Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Schmerzgedächtnis "überschreiben"

07.10.2004


Re-learning-Programm gegen chronischen Schmerz

... mehr zu:
»Psychiatrie »Schmerzmittel

"Chronischer Schmerz ist gelerntes Verhalten, ein in Körper und Geist abgespeichertes "Programm" das mit der richtigen Therapie "überschrieben" werden kann", so Prof. Dr. Walter Zieglgänsberger vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie beim Deutschen Schmerzkongress 2004 in Leipzig. Wichtig sei eine zeitgleiche medikamentöse und Verhaltenstherapie. An der "Krücke" des Schmerzmittels muss der Patient sonst schmerzhafte Bewegungen schmerzfrei ausüben und dabei abspeichern, dass die Bewegung gar nicht weh tut. Er muss Aktivitäten nachgehen, die ihm sonst der Schmerz verwehrt und sehen, wofür es sicht lohnt zu kämpfen. Dieser re-learning-Prozess läuft gleichzeitig auf körperlicher und psychischer Ebene ab. "Viel zu oft werden nur Schmerzmittel verschrieben und Ruhe verordnet - das ist kontraproduktiv!", so der Spezialist.

Ängstliche Erwartung ist fast schlimmer als der Schmerz


Dass Schmerz Angst auslöst, ist sinnvoll: Schmerzen sollen uns warnen, damit wir aufhören zu tun, was uns schadet, etwa damit wir den Finger schnell von der heißen Herdplatte nehmen. Aber wenn der Schmerz chronisch wird, verliert er seine Warnfunktion und die Angst rückt in den Vordergrund: Der Schmerzpatient weiß, dass eine bestimmte Bewegung weh tut, und er fürchtet diesen Schmerz. Durch die ständige Vorwegnahme des schmerzhaften Reizes empfindet er ihn umso stärker, wenn er dann tatsächlich kommt. Und nicht nur diese sensorische Empfindung ist unangenehm, der Schmerz ist auch ärgerlich und erniedrigend, verursacht unangenehme Emotionen, die mit der Bewegung verknüpft werden.

Die Fessel der Vermeidung

Binnen kurzer Zeit hat der Patient daraus gelernt: Er wird die schmerzhaften Bewegungen vermeiden, und darüber hinaus alle Situationen, in denen er in die Verlegenheit geraten könnte, sie ausführen zu müssen. Der Rückenschmerzpatient, der schlecht sitzen kann, wird nicht mehr arbeiten, auf Kneipe, Kino und Theater verzichten, sich einigeln. Das tut weder Körper noch Seele gut: Die Kondition leidet, Muskeln erschlaffen, die Laune sinkt, Depressionen können folgen. Wer an diesem Punkt zum Arzt geht, bekommt viel zu oft einfach ein Schmerzmittel verschrieben und die Empfehlung, sich "mal auszuruhen". Doch auf Dauer verbessert das nichts, im Gegenteil fördert es Schonhaltungen und Ver-meidungsverhalten. Lässt die Medikamentenwirkung nach, sind Angst und Schmerz wieder zurück als wäre nichts gewesen. "Wenn ich mir für eine Weile eine schwarze Brille aufsetze, merke ich mir das zuvor gesehene Bild natürlich weiterhin, es wird ja derweil durch nichts anderes ersetzt", vergleicht Prof. Zieglgänsberger. Diese Erfahrung bedeutet für den Patienten oft eine große Enttäuschung.

Altes Programm überschreiben in den "Schmerzferien"

Wirkliche Hilfe können nur Behandlungskonzepte bieten, die die Trennung zwischen Körper und Geist aufgeben. "Bei chronischen Schmerzpatienten ist es längst die Angst, die die dominante Rolle spielt", so Zieglgänsberger, "chronischer Schmerz ist erlernt." Der Schlüssel zum Erfolg gegen die Schmerzkrankheit liegt daher in einer zweiteiligen Therapie aus Schmerzmedikamenten und Verhaltenstherapie. Das Schmerzmittel - gegebenenfalls übergangsweise ein starkes - schaltet den Schmerz zuerst einmal aus. Der Patient macht "Schmerzferien". Zurücklehnen und Nichtstun ist aber nicht angesagt: In dieser Zeit der Schmerzfreiheit muss er aktiv werden, alles tun, was ihm sonst weh tun und merken: Diese Bewegung verursacht ja gar keinen Schmerz. Seine Erwartung war falsch - man spricht vom "prediction error". Solche überraschenden Erfahrungen prägen sich ein, werden abgespeichert und überschreiben die negativen Lerninhalte.

Re-learning-Prozess für "Leben vor dem Tod"

Wer an der Krücke des Schmerzmedikaments Beschäftigungen nachgeht, die ihm sonst der Schmerz verwehrt, der sieht plötzlich auch ganz deutlich, was ihm durch den Schmerz entgeht und wofür es sich lohnt zu kämpfen. "Natürlich ist es mitunter schwierig für Patienten, ihre gewohnte Haltung aufzugeben und wieder aktiv zu werden", so Prof. Zieglgänsberger, "aber: Das Leben findet vor dem Tod statt!" Mit dieser Motivation wird das "Programm chronischer Schmerz" nach und nach überschrieben: Bewegungen werden von der Erwartung der mit ihnen verbundenen negativen Empfindungen und Emotionen entkoppelt, man spricht vom Re-learning-Prozess. Die körperliche Kondition und die seelische Verfassung bessern sich. Irgendwann kann die Schmerzmedikation vielleicht ganz abgesetzt werden.

Kontakt

Walter Zieglgänsberger, Max-Planck-Institut f. Psychiatrie, Kraepelinstr. 2, 80804 München, Tel: 08930622350, Fax: 08930622402, E-Mail: wzg@mpipsykl.mpg.de

Meike Drießen | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgss.org
http://www.mpipsykl.mpg.de

Weitere Berichte zu: Psychiatrie Schmerzmittel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die Gene sind nicht schuld
20.07.2018 | Technische Universität München

nachricht Staus im Gehirn: FAU-Forscher identifizieren eine Ursache für Parkinson
20.07.2018 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics