzverhandlungen, in denen jeder ein Blockaderecht besitzt, im Vorteil, da ihr Einverständnis essenziell ist. Die Verhandlungsposition kleiner Unternehmen mit wenigen Patenten ist in solchen Situationen dagegen schwach. Und sie wird umso schwächer je größer die Anzahl an Parteien ist, mit denen Lizenzabkommen geschlossen werden müssen, wenn ein kleines Unternehmen eine neue Technologie in seinen Produkten verwenden will.

Allerdings können Patentdickichte auch für Unternehmen mit breiten Patentportfolios problematisch werden. Oft lässt sich selbst für Juristen und Ingenieure schwer einschätzen, welche Patente für ein Produkt essenziell sind. Diese Rechtsunsicherheit erhöht das mit der Einführung innovativer Produkte verbundene Risiko, zumal sich das Unternehmen nach der Markteinführung eines neuen Produkts in einer denkbar schlechten Verhandlungsposition mit eventuellen Patentinhabern befindet. Die Einführung innovativer Produkte ist üblicherweise mit erheblichen Investitionen verbundenen. Ein gerichtlich erwirktes Verbot, die Produktinnovation zu vermarkten, kann dann schnell im finanziellen Fiasko enden. Dieses Drohpotenzial unerwartet auftauchender Patentinhaber bevorteilt diese in nachträglichen Lizenzverhandlungen. Die Verhandlungsposition der Patentinhaber ist dann umso stärker, je weniger sie vom Verkaufstopp der Innovation betroffen sind. Tatsächlich findet die ZEW Studie, dass große Unternehmen seltener in Innovationen investieren je häufiger kleine Unternehmen relevante Patente besitzen.
"Die Tendenz, dass Erfindungen von vielen verschiedenen Patenten geschützt werden, ist angesichts des technischen Fortschritts kaum aufzuhalten", sagt Franz Schwiebacher, für die Studie verantwortlicher Wissenschaftler am ZEW. "Allerdings könnten Institutionen, wie beispielsweise standardsetzende Organisationen, zunehmend Transparenz in Patentdickichte und unklare technologische Eigentumsverhältnisse bringen. Rechtsunsicherheiten und Transaktionskosten würden dadurch für innovative Unternehmen zumindest vermindert."

Die Studie basiert auf Unternehmensdaten des Mannheimer Innovationspanels. Ausgewertet wurden Informationen zu 1.016 Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland. Diesen Unternehmensdaten wurden Informationen über Patentanmeldungen am Europäischen Patentamt zugeordnet. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Jahre 1993 bis 2006.

Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an:
Franz Schwiebacher, Telefon 0621/1235-234, E-Mail schwiebacher@zew.de

Gunter Grittmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.zew.de
http://www.zew.de/publikation6512

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Sicherer Auto fahren ohne Grauen Star: Geringeres Unfallrisiko nach Linsenoperation
12.07.2018 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff

17.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umweltressourcen nachhaltig nutzen

17.07.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Textilien 4.0: Smarte Kleidung und Wearables als Innovation

17.07.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics