Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Taubsche Trainingstherapie: Wirksame Hilfe nach dem Schlaganfall

12.07.2001


Die Lähmung nach einem Schlaganfall ist kein unabänderliches Schicksal. Selbst Jahre nach dem Ereignis lernen Patienten wieder, "mit den Muskeln zu spielen". Dank des Taubschen Bewegungstrainings, das Jenaer Psychologen um Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner gemeinsam mit amerikanischen Kollegen entwickelt haben, kehrt Leben zurück in die matten Gliedmaßen. Rund die Hälfte der Schlaganfallopfer in Deutschland hält Miltner noch für therapierbar - selbst Jahre nach dem Ereignis. Morgen fliegt er in die USA und stellt die Behandlungsmethode samt ihren wissenschaftlichen Grundlagen bei einem Fachkongress in Birmingham/Alabama ausführlich vor. Seit wenigen Tagen liegt auch ein Therapie-Handbuch für das Taubsche Bewegungstraining in deutscher Sprache vor.

"Nach einem Schlaganfall sind ja keineswegs die Muskeln und Sehnen geschädigt, sondern die Steuerungs- und Empfindungszentrale im Gehirn", erklärt Professor Miltner. Natürlich können die Wissenschaftler einmal abgestorbene Gehirnareale nicht wieder zu Leben erwecken, aber ihr Trainingsprogramm sorgt dafür, dass deren Funktionen teilweise von benachbarten Gehirnregionen mit übernommen werden.

Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich unser Gehirn über die gesamte Lebensspanne hinweg in dynamischen Lernprozessen befindet. Neurowissenschaftler sprechen von der "Plastizität" des Gehirns. Rund 100 Kranke hat Miltners Team allein in Jena therapiert. "Unsere beste Patientin war 84 Jahre alt und kam 17 Jahre nach dem Ereignis zu uns", berichtet der Psychologe stolz, "anfangs hat sie ihren Arm überhaupt nicht benutzt, durch die Therapie bei uns hat sie wieder einen beinahe normalen Zustand erreicht."

Zuerst behandelten die Wissenschaftler nur relativ leichte Fälle, inzwischen helfen sie auch Schlaganfall-Geschädigten mit schweren Einschränkungen. "Entscheidend ist, dass noch eine geringe Restbewegungsfähigkeit in der betroffenen Hand vorhanden ist", weiß Miltner. Wer vor dem Training zumindest unter Mühen noch seine Fingern leicht bewegen kann, bewältigt hinterher teilweise auch anspruchsvolle motorische Aufgaben: etwa den Schraubverschluss einer Flasche zu öffnen oder die Knöpfe am Hemd zu schließen.

Seit Herbst 1995 haben Miltner und seine Mitarbeiter im Auftrag des Kuratoriums ZNS ihr Behandlungsprogramm für Schlaganfallpatienten und Unfallopfer mit traumatischen Schäden erarbeitet. "Der Erfolg des Taubschen Bewegungstrainings ist nachweisbar", erläutert der Psychologe. "Mit Hilfe bildgebender Verfahren, etwa der funktionellen Magnetresonanztomographie, können wir sehen, wie sich allmählich die aktiven Areale im Gehirn vergrößern.

Das geschieht in unmittelbarer Nachbarschaft des geschädigten Bereichs, manchmal auch zusätzlich in gegenüberliegenden Regionen." Grundsätzlich gilt die einfache Regel: Je komplexer die Bewegungsabläufe, desto größer ihre Repräsentationsebene im Gehirn. Ein Geiger hat zum Beispiel für seine Griffhand ein relativ großes Gehirnareal präsent. Diese neuronale Ausstattung haben Virtuosen aber nicht von Geburt an, sondern im Laufe eines jahrelangen mühsamen Trainings erworben.

Nach diesem Prinzip arbeiten auch die Jenaer Klinischen Psychologen bei ihrem Bewegungstraining: Ihre Schlaganfall-Patienten müssen den gesunden Arm festgebunden in einer Schlinge tragen und mit dem kranken über eine Woche hinweg Tag für Tag von morgens bis abends ein grob- und feinmotorisches Training absolvieren, bis sie große und kleine Schrauben in Gewinde drehen oder - ein Kinderspiel - winzige farbige Pins in ein Lochbrett stecken können. Bei diesem massiven Training bilden sich um das abgestorbene Gehirnareal neue Neuronenverschaltungen heraus. "Unser Training ist für manchen Patienten sicher eine Art Folter", gesteht Miltner, "aber die Ergebnisse rechtfertigen alle Anstrengungen."

Der logische nächste Schritt wäre die Einrichtung eines Rehabilitationszentrums an der Uni Jena. Miltners entsprechender Antrag befindet sich seit einiger Zeit beim Ministerium. Sein amerikanischer Forschungspartner Prof. Edward Taub, der in den 70-er Jahren in Tierversuchen an Affen die experimentellen Grundlagen für die Behandlungsmethode entdeckte, war da schneller: An seiner Heimatuniversität in Birmingham/Alabama gründete er nun eine solche Therapieeinrichtung. "Binnen zweier Wochen war die Entscheidung gefallen und die Finanzierung gesichert", erzählt Miltner. "Schön zu sehen, wie diese neuen Ideen wenigstens in den USA auf fruchtbaren Boden fallen."

Überhaupt kommentiert der Jenaer Wissenschaftler seine Arbeitsbedingungen in Deutschland fast nur noch sarkastisch. "Wir könnten viel schneller vorankommen, wenn wir nicht diese grotesken Nachwuchsprobleme hätten." Mehrere seiner Mitarbeiter haben inzwischen das Institut verlassen und erheblich besser bezahlte Jobs in der klinischen Praxis angetreten. Neue Forschungsprogramme für die Arbeit mit hirnverletzten Kindern und - nach Schlaganfall - sprachgestörten Patienten sind zwar offiziell genehmigt, liegen aber weitgehend brach, weil die Mitarbeiter fehlen.

Der größte Hemmschuh für die Wissenschaft ist offenbar der unattraktive Bundesangestelltentarif-Ost. "Wir wüssten auch gern, ob unseren Patienten nicht schon in der subakuten Phase direkt nach dem Ereignis noch besser zu helfen wäre als erst Monate oder Jahre später und wie man den Trainingserfolg mit Medikamenten unterstützen kann", klagt Miltner. Aber auch für diese Forschung fehlt ihm derzeit das Personal.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner
Institut für Psychologie der Universität Jena
Tel.: 03641/945141, Fax: 945142
E-Mail: miltner@biopsy.uni-jena.de

Literatur:
Heike Bauder, Edward Taub, Wolfgang H. R. Miltner: Behandlung motorischer Störungen nach Schlaganfall. Die Taubsche Bewegungsinduktionstherapie.
Hogrefe-Verlag. Göttingen 2001.


Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch | idw

Weitere Berichte zu: Schlaganfall

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Zwischen Erregung und Hemmung
06.12.2019 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Wenn der Rücken vom vielen Sitzen schmerzt
05.12.2019 | Technische Universität Chemnitz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das 136 Millionen Atom-Modell: Wissenschaftler simulieren Photosynthese

Die Umwandlung von Sonnenlicht in chemische Energie ist für das Leben unerlässlich. In einer der größten Simulationen eines Biosystems weltweit haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diesen komplexen Prozess an einem Bestandteil eines Bakteriums nachgeahmt – am Computer, Atom um Atom. Die Arbeit, die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Cell“ veröffentlicht wurde, ist ein wichtiger Schritt zum besseren Verständnis der Photosynthese in einigen biologischen Strukturen. An der internationalen Forschungskooperation unter Leitung der University of Illinois war auch ein Team der Jacobs University Bremen beteiligt.

Das Projekt geht zurück auf eine Initiative des inzwischen verstorbenen, deutsch-US-amerikanischen Physikprofessors Klaus Schulten von der University of...

Im Focus: Developing a digital twin

University of Texas and MIT researchers create virtual UAVs that can predict vehicle health, enable autonomous decision-making

In the not too distant future, we can expect to see our skies filled with unmanned aerial vehicles (UAVs) delivering packages, maybe even people, from location...

Im Focus: Freiformflächen bis zu 80 Prozent schneller schlichten: Neue Werkzeuge und Algorithmen für die Fräsbearbeitung

Beim Schlichtfräsen komplexer Freiformflächen können Kreissegment- oder Tonnenfräswerkzeuge jetzt ihre Vorteile gegenüber herkömmlichen Werkzeugen mit Kugelkopf besser ausspielen: Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen entwickelte im Forschungsprojekt »FlexiMILL« gemeinsam mit vier Industriepartnern passende flexible Bearbeitungsstrategien und implementierte diese in eine CAM-Software. Auf diese Weise lassen sich große frei geformte Oberflächen nun bis zu 80 Prozent schneller bearbeiten.

Ziel im Projekt »FlexiMILL« war es, für die Bearbeitung mit Tonnenfräswerkzeugen nicht nur neue, verbesserte Werkzeuggeometrien zu entwickeln, sondern auch...

Im Focus: Bis zu 30 Prozent mehr Kapazität für Lithium-Ionen-Akkus

Durch Untersuchungen struktureller Veränderungen während der Synthese von Kathodenmaterialen für zukünftige Hochenergie-Lithium-Ionen-Akkus haben Forscherinnen und Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und kooperierender Einrichtungen neue und wesentliche Erkenntnisse über Degradationsmechanismen gewonnen. Diese könnten zur Entwicklung von Akkus mit deutlich erhöhter Kapazität beitragen, die etwa bei Elektrofahrzeugen eine größere Reichweite möglich machen. Über die Ergebnisse berichtet das Team in der Zeitschrift Nature Communications. (DOI 10.1038/s41467-019-13240-z)

Ein Durchbruch der Elektromobilität wird bislang unter anderem durch ungenügende Reichweiten der Fahrzeuge behindert. Helfen könnten Lithium-Ionen-Akkus mit...

Im Focus: Neue Klimadaten dank kompaktem Alexandritlaser

Höhere Atmosphärenschichten werden für Klimaforscher immer interessanter. Bereiche oberhalb von 40 km sind allerdings nur mit Höhenforschungsraketen direkt zugänglich. Ein LIDAR-System (Light Detection and Ranging) mit einem diodengepumpten Alexandritlaser schafft jetzt neue Möglichkeiten. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Atmosphärenphysik (IAP) und des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT entwickeln ein System, das leicht zu transportieren ist und autark arbeitet. Damit kann in Zukunft ein LIDAR-Netzwerk kontinuierlich und weiträumig Daten aus der Atmosphäre liefern.

Der Klimawandel ist in diesen Tagen ein heißes Thema. Eine wichtige wissenschaftliche Grundlage zum Verständnis der Phänomene sind valide Modelle zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

Intelligente Transportbehälter als Basis für neue Services der Intralogistik

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

RNA-Modifikation - Umbau unter Druck

06.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

Der Versteppung vorbeugen

06.12.2019 | Geowissenschaften

Verstopfung in Abwehrzellen löst Entzündung aus

06.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics