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Lebensgefährliche Entzündungen: Warum Cholesterin die Arterien schädigt

29.04.2010
Kristallines Cholesterin kann augenscheinlich lebensgefährliche Entzündungen in den Arterienwänden hervorrufen. Das zeigt eine aktuelle Studie unter Federführung der Universitäten Massachusetts und Bonn sowie der LMU München.

Demnach reagiert die körpereigene Abwehr auf die Kristalle mit einer massiven Immunreaktion. Dabei entstehen entzündliche Schwellungen in der Gefäßwand, die so genannten atherosklerotischen Plaques. Dadurch kommt es zur Verengungen der Arterienwände. Mögliche Folgen: Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlicher Herztod.

Die Forscher schildern diese Zusammenhänge in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „Nature“. Ihre Ergebnisse machen auch Hoffnung auf neue Medikamente gegen die Volkskrankheit Atherosklerose.

In atherosklerotischen Plaques befinden sich neben auskristallisiertem Cholesterin stets große Mengen von Immunzellen, erstaunlicherweise aber keine Bakterien oder Viren. Bislang war daher unklar, wodurch die körpereigenen Abwehrtruppen auf den Plan gerufen werden. Selbst Tiere, die in absolut steriler Umgebung gehalten werden, können eine „Arterienverkalkung“ (so die nicht ganz treffende umgangssprachliche Bezeichnung) bekommen. Sie werden allerdings nur dann krank, wenn ihr Futter viel Cholesterin enthält. Auch beim Menschen gilt dieser Zusammenhang: Je höher der Blutcholesterinspiegel, desto größer ist das Atherosklerose-Risiko und die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu erleiden. „Das weiß man schon lange“, betont Professor Dr. Eicke Latz von der Uni Bonn. „Warum das so ist, wusste aber niemand so genau.“

Latz ist dieser Frage zusammen mit Peter Düwell von der LMU München, Veit Hornung an der Uni Bonn und US-Kollegen nachgegangen. Dabei konnten sie erstmals den molekularen Auslöser der Gefäßentzündung dingfest machen. „Wir haben festgestellt, dass sich bei entsprechender Ernährung schon nach kurzer Zeit Cholesterin-Kristalle in den Arterienwänden ablagern“, sagt Düwell. „Diese Kristalle werden dann von Fresszellen des Immunsystems aufgenommen.“ Das ist der Startschuss für eine verhängnisvolle Kettenreaktion: Die schwer verdauliche Kost aktiviert in den Fresszellen ein so genanntes Inflammasom. Dieses Protein-Konglomerat sorgt unter anderem dafür, dass die Zelle Entzündungsmediatoren freisetzt. Dadurch werden mehr und mehr Immunzellen an den Ort des Geschehens gelockt. Die Invasion destabilisiert letztlich die Gefäßwände – mit möglicherweise lebensbedrohlichen Folgen.

Gicht in den Adern

„Ganz ähnliche Prozesse laufen beispielsweise bei einem Gichtanfall ab“, erläutert Eicke Latz. „Dort allerdings hauptsächlich in den Gelenken.“ Auch die äußerst schmerzhaften Gichtschübe werden durch falsche Ernährung ausgelöst. Übeltäter ist hier nicht Fett, sondern Nukleinsäuren, beispielsweise aus Muskelgeweben (Fleisch). Bei der Verdauung entsteht Harnsäure, die dann kristallisiert. Diese Kristalle setzten dann ebenfalls eine starke Entzündungsreaktion in Gang.

Professor Latz ist vor kurzem nach einem fast 10-jährigen Forschungsaufenthalt in den USA an die Universität Bonn berufen worden. Dort leitet er das neue Institut für Angeborene Immunität, in dem Mechanismen der Entstehung von Entzündungsreaktionen erforscht werden. Die sogenannte angeborene Immunität ist der Teil der körpereigenen Abwehr, der schnell und direkt auf viele Alarmsignale aus der Umgebung reagiert. Und dazu scheinen neben Viren, Bakterien oder Pilzen eben auch bestimmte Kristalle sowie andere Stoffe, die bei Gefahrensituationen auftreten, zu gehören. Vorteil des angeborenen Immunsystems ist es, dass es auf Gefährdungen sehr schnell reagieren kann. Dabei kann es jedoch augenscheinlich über das Ziel hinaus schießen. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Staublunge, bei der durch eingeatmete Silikate oder Asbest eine chronische Entzündungsreaktion ausgelöst wird. Besonders häufig sind davon Bergleute betroffen.

Ansatzpunkt für neue Medikamente

Ein Puzzlesteinchen fehlt den Forschern noch, um das Bild komplett zu machen: „Wir wissen noch nicht genau, wie die Cholesterin-Kristalle das Inflammasom aktivieren“, sagt Eicke Latz. Schon jetzt liefern die Resultate aber Ansatzpunkte für neue Medikamente. Bislang werden in der Therapie die so genannten Statine eingesetzt. Sie vermindern die Synthese von endogenem - also vom Körper selbst hergestelltem – Cholesterin und reduzieren so das Risiko eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls. Statine hemmen jedoch nicht die Aufnahme von Cholesterin mit der Nahrung.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jährlich knapp 17 Millionen Menschen an kardiovaskulären Erkrankungen. Jeder vierte Todesfall weltweit ist damit Folge einer Atherosklerose.

Kontakt:
Professor Dr. Eicke Latz
Institut für Angeborene Immunität der Uni Bonn
Telefon: 0228/287-51223
E-Mail: Eicke.Latz@ukb.uni-bonn.de

Dr. Andreas Archut | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

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