Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Märtyrerin im Präsidentensessel: Forscher untersuchen die Karrieren asiatischer Spitzenpolitikerinnen

05.04.2006


Seit November 2005 hat Deutschland eine Kanzlerin. Doch trotz weitreichender Emanzipation ist Angela Merkel in mehr als 50 Jahren bundesrepublikanischer Geschichte die bisher einzige Frau an der Spitze der deutschen Regierung. In einigen asiatischen Ländern hingegen besetzen Frauen schon seit vielen Jahren politische Spitzenämter - sowohl als Staatsoberhaupt als auch als Oppositionsführerin. Und das, obwohl die Gesellschaften dort von Männern beherrscht werden. Warum das so ist, haben Forscherinnen und Forscher vom Institut für Politische Wissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg im Rahmen eines DFG-Projektes untersucht. Zusammen mit Wissenschaftlern von der Universität Duisburg-Essen analysierten sie die Lebensläufe von 14 asiatischen Spitzenpolitikerinnen aus insgesamt zehn Ländern und fanden heraus, dass die politischen Karrieren der Frauen einem bestimmten Muster folgen.



Eine Gemeinsamkeit der untersuchten asiatischen Politikerinnen ist ihre Herkunft. Sie stammen alle aus politisch einflussreichen Familien und gelangen mit Hilfe ihrer dynastischen Netzwerke in ein politisches Spitzenamt. In den meisten Fällen gab es genug männliche Verwandte und Anwärter, die das Amt hätten übernehmen können. Der Vorteil, den die Frauen bieten, liegt meist in der Tatsache begründet, dass sie gegen ein diktatorisches Regime antraten und dabei über eine höhere Überzeugungskraft verfügten, als ihre männlichen Konkurrenten. Nach dem - oft gewaltsamen - Tod des Ehemanns oder Vaters entwickeln sich die Frauen im ersten Karriereschritt vom Opfer zur Symbolfigur einer politischen Bewegung. Sie profitieren dabei von der Rolle einer Märtyrerin: einerseits verkörpern sie das Märtyrertum ihrer politischen Vorgänger; andererseits hatten sie selbst unter den Repressionen des Regimes zu leiden. Aufgrund dieser Rolle, so haben die Wissenschaftler herausgefunden, erhöht sich die gesellschaftliche Akzeptanz der Frauen.



In der zweiten Stufe steigen die Frauen zur Anführerin einer Partei oder einer Oppositionsbewegung auf wie Aung San Suu Kyi, die nach dem Wahlsieg ihrer Partei zum Symbol der Opposition in Burma avancierte. In den meisten Fällen geht die Entwicklung weiter. Die Frauen schlagen im dritten Schritt schließlich den Weg einer Karrierepolitikerin ein und werden als Regierungsoberhaupt ihres Landes gewählt. Diese Ereignisse vollziehen sich in Zeiten des politischen Umbruchs, wenn die Wähler einen neuen Hoffnungsträger bzw. eine Hoffnungsträgerin verlangen. Als letzte Karrierestufe sehen die Wissenschaftler dann das Ausscheiden aus dem Amt und das Leben nach der Politik. Dies trifft beispielsweise auf Megawati Sukarnoputri und Chandrika Kumaratunga zu, die in den letzten beiden Jahren aus dem Amt schieden.

Im Rahmen ihrer Studie betrachteten die Forscher die Lebenswege von Sheikh Hasina Wajed und Begum Khaleda Zia (Bangladesch), Aung San Suu Kyi (Burma), Sonia Gandhi und Indira Gandhi (Indien), Megawati Sukarnoputri (Indonesien), Tanaka Makiko (Japan), Wan Azizah Wan Ismail (Malaysia), Benazir Bhutto (Pakistan), Corazon C. Aquino und Gloria Macapagal-Arroyo (Philippinen), Park Geun Hye (Südkorea) und Sirimavo Bandaranaike und Chandrika Kumaratunga (Sri Lanka). Die Forscher haben dafür sechs der Frauen persönlich interviewt, mit Angehörigen und politischen Weggefährten gesprochen und außerdem Befragungen zur Wahrnehmung der Politikerinnen durchgeführt.

Überraschend, so sagen die Wissenschaftler, sei das Auftreten des Phänomens der politischen Führerinnen in kulturell, systemisch und entwicklungsperspektivisch äußerst verschiedenen Gesellschaften. In islamisch geprägten, autoritären Entwicklungsländern wie Pakistan sind Frauen ebenso in Spitzenpositionen wie in konfuzianisch geprägten, demokratischen Industriestaaten wie Japan und Südkorea zu finden. Die Gesellschaften in der Region gelten als patriarchal und paternalistisch; eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse im Zuge des sozialen und politischen Wandels vollzieht sich augenscheinlich nur marginal.

Die bisherigen Resultate der Studie wurden in dem Buch: "Frauen an der Macht: Dynastien und politische Führerinnen in Asien" von Claudia Derichs und Mark R. Thompson veröffentlicht. Eine internationale Abschlussveröffentlichung wird dieses Jahr folgen.

Weitere Informationen für die Medien:

Ricarda Gerlach
Institut für Politische
Wissenschaft
Tel.: 09131/85-24774
ragerlac@phil.uni-erlangen.de

Ute Missel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erlangen.de/

Weitere Berichte zu: Märtyrerin Spitzenpolitikerin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Mobilität im Zeichen von Umbruch und Klimawandel
12.11.2019 | Duale Hochschule Baden-Württemberg

nachricht Ernährung kann innere Uhr und hormonelle Reaktionen beeinflussen
07.11.2019 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Magnetisches Tuning auf der Nanoskala

Magnetische Nanostrukturen maßgeschneidert herzustellen und nanomagnetische Materialeigenschaften gezielt zu beeinflussen, daran arbeiten Physiker des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) gemeinsam mit Kollegen des Leibniz-Instituts für Festkörper- und Werkstoffforschung (IFW) Dresden und der Universität Glasgow. Zum Einsatz kommt ein spezielles Mikroskop am Ionenstrahlzentrum des HZDR, dessen hauchdünner Strahl aus schnellen geladenen Atomen (Ionen) periodisch angeordnete und stabile Nanomagnete in einem Probenmaterial erzeugen kann. Es dient aber auch dazu, die magnetischen Eigenschaften von Kohlenstoff-Nanoröhrchen zu optimieren.

„Materialien im Nanometerbereich magnetisch zu tunen birgt ein großes Potenzial für die Herstellung modernster elektronischer Bauteile. Für unsere magnetischen...

Im Focus: Magnets for the second dimension

If you've ever tried to put several really strong, small cube magnets right next to each other on a magnetic board, you'll know that you just can't do it. What happens is that the magnets always arrange themselves in a column sticking out vertically from the magnetic board. Moreover, it's almost impossible to join several rows of these magnets together to form a flat surface. That's because magnets are dipolar. Equal poles repel each other, with the north pole of one magnet always attaching itself to the south pole of another and vice versa. This explains why they form a column with all the magnets aligned the same way.

Now, scientists at ETH Zurich have managed to create magnetic building blocks in the shape of cubes that - for the first time ever - can be joined together to...

Im Focus: A new quantum data classification protocol brings us nearer to a future 'quantum internet'

The algorithm represents a first step in the automated learning of quantum information networks

Quantum-based communication and computation technologies promise unprecedented applications, such as unconditionally secure communications, ultra-precise...

Im Focus: REANIMA - für ein neues Paradigma der Herzregeneration

Endogene Mechanismen der Geweberegeneration sind ein innovativer Forschungsansatz, um Herzmuskelschäden zu begegnen. Ihnen widmet sich das internationale REANIMA-Projekt, an dem zwölf europäische Forschungszentren beteiligt sind. Das am CNIC (Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares) in Madrid koordinierte Projekt startet im Januar 2020 und wird von der Europäischen Kommission mit 8 Millionen Euro über fünf Jahre gefördert.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen weltweit die meisten Todesfälle. Herzinsuffizienz ist geradezu eine Epidemie, die neben der persönlichen Belastung mit...

Im Focus: Göttinger Chemiker weisen kleinstmögliche Eiskristalle nach

Temperaturabhängig gefriert Wasser zu Eis und umgekehrt. Dieser Vorgang, in der Wissenschaft als Phasenübergang bezeichnet, ist im Alltag gut bekannt. Um aber ein stabiles Gitter für Eiskristalle zu erreichen, ist eine Mindestanzahl an Molekülen nötig, ansonsten ist das Konstrukt instabil. Bisher konnte dieser Wert nur grob geschätzt werden. Einem deutsch-amerikanischen Forschungsteam unter Leitung des Chemikers Prof. Dr. Thomas Zeuch vom Institut für Physikalische Chemie der Universität Göttingen ist es nun gelungen, die Größe kleinstmöglicher Eiskristalle genau zu bestimmen. Die Forschungsergebnisse sind in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Science erschienen.

Knapp 100 Wassermoleküle sind nötig, um einen Eiskristall in seiner kleinstmöglichen Ausprägung zu formen. Nachweisen konnten die Wissenschaftler zudem, dass...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Mediation – Konflikte konstruktiv lösen

12.11.2019 | Veranstaltungen

Hochleistungsmaterialien mit neuen Eigenschaften im Fokus von Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft

11.11.2019 | Veranstaltungen

Weniger Lärm in Innenstädten durch neue Gebäudekonzepte

08.11.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Die Selbstorganisation weicher Materie im Detail verstehen

12.11.2019 | Physik Astronomie

Magnetisches Tuning auf der Nanoskala

12.11.2019 | Physik Astronomie

»KaSiLi«: Bessere Batterien für Elektroautos »Made in Germany«

12.11.2019 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics