Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

EVALSO: Eine neue Hochgeschwindigkeits-Datenverbindung zu den chilenischen Observatorien

05.11.2010
Die ESO feiert die Einweihung eines neuen Datenkabels, das sich 100 Kilometer lang durch die chilenische Atacamawüste zieht und damit dem Paranal-Observatorium und dem Observatorio Cerro Armazones neue Möglichkeiten eröffnet.

Die Anbindung dieser beiden Einrichtungen an das größte lateinamerikanische wissenschaftliche Basisnetz schließt die letzte Lücke einer „Datenautobahn“, die diese Observatorien nunmehr direkt mit Europa verbindet.

Das neue Kabel ist Teil des EVALSO-Projektes (Enabling Virtual Access to Latin American Southern Observatories, wörtlich “Den virtuellen Zugang zu lateinamerikanischen Südhimmel-Observatorien ermöglichen”, [1]), einem Programm, das von der Europäischen Kommission über das Förderungsprogramm FP7 mitfinanziert [2] und von der italienischen Università degli Studi di Trieste koordiniert wird.

An EVALSO sind die ESO, das Observatorio Cerro Armazones (OCA) der Ruhr-Universität Bochum, das chilenische akademische Netzwerk REUNA und weitere Organisationen beteiligt. Zusätzlich zu dem neuen Kabel wurden für das EVALSO-Projekt Nutzungsmöglichkeiten für bereits existierende Infrastruktur eingekauft. Das Ergebnis ist eine extrem schnelle Datenverbindung zwischen dem Paranal und dem ESO-Hauptquartier in Garching bei München.

Projektkoordinator Fernando Liello dazu: “Dieses Projekt war der perfekte Schulterschluss zwischen den Mitgliedern der Kollaboration. Das Ergebnis ist nicht nur eine schnelle Anbindung der beiden Observatorien, sondern es ergeben sich zusätzlich große Vorteile für die akademische Gemeinschaft sowohl in Europa als auch in Lateinamerika.”

Die Standorte Paranal und Armazones sind aufgrund ihrer Höhe über dem Meeresspiegel und dem klaren Himmel fernab der Lichtverschmutzung größerer Städte ideal für astronomische Beobachtungen. Ihre Abgeschiedenheit bedeutet aber auch, dass sie weit weg von bereits existierender Kommunikations-Infrastruktur liegen. Bis zur Fertigstellung der Kabelverbindung waren die beiden Observatorien von einer Mikrowellen-Funkverbindung zu einer Basisstation in der Nähe von Antofagasta abhängig, wenn es galt, wissenschaftliche Daten zu versenden.

Die Teleskope am Paranal-Observatorium der ESO produzieren deutlich mehr als 100 Gigabyte an Daten pro Nacht. Selbst wenn die Dateien komprimiert werden, entspricht das noch immer mehr als 20 DVDs. Die bestehende Verbindung war zwar ausreichend, um die Daten der aktuellen Instrumente am Very Large Telescope (VLT) zu transportieren. Die Übertragungsgeschwindigkeit war freilich zu gering, um den Datenmengen gewachsen zu sein, die das VISTA-Teleskop (Visible and Infrared Survey Telescope for Astronomy, eso0949) oder die nächste Generation an VLT-Instrumenten, die in den nächsten Jahren in Betrieb gehen, generieren.

Die einzig praktikable Möglichkeit, einen Großteil der vom Paranal kommenden Daten zum ESO-Hauptquartier zu befördern, bestand bislang darin, sie auf Festplatten abzuspeichern und diese per Luftpost zu verschicken. Daraus ergab sich eine Verzögerung von Tagen oder sogar Wochen, bis Beobachtungen von VISTA zur Auswertung bereitstehen.

Trotz sorgfältiger Einteilung der zur Verfügung stehenden Übertragungsmöglichkeiten und eines ausgeklügelten Datenmanagements, um die Verbindung so effizient wie möglich zu nutzen, konnte es während der Stoßzeiten zu Engpässen kommen. Noch sind daraus zwar keine größeren Schwierigkeiten erwachsen, aber es wird deutlich, dass die Grenzen der ursprünglichen Verbindung erreicht sind.

“Das ESO-Observatorium auf dem Paranal wächst immer weiter – neue Teleskope und Instrumente gehen in Betrieb. Unsere wissenschaftlichen Observatorien von Weltrang benötigen eine Infrastruktur auf dem neuesten Stand der Technik ”, stellt ESO-Generaldirektor Tim de Zeeuw fest.

Anstelle der existierenden, auf 16 Megabit/s begrenzten Verbindung (vergleichbar einer privaten Breitband-ADSL-Leitungen) wird EVALSO eine viel schnellere Leitung mit 10 Gigabit/s zur Verfügung stellen. Bei dieser Geschwindigkeit kann ein kompletter DVD-Film innerhalb weniger Sekunden transferiert werden [3].

“Es ist von strategischer Bedeutung, dass die Gemeinschaft der europäischen Astronomen den bestmöglichen Zugang zu den Observatorien der ESO erhält. Das ist einer der Gründe, warum die Europäische Union die Entwicklung der regionalen Dateninfrastruktur für die Wissenschaft in Lateinamerika unterstützt und sie mit GÉANT[4] und anderen Dateninfrastrukturen der EU verknüpft.”, erläutert Mario Campolargo, Direktor der Abteilung “Emerging Technologies and Infrastructure” bei der Europäischen Kommission.

Die deutlich höheren Datenübertragungsraten lassen zu, dass Daten vom Paranal vermehrt in Echtzeit aus der Ferne abgefragt werden können. Dadurch wird es einfacher, die Effizienz des VISTA-Teleskops zu überwachen. Schnellerer Zugriff auf die Daten des VLT ermöglicht außerdem effektivere Qualitätskontrolle. Mit gesteigerten Datenrate werden sich zusätzlich neue Möglichkeiten ergeben, zum Beispiel, dass Astronomen und Techniker an Meetings über High-Definition-Videokonferenzen teilnehmen können, ohne nach Chile reisen zu müssen. Auch wenn in Zukunft noch datenintensivere Instrumente in Betrieb gehen, wird die Übertragungsrate der neuen Verbindung genügen, um die weiter wachsenden Datenströme vom Paranal und vom Cerro Armazones noch für viele Jahre bewältigen zu können.

Sofortiger Zugriff auf Daten, die sich in großer Entfernung befinden, spart nicht nur Geld und macht die Arbeit des Observatoriums effizienter, sondern erlaubt es auch, zeitnah zu reagieren. Bei unerwarteten und unvorhersagbaren Ereignissen wie Gamma Ray Bursts bleibt oft nicht genügend Zeit für die Astronomen, um zu den Observatorien zu reisen. EVALSO wird den Experten die Möglichkeit geben, bei solchen Ereignissen aus der Ferne zu arbeiten – beinahe so als wären sie persönlich in Chile.

Endnoten

[1] EVALSO wird von dem FP7-Programm der Europäischen Kommission gefördert und ist ein Gemeinschaftsprojekt der Università degli Studi di Trieste (Italien), der ESO, der Ruhr-Universität Bochum, dem Consortium GARR (Gestione Ampliamento Rete Ricerca, Italien), der Universiteit Leiden (Niederlande), dem Istituto Nazionale di Astrofisica (Italien), der Queen Mary University of London (Großbritannien), der Cooperacion Latino Americana de Redes Avanzasas (CLARA) (Uruguay) und von Red Universitaria Nacional (REUNA, Chile).

[2] FP7, das 7. Rahmenprogramm für Forschung und Technische Entwicklung der Europäischen Kommission, ist das Hauptinstrument der Europäischen Union zur Forschungsfinanzierung. Ziel des Programms ist es, die EU in wichtigen Bereichen von Wissenschaft und Technik weltweit an die Spitze zu bringen bzw. dort zu halten.

[3] Das neu verlegte Kabel ermöglicht eine Datenübertragungsrate von 10 Gigabit/s. Die Gesamtnetzwerkinfrastruktur zwischen dem Paranal und dem Hauptquartier der ESO in Deutschland kann theoretisch bis zu 1 Gigabit/s übertragen.

[4] GÉANT ist ein europaweites Datennetzwerk speziell für Forschungs- und Bildungszwecke. Es verbindet 40 Millionen Nutzer in 40 verschiedenen Ländern.

Weitere Informationen

Die Europäische Südsternwarte ESO (European Southern Observatory) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch ihre 14 Mitgliedsländer: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, die Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO betreibt drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Nordchile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts, sowie VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt. Die ESO ist der europäische Partner für den Aufbau des Antennenfelds ALMA, das größte astronomische Projekt überhaupt. Derzeit entwickelt die ESO das European Extremely Large Telescope (E-ELT) für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren und Infrarotlichts, mit 42 Metern Spiegeldurchmesser ein Großteleskop der Extraklasse.

Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsstaaten (und einigen weiteren Ländern) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg.

Kontaktinformationen

Carolin Liefke
ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie
Deutschland
Tel: 06221 528226
E-Mail: eson@mpia.de
Gonzalo Argandoña
ESO education and Public Outreach Department
Santiago, Chile
Tel: +56-2-463-3258
Cell: +56-9-9-829-4202
E-Mail: gargando@eso.org
Giorgio Filippi
ESO Telescopes Division
Garching bei München, Germany
Tel: +49-89-3200-6325
E-Mail: gfilippi@eso.org
Oli Usher
ESO education and Public Outreach Department
Garching bei München, Germany
Tel: +49-89-3200-6855
E-Mail: ousher@eso.org
Dies ist eine Übersetzung der ESO-Pressemitteilung eso1043
Weitere Informationen:
http://www.eso.org/public/germany/news/eso1043/
- Webversion der Pressemitteilung mit einem weiteren Bild (auch in höher aufgelösten Versionen) und einem Video
http://www.evalso.eu/
- Das EVALSO-Projekt (Englisch)
http://www.evalso.eu/evalso/2010-nov04-launching-event/
- Die Einweihung von EVALSO (Englisch)

Carolin Liefke | ESO Science Outreach Network
Weitere Informationen:
http://www.eso.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Kosmischer Staub auf Ballonfahrt – Experiment zur Planetenentstehung
23.10.2019 | Universität Duisburg-Essen

nachricht Physiker der Saar-Uni wollen neuartige Mikroelektronik entwickeln
23.10.2019 | Universität des Saarlandes

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Abbau von Magnesiumlegierung auf der Nanoskala beobachtet

Erstmals konnten ETH-​Forscherinnen und Forscher die Korrosion von Magnesiumlegierungen für biomedizinische Anwendungen auf der Nanoskala beobachten. Dies ist ein wichtiger Schritt, um bessere Vorhersagen darüber zu treffen, wie schnell Implantate im Körper abgebaut werden und so massgeschneiderte Implantatwerkstoffe entwickelt werden können.

Magnesium und seine Legierungen halten vermehrt Einzug in die Medizin: einerseits als Material für Implantate in der Knochenchirurgie wie Schrauben oder...

Im Focus: Researchers watch quantum knots untie

After first reporting the existence of quantum knots, Aalto University & Amherst College researchers now report how the knots behave

A quantum gas can be tied into knots using magnetic fields. Our researchers were the first to produce these knots as part of a collaboration between Aalto...

Im Focus: Hohlraum vermittelt starke Wechselwirkung zwischen Licht und Materie

Forschern ist es gelungen, mithilfe eines mikroskopischen Hohlraumes eine effiziente quantenmechanische Licht-Materie-Schnittstelle zu schaffen. Darin wird ein einzelnes Photon bis zu zehn Mal von einem künstlichen Atom ausgesandt und wieder absorbiert. Das eröffnet neue Perspektiven für die Quantentechnologie, berichten Physiker der Universität Basel und der Ruhr-Universität Bochum in der Zeitschrift «Nature».

Die Quantenphysik beschreibt Photonen als Lichtteilchen. Will man ein einzelnes Photon mit einem einzelnen Atom interagieren lassen, stellt dies aufgrund der...

Im Focus: A cavity leads to a strong interaction between light and matter

Researchers have succeeded in creating an efficient quantum-mechanical light-matter interface using a microscopic cavity. Within this cavity, a single photon is emitted and absorbed up to 10 times by an artificial atom. This opens up new prospects for quantum technology, report physicists at the University of Basel and Ruhr-University Bochum in the journal Nature.

Quantum physics describes photons as light particles. Achieving an interaction between a single photon and a single atom is a huge challenge due to the tiny...

Im Focus: Freiburger Forschenden gelingt die erste Synthese eines kationischen Tetraederclusters in Lösung

Hauptgruppenatome kommen oft in kleinen Clustern vor, die neutral, negativ oder positiv geladen sein können. Das bekannteste neutrale sogenannte Tetraedercluster ist der weiße Phosphor (P4), aber darüber hinaus sind weitere Tetraeder als Substanz isolierbar. Es handelt sich um Moleküle aus vier Atomen, deren räumliche Anordnung einem Tetraeder aus gleichseitigen Dreiecken entspricht. Bisher waren neben mindestens sechs neutralen Versionen wie As4 oder AsP3 eine Vielzahl von negativ geladenen Tetraedern wie In2Sb22– bekannt, jedoch keine kationischen, also positiv geladenen Varianten.

Ein Team um Prof. Dr. Ingo Krossing vom Institut für Anorganische und Analytische Chemie der Universität Freiburg ist es gelungen, diese positiv geladenen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wiegende Halme auf den Designers‘ Open

23.10.2019 | Veranstaltungen

13. Aachener Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung – »Collaborate to Innovate: Making the Net Work«

22.10.2019 | Veranstaltungen

Serienfertigung von XXL-Produkten: Expertentreffen in Hannover

22.10.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Abbau von Magnesiumlegierung auf der Nanoskala beobachtet

23.10.2019 | Materialwissenschaften

Wiegende Halme auf den Designers‘ Open

23.10.2019 | Veranstaltungsnachrichten

Kosmischer Staub auf Ballonfahrt – Experiment zur Planetenentstehung

23.10.2019 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics