Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Radioembolisationsverfahren mit innovativen Sphären - Klinische Premiere für innovative Krebstherapie

24.04.2017

Nach erfolgreicher klinischer Erprobung in den Niederlanden wurde am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden weltweit der erste Krebspatient in der klinischen Routine mit Holmium-166 radioaktiv beladenen Kügelchen behandelt. Das vom Radiologen Prof. Ralf-Thorsten Hoffmann und dem Nuklearmediziner Prof. Jörg Kotzerke geleitete Team wandte das Radioembolisationsverfahren mit den innovativen Sphären Mitte März bei einem Darmkrebspatienten an, dessen Leber bereits Metastasen aufweist.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass die Premiere in Dresden stattfand, ist die enge Zusammenarbeit der Experten der Klinik für Nuklearmedizin mit ihren auf Interventionelle Verfahren spezialisierten Kollegen des Instituts für Radiologie: Bereits seit mehreren Jahren wenden die Ärzte gemeinsam die „Selektive Interne Radio-Therapie“ – kurz SIRT – an.


Prof. Ralf-Thorsten Hoffmann, Spezialist für Interventionelle Radiologie (v.l.n.r.), erklärt mit Nuklearmedizinerin Dr. Sabine Grosche-Schlee ihrem Patienten Andreas Reinhardt die neue Therapie.

Holger Ostermeyer / Uniklinikum Dresden

Bisher nutzte das interdisziplinäre Expertenteam dazu den Beta-Strahler Yttrium-90, zu dem es nun mit dem Holmium-166 eine attraktive Alternative gibt. Dank der besonderen Eigenschaften dieses neu in die Krankenversorgung eingeführten Isotops können die Experten Tumore oder Metastasen nicht nur mit einer stärkeren Strahlendosis behandeln, sondern gleichzeitig genau erkennen, wo sich die mit Holmium-166 beladenen Kügelchen befinden und wie intensiv sie das erkrankte Gewebe bestrahlen.

Das lebensbedrohliche Wachstum von Tumoren beziehungsweise Metastasen lässt sich mit der SIRT in vielen Fällen wirksam bremsen. Mit dem Verfahren lässt sich das Krebsgewebe gleichzeitig aushungern und bestrahlen. Bei dieser minimal-invasiven Therapie nutzen die Nuklearmediziner und Radiologen sogenannte Mikrosphären. Das sind feinste Kügelchen mit einem Durchmesser von 20 bis 30 Mikrometern – was etwa der drei- bis vierfachen Größe von Blutplättchen entspricht.

Die winzigen Sphären werden über einen Katheter direkt in die Arterien des betroffenen Organs eingeschleust – das Verfahren wird aktuell zumeist bei Tumorerkrankungen der Leber angewandt. Aufgrund ihrer Größe passieren die Kügelchen das gesunde Gewebe, verstopfen jedoch kleinere Blutgefäße der Tumore oder Metastasen und verringern so deren Durchblutung. Dieses Prinzip nennen die Mediziner Embolisation. Gleichzeitig geben die in den Gefäßen steckenbleibenden Mikrosphären radioaktive Strahlung ab, die das kranke Gewebe so stark schädigt, dass es abstirbt.

Die Radioembolisation wird seit Jahren erfolgreich und ohne große Komplikationen in der Behandlung von Krebspatienten eingesetzt. Ein weiterer Vorteil liegt in der Art des Verfahrens selbst: Der minimal-invasive Zugang senkt das operative Risiko für Patienten und verkürzt gleichzeitig die Dauer der Genesung nach der Therapie.

Von der minimal-invasiven Therapie profitieren bislang Patienten mit lebereigenen Tumoren oder Lebermetastasen zum Beispiel vom Darmkrebs zum Beispiel wenn konventionelle Behandlungen nicht anschlagen; bei inoperablen Tumoren oder als zeitliche Überbrückung zu einer Organtransplantation. Ob der Patient für eines der Verfahren infrage kommt, ist immer eine Einzelfallentscheidung. Sie wird im Rahmen einer interdisziplinären Expertenrunde – dem Tumorboard des Universitäts KrebsCentrums Dresden – getroffen.

Holmium-166 sorgt für sichtbaren Therapieerfolg

Bislang nutzen die Ärzte weltweit den Beta-Strahler Yttrium-90 mit aus Glas oder Kunstharz bestehenden Kügelchen als Trägersubstanz. Die nun eingesetzten Mikrosphären, die aus dem Kunststoff Polylactid (kurz PLLA, vom englischen Wort polylactic-L-acid) bestehen, des niederländischen Herstellers Quirem Medical BV – einer Ausgründung des Universitätsklinikums Utrecht (UMCU) – sind mit Holmium-166 markiert, das zu den Metallen der Seltenen Erden zählt.

Es weist besondere paramagnetische Eigenschaften auf, die denen des Eisens weit überlegen sind. Damit lassen sich diese neuen, in Dresden erstmals in der klinischen Routine eingesetzten Sphären sowohl mit dem nuklearmedizinischen Standardverfahren SPECT als auch mit der Magnetresonanztomographie (MRT) sichtbar machen – und dies bereits bei geringen Konzentrationen im Gewebe. Diese für den Patienten völlig ungefährlichen Methoden ermöglichen es den Ärzten, die Verteilung der Mikrosphären in der Leber quantitativ zu messen, was eine genaue Lokalisation der radioaktiven Sphären im Tumorgewebe direkt nach der Radioembolisation ermöglicht.

„Als Radiologe schätze ich die einzigartigen Bildgebungseigenschaften der Holmium-Sphären. Die damit möglichen SPECT- und MRT-Untersuchungen eröffnen uns neue Möglichkeiten, genau auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Behandlungen anwenden zu können. Damit werden in naher Zukunft mehr Krebskranke von der innovativen Therapie profitieren“, sagt Prof. Ralf-Thorsten Hoffmann, Leiter der Interventionellen Radiologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus.

Zusätzlich zu den einzigartigen Bildgebungseigenschaften hat Holmium-166 auch eine kürzere physikalische Halbwertszeit als das bisher verwendete Yttrium-90. „Die kürzere Halbzeit von Holmium-166 führt zu einer hohen initialen Dosisleistung, daher erwarten wir eine verbesserte radiobiologische Wirkung“, sagt Prof. Jörg Kotzerke, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin des Dresdner Uniklinikums.

Im Rückblick auf die ärztliche Zusammenarbeit für die Entwicklung dieser Behandlung sagte Prof. Dr. Marnix Lam, Chef der Klinik für Nuklearmedizin des Universitätsklinikums Utrecht: „Ich freue mich darüber, dass diese in unserer Einrichtung entwickelte Behandlung jetzt für Patienten in ganz Europa verfügbar wird.“ Prof. Lam ist eigens für die Behandlung des aus Radeberg stammenden Patienten nach Dresden gekommen. Stolz zeigt sich auch Peter Coenen, Präsident des Unternehmens interventionelle Systeme Terumo EMEA:

„Wir sind dankbar für das Vertrauen, dass das Dresdner Team in uns und die innovativen Sphären setzt. Wir sind der festen Überzeugung, dass die einzigartigen Bildgebungsmöglichkeiten von QuiremSpheres® eine neue Qualität in der Radioembolisation bedeuten können. Diese erste Behandlung eines Patienten in Deutschland ist ein wichtiger Meilenstein, um ihr volles Potenzial zu entwickeln.“ Jan Sigger, CEO von Quirem Medical BV – dem Hersteller der innovativen Sphären – sagt: „Wir freuen uns, dass QuiremSpheres® nach mehr als 15 Jahren Forschung für die klinische Anwendung zur Verfügung steht. Durch unsere strategische Partnerschaft mit Terumo können nun europaweit Leberkrebspatienten von der Radioembolisation mit den Mikrosphären der nächsten Generation profitieren.“

Präzise röntgenbasierte Diagnostik und Intervention als Basis des Erfolgs

Damit die Kügelchen wirklich in die Leber und nicht doch in andere Bereiche des Körpers gelangen, untersuchen die Radiologen im Vorfeld der Therapie die Blutgefäße der Leber indem sie Kontrastmittel einspritzen. Dank angiographischer Aufnahmen können sie Lage und Verlauf der Gefäße sichtbar machen. In vielen Fällen muss der Blutfluss in einer Arterie, die den Zwölffingerdarm und einen Teil des Magens versorgt, unterbrochen werden. Dies erfolgt durch einen per Katheter eingebrachten Gefäßverschluss – einen sogenannten Coil. Für diese beiden Organe bleibt das folgenlos: Sie werden auch über andere Arterien ausreichend mit Blut versorgt. Danach bringen die Nuklearmediziner über denselben Zugangsweg eine diagnostische radioaktive Testsubstanz ein und prüfen die spätere Verteilung der radioaktiven Kügelchen in einem szintigraphischen Bild (SPECT).

Untersuchungen mit der Magnetresonanztomographie (MRT) und der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) geben weitere wichtige Hinweise für die Therapie. Die MRT-Bilder dokumentieren Größe, Anzahl und Lage, die PET zeigt die Vitalität der Tumore bzw. der Metastasen. PET und MRT liefern dem Nuklearmediziner die Daten zur individuellen Dosierung des radioaktiven Isotops. Die Berechnung der Dosis ist sehr komplex und bedarf großer Erfahrung.

Die Entscheidung, Krebspatienten mit der Selektiven Internen Radio-Therapie zu behandeln, fällt im interdisziplinären Tumorboard des Universitäts KrebsCentrums. In diesem Gremium diskutieren die Experten aller mit der Behandlung von Krebsleiden befassten Fachgebiete mehrmals wöchentlich die Befunde aller Krebspatienten und entscheiden einvernehmlich über die weiteren Schritte von Diagnostik und Therapie.


Kontakte
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Institut für Radiologische Diagnostik
Prof. Dr. med. Ralf-Thorsten Hoffmann
Tel.: 0351 458 51 15
E-Mail: ralf-thorsten.hoffmann@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de/rad

Klinik für Nuklearmedizin
Direktor: Prof. Dr. med. Jörg Kotzerke
Tel.: 0351 458 4160
E-Mail: Nuklearmedizin@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de/nuk

Weitere Informationen:

http://www.uniklinikum-dresden.de/rad
http://www.uniklinikum-dresden.de/nuk
http://www.terumo-europe.com/en-EMEA
http://www.quiremspheres.com/quiremspheres.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Polylactide

Holger Ostermeyer | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: Holmium-166 Krebstherapie MRT Metastasen Mikrosphären Nuklearmedizin PET Sphären Therapie Tumore Yttrium-90

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Mobile Herz-Lungen-Maschine ermöglicht akute Notfallversorgung
15.11.2018 | Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V.

nachricht Mit Gold Krankheiten aufspüren
14.11.2018 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Kalikokrebse: Erste Fachtagung zu hochinvasiver Tierart

16.11.2018 | Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mikroplastik in Kosmetik

16.11.2018 | Studien Analysen

Neue Materialien – Wie Polymerpelze selbstorganisiert wachsen

16.11.2018 | Materialwissenschaften

Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren

16.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics