Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hohe CO2-Emissionen beim Biomarkt-Einkauf durch lange Wege

15.07.2013
Gießener Studie zeigt: CO2-Fussabdruck der Verbraucherinnen und Verbraucher beim Einkauf in Biomärkten in mittelhessischen Städten deutlich höher als beim Einkauf in Gießener Supermärkten

Wie umweltfreundlich ist der Einkauf im Biomarkt – auf den Einkaufsweg bezogen? Dieser Frage ist die Arbeitsgruppe von Prof. Dr.-Ing. Elmar Schlich, Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben an der Justus-Liebig-Universität Gießen, für den Raum Mittelhessen nachgegangen.

Das Ergebnis: Kundinnen und Kunden von Biomärkten in mittelhessischen Städten haben im Durchschnitt einen deutlich höheren „Endverbraucher-CO2-Fußabdruck“ als diejenigen, die in Gießener Supermärkten einkaufen. Zur Verallgemeinerung und Absicherung dieser Befunde sind jedoch weitere Untersuchungen nötig.

Frühere Studien der Arbeitsgruppe Schlich zeigten, dass Lebensmittel in Deutschland durch den Weg zum Einkauf zusätzlich im Schnitt mit etwa 300 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilogramm belastet werden. Die rund 400 befragten Kundinnen und Kunden von Supermärkten in der Stadt Gießen verursachten durch den Weg zum Einkauf im Mittel nur 124 Gramm CO2 pro Kilogramm Lebensmittel. Dabei dürfte Gießen mit seinem bundesweit höchsten Studierendenanteil als demographischer Sonderfall gelten: Die Studierenden benutzen häufig klimafreundlich das Fahrrad, ihr Semesterticket oder gehen zu Fuß zum Einkaufen, wie eine frühere Erhebung der Arbeitsgruppe zeigte.

Die 275 für die Studie befragten Kundinnen und Kunden von Biomärkten in mittelhessischen Städten verursachten im Schnitt für ihre Einkaufswege hingegen rund 1.000 Gramm CO2 pro Kilogramm Bioprodukt – mehr als das Dreifache des deutschen Durchschnitts und mehr als das Achtfache der befragten Gießener Supermarkt-Kundinnen und Kunden. Der Grund: Die Biomarkt-Kundinnen und -Kunden kauften signifikant weniger ein und legten längere Einkaufswege zurück als die Supermarkt-Kundinnen und -Kunden, denn Biomärkte sind nicht so flächendeckend vorhanden wie Supermärkte. Beides führt zu einer deutlichen Erhöhung der spezifischen CO2-Emission auf Konsumentenseite. Diese CO2-Emission bezeichnet Schlich im Unterschied zum „Product Carbon Footprint“ als „Consumer Carbon Footprint“, weil sie nicht einem einzelnen Produkt, sondern nur dem Warenkorb insgesamt zugeordnet werden kann.

Allerdings dürfen diese Mittelwerte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei den Biomarkt-Kundinnen und -Kunden sehr große individuelle Unterschiede gibt – von 0 bis zu beträchtlichen 38.900 Gramm CO2 pro Kilogramm Einkauf. Zudem gelten die Daten nur für die untersuchte Grundgesamtheit im Raum Mittelhessen, für die untersuchte Jahreszeit und unter Anwendung des hier entwickelten Allokationsverfahrens, mit dem der „Consumer Carbon Footprint“ eines Warenkorbs den Kundinnen und Kunden zugeordnet wird. Weitere Erhebungen sind daher notwendig. Zudem gilt es, einen wissenschaftlich gesicherten Konsens hinsichtlich anzuwendender Allokationsverfahren bei Mehrfachwegen zu finden.

Die Arbeitsgruppe Schlich hat für ihre empirische Studie eigene Erhebungen durchgeführt. Dies unterscheidet sie von vielen anderen Studien mit ähnlichen Fragestellungen, die Einkaufswege und -mengen in der Regel nur auf Vermutungen stützen, ohne jedoch eigene Erhebungen am „Point of Sale“ anzustellen.

Schlich plädiert dafür, dass alle Verbraucherinnen und Verbraucher in unserer automobilen Gesellschaft ein größeres Bewusstsein für ihren eigenen Beitrag zur CO2-Einsparung entwickeln. „Die Veränderung des eigenen Handelns kann viel mehr bewirken als der Ruf nach einem möglichst geringen ‚Product Carbon Footprint‘ in der Primärproduktion, in der Lebensmittelwirtschaft und im Transportwesen“, so der Gießener Wissenschaftler. Es müsse zu denken geben, dass der Transport von Tafeläpfeln globaler Herkunft per Schiff und LKW über Entfernungen von 16.000 Kilometern weniger CO2 pro Kilogramm Lebensmittel verursache als die sogenannte „letzte Meile“, die im Verantwortungsbereich der Endkundinnen und -kunden liegt. „Wer mit seinem Auto etliche Kilometer in die Stadt zum Biomarkt oder weit ins Umland zum Hofladen fährt, um dort ‚Bio‘ zu kaufen, tut der Umwelt keinen Gefallen“, sagt Schlich. „Eine effizientere Logistik der Distribution von Bioprodukten bis zur Haustür der Verbraucherinnen und Verbraucher ist dringend geboten.“

Publikation:
Schlich, E. (Hrsg.) Mohr, M.: Consumer Carbon Footprint beim Einkauf von Bioprodukten. Shaker-Verlag, Aachen (2013). DOI: 10.2370/OND000000000165
Kontakt:
Prof. Dr.-Ing. Elmar Schlich
Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben
Stephanstraße 24, 35390 Gießen
E-Mail: elmar.schlich@uni-giessen.de

Caroline Link | idw
Weitere Informationen:
http://www.shaker.de
http://www.uni-giessen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Internationale Studie: Wie lässt sich Gletscherschmelze genauer vorhersagen?
09.07.2020 | Universität Bremen

nachricht Erste Ergebnisse der Aerosol-Studie mit dem Chor des BR zu Corona-Ansteckungsrisiken beim Singen liegen vor
03.07.2020 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektrische Spannung aus Elektronenspin – Batterie der Zukunft?

Forschern der Technischen Universität Ilmenau ist es gelungen, sich den Eigendrehimpuls von Elektronen – den sogenannten Elektronenspin, kurz: Spin – zunutze zu machen, um elektrische Spannung zu erzeugen. Noch sind die gemessenen Spannungen winzig klein, doch hoffen die Wissenschaftler, auf der Basis ihrer Arbeiten hochleistungsfähige Batterien der Zukunft möglich zu machen. Die Forschungsarbeiten des Teams um Prof. Christian Cierpka und Prof. Jörg Schumacher vom Institut für Thermo- und Fluiddynamik wurden soeben im renommierten Journal Physical Review Applied veröffentlicht.

Laptop- und Handyspeicher der neuesten Generation nutzen Erkenntnisse eines der jüngsten Forschungsgebiete der Nanoelektronik: der Spintronik. Die heutige...

Im Focus: Neue Erkenntnisse über Flüssigkeiten, die ohne Widerstand fließen

Verlustfreie Stromleitung bei Raumtemperatur? Ein Material, das diese Eigenschaft aufweist, also bei Raumtemperatur supraleitend ist, könnte die Energieversorgung revolutionieren. Wissenschaftlern vom Exzellenzcluster „CUI: Advanced Imaging of Matter“ an der Universität Hamburg ist es nun erstmals gelungen, starke Hinweise auf Suprafluidität in einer zweidimensionalen Gaswolke zu beobachten. Sie berichten im renommierten Magazin „Science“ über ihre Experimente, in denen zentrale Aspekte der Supraleitung in einem Modellsystem untersucht werden können.

Es gibt Dinge, die eigentlich nicht passieren sollten. So kann z. B. Wasser nicht durch die Glaswand von einem Glas in ein anderes fließen. Erstaunlicherweise...

Im Focus: The spin state story: Observation of the quantum spin liquid state in novel material

New insight into the spin behavior in an exotic state of matter puts us closer to next-generation spintronic devices

Aside from the deep understanding of the natural world that quantum physics theory offers, scientists worldwide are working tirelessly to bring forth a...

Im Focus: Im Takt der Atome: Göttinger Physiker nutzen Schwingungen von Atomen zur Kontrolle eines Phasenübergangs

Chemische Reaktionen mit kurzen Lichtblitzen filmen und steuern – dieses Ziel liegt dem Forschungsfeld der „Femtochemie“ zugrunde. Mit Hilfe mehrerer aufeinanderfolgender Laserpulse sollen dabei atomare Bindungen punktgenau angeregt und nach Wunsch aufgespalten werden. Bisher konnte dies für ausgewählte Moleküle realisiert werden. Forschern der Universität Göttingen und des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie in Göttingen ist es nun gelungen, dieses Prinzip auf einen Festkörper zu übertragen und dessen Kristallstruktur an der Oberfläche zu kontrollieren. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Nature erschienen.

Das Team um Jan Gerrit Horstmann und Prof. Dr. Claus Ropers bedampfte hierfür einen Silizium-Kristall mit einer hauchdünnen Lage Indium und kühlte den Kristall...

Im Focus: Neue Methode führt zehnmal schneller zum Corona-Testergebnis

Forschende der Universität Bielefeld stellen beschleunigtes Verfahren vor

Einen Test auf SARS-CoV-2 durchzuführen und auszuwerten dauert aktuell mehr als zwei Stunden – und so kann ein Labor pro Tag nur eine sehr begrenzte Zahl von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Intensiv- und Notfallmedizin: „Virtueller DIVI-Kongress ist ein Novum für 6.000 Teilnehmer“

08.07.2020 | Veranstaltungen

Größte nationale Tagung für Nuklearmedizin

07.07.2020 | Veranstaltungen

Corona-Apps gegen COVID-19: Nationalakademie Leopoldina veranstaltet internationales virtuelles Podiumsgespräch

07.07.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erster Test für neues Roboter-Umweltmonitoring-System der TU Bergakademie Freiberg

10.07.2020 | Informationstechnologie

Binnenschifffahrt soll revolutioniert werden: Erst ferngesteuert, dann selbstfahrend

10.07.2020 | Verkehr Logistik

Robuste Hochleistungs-Datenspeicher durch magnetische Anisotropie

10.07.2020 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics