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Kinderärzte als Lotsen

19.09.2001


Niedergelassene Kinderärzte haben eine wichtige Lotsenfunktion für Diagnose und Behandlung psychischer Krankheiten. 45 Prozent der ihnen vorgestellten Kinder zeigen klinische Auffälligkeiten oder eine grenzwertig klinische Symptomatik im psychischen Bereich. Die Krankheitsbilder sind vielfältig: Verzögerungen in der Entwicklung und Verhaltensauffälligkeiten treten ebenso auf wie Eßstörungen, Tics und kindliche Psychosen. Nur knapp ein Zehntel der Betroffenen hat jedoch zuvor Rat in einer psychotherapeutischen Einrichtung gesucht, so daß dem Kinderarzt die Aufgabe der Diagnosefindung zufällt. Aus diesem Grund ist die Aus- und Weiterbildung der Kinderheilkundler im psychotherapeutischen Bereich von großer Wichtigkeit, so Dr. Martin Steinert in einer Untersuchung, die an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln vorgelegt wurde.



Mehr als zwei Drittel der Patienten werden mit körperlichen Beschwerden vorgestellt, nur knapp zehn Prozent der Kinder konsultieren den Arzt mit dezidiert psychosozialem Anlaß. Bei einer durchschnittlichen Behandlungszeit von etwa acht Minuten bleibt dem Kinderarzt nur wenig Zeit, um hinter der körperlichen Krankheit seelische Störungen zu bemerken. Hilfreich wäre, wie Dr. Steinert anregt, die Einführung eines standardisierten Fragenkatalogs, der von den Kindern und ihren Begleitpersonen bereits im Wartezimmer ausgefüllt werden könnte. Dieser wäre nicht in der Lage, die persönliche Untersuchung zu ersetzen, könnte aber erste Anhaltspunkte liefern.

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Jedes sechste der auffälligen bzw. grenzwertig auffälligen Kinder wird an Institutionen der Psychotherapie verwiesen, 15 Prozent wird der Besuch einer entwicklungsfördernden Einrichtung wie etwa einer logopädischen oder ergotherapeutischen Praxis nahegelegt. Eine Überweisung an psychotherapeutische Berufsgruppen erfolgt demnach eher selten, dennoch sind die befragten Kinderärzte bei der überwiegenden Mehrheit der Fälle mit dem eingeschlagenen Behandlungsweg zufrieden. Wird auf die optimale Therapie verzichtet, so ist dies fast ausschließlich auf die fehlende Bereitschaft zur Mitarbeit seitens der Eltern und der Patienten zurückzuführen. Aus diesem Befund leitet Dr. Steinert die Forderung nach einer breiteren öffentlichen Aufklärung über psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter ab, damit Ängste und Ablehnung bei den Patienten verringert werden.

Schließlich soll sich der Kinderarzt, so Dr. Steinert, seiner Lotsenfunktion bewußt werden. Zwischen 75 und 95 Prozent der Kinder besuchen ihren Kinderarzt jährlich, so daß dieser das Wachstum begleitet und Entwicklungstendenzen beobachten kann. Er ist primärer Ansprechpartner für die Eltern und soll daher in der Lage sein, gegebenenfalls über therapeutische Angebote zu informieren und Kontakte zu den entsprechenden Einrichtungen der Region herzustellen.

Verantwortlich: Stefanie Beig
Für Rückfragen steht Ihnen Professor Dr. Gerd Lehmkuhl unter der Telefonnummer 0221/478-4370, der Fax-Nummer 0221/478-6104 und unter der Email-Adresse gerd.lehmkuhl@medizin.uni-koeln.de zur Verfügung.


Gabriele Rutzen | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html

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