Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Viren als Gedächtnisstütze: Immunsystem langfristig gegen Krebs aktivieren

25.10.2012
Solide Tumoren sind in hohem Maße resistent gegen Chemotherapien und besitzen zahlreiche Mechanismen, um dem körpereigenen Immunsystem zu entgehen.

Eine vielversprechende Methode zur Behandlung dieser multiresistenten Tumoren ist eine gezielte Virusinfektion des Tumorgewebes. Diese schafft geeignete Bedingungen für nachfolgende immuntherapeutische Eingriffe.


A: Gewebsschnitt aus intaktem Tumorgewebe, B: Gewebsschnitt aus virusbefallenem Tumorgewebe mit deutlichen Zeichen der Gewebszerstörung und Einwanderung weißer Blutkörperchen.
Quelle: AG PD Dr. Florian Kühnel

Die beiden Arbeitsgruppen um Florian Kühnel und Thomas Wirth an der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover wollen die molekularen und zellulären Grundlagen dieser Viro-Immunansätze untersuchen, um künftig klinisch einsetzbare Therapien entwickeln zu können.

Das Leberzellkarzinom (HCC) ist weltweit eine der häufigsten Tumorerkrankungen. Jährlich erliegen zirka 500.000 Menschen diesem Krebsleiden. Therapien mit Aussicht auf Heilung bestehen nur für einen sehr geringen Anteil der Patienten. Ein Grund dafür ist die besondere Widerstandsfähigkeit des HCC gegenüber den gängigen Chemotherapien. Die Entwicklung alternativer Behandlungsformen ist daher dringend erforderlich.

Einen neuen, attraktiver Ansatz für die Therapie solider Tumoren, wie dem HCC, sehen Forscher in der gezielten Infektion von Tumorgewebe durch spezielle Viren (sogenannte onkolytische Viren). Diese Viren können sich ausschließlich in Tumorgewebe vermehren. Dabei wird das Krebsgewebe zerstört. Gesunde Zellen bleiben unbeschadet. Ein weiterer Vorteil: Onkolytische Viren sind nicht nur in der Lage den Primärtumor zu zerstören, sondern auch im Körper gestreute Absiedelungen – zum Beispiel Lymphknotenmetastasen. Mittlerweile werden mit dieser Strategie auch in klinischen Studien vielversprechende Ergebnisse erzielt.

Neben der direkten krebszerstörenden Wirkung rufen Viren, die sich im Tumor vermehren, auch eine starke gegen den Tumor gerichtete Immunantwort des Körpers hervor. Diese Immunantwort beruht unter anderem darauf, dass die abgetöteten Tumorzellen durch Immunzellen aufgenommen und aufgrund der viralen Bestandteile als signifikante „Gefahrenquelle“ interpretiert werden. Das Immunsystem kann sich nun „merken“, dass die Tumorzellen eine Gefahrenquelle sind und aktiviert Abwehrmechanismen, die sich speziell gegen die Krebszellen richten.

Eine übergeordnete Rolle im Immunsystem spielen die Dendritischen Zellen. Als Wachposten patrouillieren sie durch den Körper und alarmieren die zelluläre Immunantwort, sobald sie fremdartige Partikel – wie zum Beispiel Virenfragmente aufspüren. Um das körpereigene Immunsystem im Kampf gegen den Tumor zu unterstützen, können solche Zellen dem Körper von außen zugeführt werden.

Die Arbeitsgruppe von Dr. Kühnel konnte kürzlich zeigen, dass die Immunantwort gegen den Tumor dann besonders wirksam ist, wenn die Impfung Dendritischer Zellen kombiniert wird mit einer künstlichen herbeigeführten Virus-Infektion des Tumorgewebes. Diese Form der ‚Viro-Immuntherapie’ hemmt sowohl den infizierten Primärtumor in der Leber als auch nicht infizierte Lungenmetastasen in ihrem Wachstum.

Im Rahmen eines von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Forschungsprojektes nehmen sich die Immunologen nun eine nachgelagerte aber zentrale Abwehrfunktion vor: die Immunantwort der CD8 T-Zellen. Diese weißen Blutzellen, auch Cytotoxische T-Zellen genannt, erkennen neben Virenfragmenten auch krankhaft veränderte Eiweißstoffe – wie etwa die von Krebszellen. Solch entartete oder von Viren befallene Zellen werden von den CD8 T-Zellen zerstört. Benannt sind diese Zellen nach dem Rezeptorprotein CD8 auf ihrer Oberfläche, das bei der Beseitigung krankhaft-veränderter Körperzellen eine wichtige Rolle spielt.

Florian Kühnel und sein Team wollen zum einen den Aufbau der CD8 T-Zellen, die als Reaktion auf die Impfung mit Viren entstandenen sind, im Detail klären. Zum zweiten soll untersucht werden, ob bei einer Viro-Immuntherapie langlebige Gedächtnis-CD8-T-Zellen entstehen. Gedächtnis-CD8-T-Zellen könnten eine bleibende Immunität gegen das Virus und die Krebszellen gewährleisten und bei wiederholtem Kontakt mit Virusfragmenten oder Krebszellen zu einer Erweiterung der tumorspezifischen Immunantwort führen. Insbesondere wollen die Forscher tumorspezifische Gedächtnis-CD8-T-Zellen identifizieren und anschließend deren Aufbau und Funktion im Detail untersuchen. Durch wiederholte Viro-Immuntherapie sollen diese dann vermehrt werden und in ihrer Charakteristik durch pharmakologisch wirkende Stoffe oder Änderungen des Versuchsablaufes so modifiziert werden, dass die Immunantwort gegen den Tumor maximiert werden kann.

„Unsere Erkenntnisse sollen als Grundlage dienen, die Effizienz der Viro-Immuntherapie zu optimieren, um diese Therapieform langfristig als einen weiteren Baustein zur Behandlung des Leberzellkarzinoms etablieren zu können“ erläutert Kühnel.

Die Wilhelm Sander-Stiftung fördert dieses Forschungsprojekt mit rund 200.000 Euro. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 190 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Kontakt (Projektleitung):

Florian Kühnel und Thomas Wirth leiten in der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover Arbeitsgruppen mit den Schwerpunkten Virotherapie (Kühnel) und T-Zell-Immunologie (Wirth).

PD Dr. Florian Kühnel
E-Mail: kuehnel.florian@mh-hannover.de
Tel.: +49 (0)511-532-3732/9401
Dr. Thomas Wirth
E-Mail: wirth.thomas@mh-hannover.de
Tel.: +49 (0)511-532 3865

Sylvia Kloberdanz | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Proteinansammlung schädigt Nervenzellen in der Multiplen Sklerose
23.04.2019 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Genaue Entschlüsselung von Brustkrebszellen könnte neue Therapie eröffnen
16.04.2019 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Diamanten den Eigenschaften zweidimensionaler Magnete auf der Spur

Physikern der Universität Basel ist es erstmals gelungen, die magnetischen Eigenschaften von atomar dünnen Van-der-Waals-Materialien auf der Nanometerskala zu messen. Mittels Diamant-Quantensensoren konnten sie die Stärke von Magnetfeldern an einzelnen Atomlagen aus Chromtriiodid ermitteln. Zudem haben sie eine Erklärung für die ungewöhnlichen magnetischen Eigenschaften des Materials gefunden. Die Zeitschrift «Science» hat die Ergebnisse veröffentlicht.

Der Einsatz von zweidimensionalen Van-der-Waals-Materialien verspricht Innovationen in zahlreichen Bereichen. Wissenschaftler weltweit untersuchen immer neue...

Im Focus: Unprecedented insight into two-dimensional magnets using diamond quantum sensors

For the first time, physicists at the University of Basel have succeeded in measuring the magnetic properties of atomically thin van der Waals materials on the nanoscale. They used diamond quantum sensors to determine the strength of the magnetization of individual atomic layers of the material chromium triiodide. In addition, they found a long-sought explanation for the unusual magnetic properties of the material. The journal Science has published the findings.

The use of atomically thin, two-dimensional van der Waals materials promises innovations in numerous fields in science and technology. Scientists around the...

Im Focus: Volle Fahrt voraus für SmartEEs auf der Automotive Interiors Expo 2019

Flexible, organische und gedruckte Elektronik erobert den Alltag. Die Wachstumsprognosen verheißen wachsende Märkte und Chancen für die Industrie. In Europa beschäftigen sich Top-Einrichtungen und Unternehmen mit der Forschung und Weiterentwicklung dieser Technologien für die Märkte und Anwendungen von Morgen. Der Zugang seitens der KMUs ist dennoch schwer. Das europäische Projekt SmartEEs - Smart Emerging Electronics Servicing arbeitet an der Etablierung eines europäischen Innovationsnetzwerks, das sowohl den Zugang zu Kompetenzen als auch die Unterstützung der Unternehmen bei der Übernahme von Innovationen und das Voranschreiten bis zur Kommerzialisierung unterstützt.

Sie umgibt uns und begleitet uns fast unbewusst durch den Alltag – gedruckte Elektronik. Sie beginnt bei smarten Labels oder RFID-Tags in der Kleidung,...

Im Focus: Full speed ahead for SmartEEs at Automotive Interiors Expo 2019

Flexible, organic and printed electronics conquer everyday life. The forecasts for growth promise increasing markets and opportunities for the industry. In Europe, top institutions and companies are engaged in research and further development of these technologies for tomorrow's markets and applications. However, access by SMEs is difficult. The European project SmartEEs - Smart Emerging Electronics Servicing works on the establishment of a European innovation network, which supports both the access to competences as well as the support of the enterprises with the assumption of innovations and the progress up to the commercialization.

It surrounds us and almost unconsciously accompanies us through everyday life - printed electronics. It starts with smart labels or RFID tags in clothing, we...

Im Focus: Neuer LED-Leuchtstoff spart Energie

Das menschliche Auge ist für Grün besonders empfindlich, für Blau und Rot hingegen weniger. Chemiker um Hubert Huppertz von der Universität Innsbruck haben nun einen neuen roten Leuchtstoff entwickelt, dessen Licht vom Auge gut wahrgenommen wird. Damit lässt sich die Lichtausbeute von weißen LEDs um rund ein Sechstel steigern, was die Energieeffizienz von Beleuchtungssystemen deutlich verbessern kann.

Leuchtdioden oder LEDs können nur Licht einer bestimmten Farbe erzeugen. Mit unterschiedlichen Verfahren zur Farbmischung lässt sich aber auch weißes Licht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Diabetes Kongress 2019 in Berlin: Am 30. Mai 5 km laufen und Gutes tun

26.04.2019 | Veranstaltungen

Wie sieht das Essen der Zukunft aus?

25.04.2019 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz: Lernen von der Natur

17.04.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mit Diamanten den Eigenschaften zweidimensionaler Magnete auf der Spur

26.04.2019 | Physik Astronomie

Multitasking in Perfektion: Nervenzelle arbeitet wie 1400 einzelne Zellen

26.04.2019 | Biowissenschaften Chemie

Neuer Goldstandard bei der Behandlung der Aortenklappenstenose

26.04.2019 | Medizintechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics