Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Schlüssel zur Raumentwicklung - Ein IRS-Brückenprojekt im Portrait

04.09.2014

Das IRS führt in Rahmen seiner haushaltsfinanzierten Forschung interdisziplinäre Brückenprojekte durch, in denen Wissenschaftler aus verschiedenen Forschungsabteilungen gemeinsam an übergreifenden Fragestellungen arbeiten.

Im derzeitigen Brückenprojekt widmen sie sich sogenannten Schlüsselfiguren in der Raumentwicklung, also Einzelpersonen, die auf Prozesse der räumlich-gesellschaftlichen Entwicklung einen großen Einfluss haben. Die Mechanismen ihrer Wirksamkeit werden in verschiedenen Fallstudien untersucht und gemeinsam analysiert.

Am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) forschen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen zu Fragen der gesellschaftlichen und räumlichen Entwicklung in Städten und Regionen. Die dabei analysierten Felder der Raumentwicklung sind vielfältig, sie reichen vom möglichen Beitrag von Wissen und Innovation zur regionalen wirtschaftlichen Dynamik über die Entwicklung von sozial benachteiligten Stadtquartieren bis zur wissenschaftlichen Begleitung von Städtebauförderprogrammen wie „Stadtumbau Ost“.

Alle Forschungsabteilungen haben jedoch in der empirischen Arbeit immer wieder ähnliche Erfahrungen gemacht, berichtet die IRS-Direktorin Prof. Dr. Heiderose Kilper. „Es zeigte sich, dass es oft bestimmte Einzelpersonen sind, die als Triebkräfte in Raumentwicklungsprozessen wirken, indem sie beispielsweise in ihrem sozialen Umfeld Neues ausprobieren, bisherige Pfade verlassen oder Lösungsansätze für sozialräumliche Probleme entwickeln.“

Daher sei es nötig, auch eine Perspektive in der sozialwissenschaftlichen Raumforschung einzunehmen, die dezidiert das individuelle Wirken von Schlüsselfiguren in den Blick nimmt und mit den Erkenntnissen über soziale und institutionelle Strukturen, Netzwerke und Raum in Beziehung setzt.

Aufbauend auf diese Erfahrungen hat im Jahr 2013 ein neues abteilungsübergreifendes Forschungsprojekt begonnen. Im dreijährigen Brückenprojekt „Schlüsselfiguren als Triebkräfte in der Raumentwicklung“ führen Wissenschaftler aus vier Forschungsabteilungen Fallstudien in ihren jeweiligen Forschungsfeldern durch, um dem Einfluss von prägenden Einzelakteuren auf bestimmte Prozesse der Raumentwicklung auf den Grund zu gehen und eine Typologie zu entwickeln.

„Wir erwarten, dass sich unterschiedliche Wirkungsmuster der Schlüsselfiguren in den Feldern Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik aufzeigen lassen“, so die Projektleiterin Kilper. An erster Stelle steht jedoch eine Aufarbeitung des Forschungsstandes zum besonderen Einfluss von Einzelpersonen auf gesellschaftliche Prozesse. Bereits Joseph Schumpeter und Max Weber setzten sich bereits vor circa 100 Jahren mit einem besonderen Typus des Unternehmers auseinander, der Dynamik und Charisma vereine und die wirtschaftliche Entwicklung maßgeblich beeinflusse.

Ein anderer Strang der Forschung beschäftigt sich mit der Macht lokaler Eliten, wobei politische und wirtschaftliche Akteure analysiert wurden. Für das Brückenprojekt prägend sind zudem die Konzepte von „policy entrepreneurs“ und „leadership“. Insbesondere um den letzteren Begriff ranken sich noch zahlreiche Diskussionen. „Wir diskutieren, ob und wie wir beispielsweise den leadership-Begriff im Kontext der IRS-Forschung für die Schlüsselfiguren in der Raumentwicklung nutzbar machen können“, sagt Kilper.

Die Fallstudien der Projektmitarbeiter nehmen unterschiedliche Schlüsselfiguren in den Blick. Die Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“ differenziert in ihrer Studie „Der enthusiastische Gründer“ verschiedene Typen von Akteuren an der Schnittfläche von Forschung und Wirtschaft. Am Beispiel der Biotechnologie haben die Wissenschaftler anerkannte Pionierpersönlichkeiten identifiziert, die Innovationen befördert und Entwicklungspfade vorgegeben haben.

Mentoren sind dabei Schlüsselfiguren, die in der Grundlagenforschung hohes Ansehen genießen und Freiräume für Forschung und Transfer schaffen. Als disruptive Unternehmer bezeichnen die Forscher Unternehmer, die ehrgeizig und risikofreudig Innovationen aufnehmen und umsetzen. Ebenso essenziell seien aber die Strategen oder Diplomaten für eine erfolgreiche Innovationsbiographie, sie agieren zwischen Start-Ups und großen Unternehmen und haben den langfristigen Erfolg im Auge.

Die Fallstudie der Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ setzt an den Raumpionier-Forschungen der Abteilung der letzten Jahre an. Raumpioniere folgen zunächst ihren eigenen raumbezogenen Interessen, können in lokalem Rahmen aber zu Schlüsselfiguren für die Entwicklung eines Quartiers oder eines Dorfes werden. „Häufig regen sie in ihrem Umfeld Innovatives für die Lösung sozialer Probleme an und verankern diese Lösungen sozial und räumlich“, so Kilper. Neben den Netzwerken und dem institutionellen Nährboden für dieses Engagement sind auch individuelle Charakteristika der Akteure für ihren Einfluss relevant, etwa Kommunikations- und Integrationsfähigkeit.

Das dritte Handlungsfeld, die Politik, besetzt die Fallstudie, die von der Forschungsabteilung „Regenerierung von Städten“ in das Projekt eingebracht wird. Gegenstand der Studie ist der politische Entstehungsprozess des Städtebauförderprogramms „Stadtumbau Ost“, welches um die Jahrtausendwende einen entscheidenden Umbruch für die Stadtentwicklungspolitik darstellte.

„Das Programm wurde vorangetrieben von einer überschaubaren Anzahl von Personen in Bund-, Länder- und Kommunalverwaltungen sowie im Bereich Wohnungswirtschaft und Planung“, sagt Kilper. Dieser Prozess verlief vergleichsweise schnell und die Beteiligten handelten kollektiv über Institutionengrenzen hinweg. Wie dies genau organisiert wurde, wie die Schlüsselfiguren handelten und welche Attribute ihnen zugeschrieben werden können, will das Brückenprojekt bis Ende 2015 klären.

„Nicht zuletzt werden wir auch immer Fragen des Raumes thematisieren“, schließt Kilper. „Dabei sehen wir Raum nicht ausschließlich als Betätigungsfeld der Akteure an, sondern analysieren ihn auch als Problemdimension und als Rahmenbedingung für ihr Handeln.“ Ob Räume durch Konzentration sozialer Problemlagen Handeln induzieren – wie im Falle der Raumpioniere in benachteiligten Quartieren – oder wie im Stadtumbau Objekt des Handelns sind, die enge Verbindung von sozialer und räumlicher Entwicklung als zentrales Merkmal der IRS-Forschung wird auch mit dem Brückenprojekt unterstrichen und vertieft.

Kontakt:

Prof. Dr. Heiderose Kilper

http://www.irs-net.de/kontakt/mitarbeiter.php?id=24

Jan Zwilling | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt
25.05.2018 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Nanopartikel aus Kläranlagen - vorläufige Entwarnung
02.05.2018 | Universität Siegen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics