Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Eine kosmische Brezel

07.10.2019

Zwillingsbabysterne wachsen in einem sich windenden Netzwerk aus Gas und Staub

Astronomen haben mit ALMA ein extrem scharf aufgelöstes Bild gewonnen, das zwei Scheiben zeigt, in denen junge Sterne wachsen, gespeist von einem komplexen, brezelförmigen Netzwerk von Gas- und Staubfilamenten.


Das Atacama Large Millimeter/Submillimeter Array (ALMA) nahm dieses einzigartige Bild von zwei zirkumstellaren Scheiben auf, in denen Babysterne wachsen und sich mit Material von ihrer umgebenden Scheibe füttern. Das komplexe Netzwerk von spiralförmig verteilten Staubstrukturen erinnert an die Schleifen einer Brezel. Diese Beobachtungen werfen ein neues Licht auf die frühesten Phasen des Lebenszyklus von Sternen und helfen Astronomen, die Bedingungen zu ermitteln, unter denen Doppelsterne geboren werden.

Herkunftsnachweis:

ALMA (ESO/NAOJ/NRAO), Alves et al.

Die Beobachtung dieses bemerkenswerten Phänomens wirft ein neues Licht auf die frühesten Phasen des Lebens von Sternen und hilft Astronomen, die Bedingungen zu ermitteln, unter denen Doppelsterne geboren werden.

Die beiden Babysterne wurden im System [BHB2007] 11 gefunden – dem jüngsten Mitglied eines kleinen Sternhaufens im Barnard 59 Dunkelnebel, der Teil der Wolken aus interstellarem Staub ist, der als Pfeifennebel bezeichnet wird. Frühere Beobachtungen dieses Doppelsternsystems zeigten die äußere Struktur.

Dank der hohen Auflösung des Atacama Large Millimeter/Submillimeter Arrays (ALMA) und eines internationalen Astronomenteams unter der Leitung von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik (MPE) in Deutschland können wir nun die innere Struktur dieses Objekts sehen.

„Wir sehen zwei kompakte Quellen, die wir als zirkumstellare Scheiben um die beiden jungen Sterne herum interpretieren“, erklärt Felipe Alves vom MPE, der die Studie leitete.  Eine zirkumstellare Scheibe ist der Ring aus Staub und Gas, der einen jungen Stern umgibt.

Der Stern nimmt Materie aus dem Ring auf, um größer zu werden. „Die Größe jeder dieser Scheiben ähnelt dem Asteroidengürtel in unserem Sonnensystem. Die Entfernung zwischen ihnen ist das 28-fache der Entfernung zwischen der Sonne und der Erde“, bemerkt Alves.

Die beiden zirkumstellaren Scheiben sind von einer größeren Scheibe mit einer Gesamtmasse von etwa 80 Jupitermassen umgeben, die ein komplexes Netz von spiralförmig verteilten Staubstrukturen – die Brezelschleifen – darstellt. „Das ist ein wirklich wichtiges Ergebnis“, betont Paola Caselli, Geschäftsführende Direktorin am MPE, Leiterin des Centre of Astrochemical Studies und Mitautorin der Studie.

„Wir haben endlich die komplexe Struktur junger Doppelsterne mit ihren Filamenten abgebildet, die sie mit der Scheibe, in der sie geboren wurden, verbinden. Dies liefert wichtige Einschränkungen für die aktuellen Modelle der Sternenentstehung.“

Die Babysterne akkretieren die Masse von der größeren Scheibe in zwei Stufen. Die erste Stufe ist, wenn die Masse in schönen Wirbelschleifen auf die einzelnen zirkumstellaren Scheiben übertragen wird, wie es das neue ALMA-Bild zeigt. Die Datenanalyse ergab auch, dass die weniger massereiche, aber hellere zirkumstellare Scheibe – die im unteren Teil des Bildes – mehr Material aufnimmt.

In der zweiten Stufe sammeln die Sterne die Masse aus ihren zirkumstellaren Scheiben. „Wir erwarten, dass dieser zweistufige Akkretionsprozess die Dynamik des Doppelsternsystems während der Massenakkretionsphase antreibt“, fügt Alves hinzu. „Während die gute Übereinstimmung dieser Beobachtungen mit der Theorie bereits sehr vielversprechend ist, müssen wir weitere junge Doppelsterne im Detail untersuchen, um besser zu verstehen, wie Mehrfachsterne entstehen.“

Weitere Informationen

Diese Forschungsarbeit wurde in einem Artikel vorgestellt, der am 3. Oktober 2019 in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde.

Das Team besteht aus F. O. Alves (Centre for Astrochemical Studies, Max Planck Institute for Extraterrestrial Physics, Garching, Deutschland), P. Caselli (Center for Astrochemical Studies, Max Planck Institute for Extraterrestrial Physics, Deutschland), J. M. Girart (Institut de Ciències de l'Espai, Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Spanien und Institut d'Estudis Espacials de Catalunya, Spanien), D. Segura-Cox (Center for Astrochemical Studies, Max Planck Institute for Extraterrestrial Physics, Garching, Deutschland), G. A. P. Franco (Departamento de Física, Instituto de Ciências Exatas, Universidade Federal de Minas Gerais, Brasilien), A. Schmiedeke (Centre for Astrochemical Studies, Max Planck Institute for Extraterrestrial Physics, Garching, Deutschland) und B. Zhao (Center for Astrochemical Studies, Max Planck Institute for Extraterrestrial Physics, Garching, Deutschland).

ESO ist die führende zwischenstaatliche astronomische Organisation in Europa und mit Abstand das produktivste bodengebundene astronomische Observatorium der Welt. Sie hat 16 Mitgliedstaaten: Österreich, Belgien, die Tschechische Republik, Dänemark, Frankreich, Finnland, Deutschland, Irland, Italien, die Niederlande, Polen, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz und das Vereinigte Königreich sowie der Gaststaat Chile und Australien als strategischer Partner.

Die ESO führt ein ehrgeiziges Programm durch, das sich auf die Planung, den Bau und den Betrieb leistungsfähiger bodengebundener Beobachtungseinrichtungen konzentriert, die es Astronomen ermöglichen, wichtige wissenschaftliche Entdeckungen zu machen. Die ESO spielt auch eine führende Rolle bei der Förderung und Organisation der Zusammenarbeit in der astronomischen Forschung. ESO betreibt drei einzigartige Weltklasse-Beobachtungsstätten in Chile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Am Paranal betreibt die ESO das Very Large Telescope und sein weltweit führendes Very Large Telescope Interferometer sowie zwei Durchmusterungsteleskope: VISTA arbeitet im Infrarotbereich und das VLT Survey Telescope im sichtbaren Bereich. Ebenfalls am Standort Paranal wird die ESO das Cherenkov Telescope Array South, das weltweit größte und empfindlichste Gammastrahlenobservatorium, betreuen und betreiben. ESO ist auch ein wichtiger Partner in zwei Anlagen auf Chajnantor, APEX und ALMA, dem größten existierenden astronomischen Projekt. Auf dem Cerro Armazones, in der Nähe des Paranal, baut die ESO das 39 Meter große Extremely Large Telescope (ELT), welches „das größte Auge der Welt mit Blick in den Himmel“ sein wird.

Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsländern (und einigen weiteren Staaten) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie in Heidelberg.

Links

Kontaktinformationen

Markus Nielbock
ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie
Heidelberg, Deutschland
Tel: +49 (0)6221 528-134
E-Mail: eson-germany@eso.org

Felipe Alves
Center for Astrochemical Studies — Max Planck Institute for Extraterrestrial Physics
Garching bei München, Germany
Tel: +49 89 30000 3897
E-Mail: falves@mpe.mpg.de

Mariya Lyubenova
ESO Head of Media Relations
Garching bei München, Germany
Tel: +49 89 3200 6188
E-Mail: pio@eso.org

Connect with ESO on social media

Dies ist eine Übersetzung der ESO-Pressemitteilung eso1916.

Markus Nielbock | ESO Media Newsletter
Weitere Informationen:
https://www.eso.org/public/germany/news/eso1916/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Quantencomputern das Lernen beibringen
24.02.2020 | Leibniz Universität Hannover

nachricht Die Loopings der Bakterien: Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Göttingen analysiert Fortbewegung
24.02.2020 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Loopings der Bakterien: Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Göttingen analysiert Fortbewegung

Das magnetotaktische Bakterium Magnetococcus marinus schwimmt mit Hilfe von zwei Bündeln von Geißeln. Außerdem besitzen die Bakterienzellen eine Art intrazelluläre Kompassnadel und können daher mit einem Magnetfeld gesteuert werden. Sie werden deshalb als biologisches Modell für Mikroroboter benutzt. Ein internationales Team der Universität Göttingen, des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam und der CEA Cadarache (Frankreich) hat nun aufgeklärt, wie sich diese Bakterien bewegen und deren Schwimmgeschwindigkeit bestimmt. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift eLife erschienen.

Die Forscherinnen und Forscher nutzten eine Kombination von neuen experimentellen Methoden und Computersimulationen: Sie verfolgten die Bewegung der...

Im Focus: Ultraschnelles Schalten eines optischen Bits: Gewinn für die Informationsverarbeitung

Wissenschaftler der Universität Paderborn und der TU Dortmund veröffentlichen Ergebnisse in Nature Communications

Computer speichern Informationen in Form eines Binärcodes, einer Reihe aus Einsen und Nullen – sogenannten Bits. In der Praxis werden dafür komplexe...

Im Focus: Fraunhofer IOSB-AST und DRK Wasserrettungsdienst entwickeln den weltweit ersten Wasserrettungsroboter

Künstliche Intelligenz und autonome Mobilität sollen dem Strukturwandel in Thüringen und Sachsen-Anhalt neue Impulse verleihen. Mit diesem Ziel fördert das Bundeswirtschaftsministerium ab sofort ein innovatives Projekt in Halle (Saale) und Ilmenau.

Der Wasserrettungsdienst Halle (Saale) und das Fraunhofer Institut für Optronik,
Systemtechnik und Bildauswertung, Institutsteil Angewandte Systemtechnik...

Im Focus: A step towards controlling spin-dependent petahertz electronics by material defects

The operational speed of semiconductors in various electronic and optoelectronic devices is limited to several gigahertz (a billion oscillations per second). This constrains the upper limit of the operational speed of computing. Now researchers from the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter in Hamburg, Germany, and the Indian Institute of Technology in Bombay have explained how these processes can be sped up through the use of light waves and defected solid materials.

Light waves perform several hundred trillion oscillations per second. Hence, it is natural to envision employing light oscillations to drive the electronic...

Im Focus: Haben ein Auge für Farben: druckbare Lichtsensoren

Kameras, Lichtschranken und Bewegungsmelder verbindet eines: Sie arbeiten mit Lichtsensoren, die schon jetzt bei vielen Anwendungen nicht mehr wegzudenken sind. Zukünftig könnten diese Sensoren auch bei der Telekommunikation eine wichtige Rolle spielen, indem sie die Datenübertragung mittels Licht ermöglichen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) am InnovationLab in Heidelberg ist hier ein entscheidender Entwicklungsschritt gelungen: druckbare Lichtsensoren, die Farben sehen können. Die Ergebnisse veröffentlichten sie jetzt in der Zeitschrift Advanced Materials (DOI: 10.1002/adma.201908258).

Neue Technologien werden die Nachfrage nach optischen Sensoren für eine Vielzahl von Anwendungen erhöhen, darunter auch die Kommunikation mithilfe von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leopoldina-Symposium: „Mission – Innovation“ 2020

21.02.2020 | Veranstaltungen

Gemeinsam auf kleinem Raum - Mikrowohnen

19.02.2020 | Veranstaltungen

Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“

12.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Schiffsexpedition bringt Licht ins Innere der Erde

24.02.2020 | Geowissenschaften

Elektronenbeugung zeigt winzige Kristalle in neuem Licht

24.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

Antikörper als Therapiealternative bei Tumoren am Hör- und Gleichgewichtsnerv?

24.02.2020 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics