Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Globalisierung und nationale Kultur: ein Spannungsfeld

20.02.2002


Johann Gottfried Herder (1744 - 1803).


Was das Verhältnis der Völker untereinander angeht, so hatte der Philosoph Johann Gottfried Herder (1744 - 1803) ganz eigene staats- und rechtstheoretische Vorstellungen. Diese sollen am Institut für deutsche und bayerische Rechtsgeschichte der Uni Würzburg erschlossen werden. Herders Ideen stammen aus einer Zeit, in der sich ähnliche Spannungsfelder auftaten wie heute. Sie bieten darum möglicherweise eine Grundlage für die Politikberatung.

Globalisierung und Europäisierung, Regionalisierung und Identität - diese Schlagworte machen die Runde. Sie lassen eine krisenhafte Spannung zwischen den Anforderungen der entstehenden Weltgesellschaft und dem Beharren auf kultureller Eigenständigkeit erkennen.

Die Frage, wie sich in Zukunft ein gemeinsames Ethos der Menschheit und die Traditionen nationaler Kulturen zueinander verhalten sollen, ist unbeantwortet. Schon in Europa erweist sich die Notwendigkeit, den Wirtschaftsraum zu vergrößern und die Lebensbedingungen der Völker einander anzunähern, trotz verwandter historischer Traditionen als eine schwierige Aufgabe. Sie wird durch den bevorstehenden Eintritt der osteuropäischen Staaten in die Europäische Union noch weiter kompliziert, da dort das Selbstverständnis der Menschen aufgrund ganz anderer Erfahrungen in der jüngsten Vergangenheit nachhaltig von der nunmehr erreichten nationalen Unabhängigkeit bestimmt wird.

Die Frage, ob und wie sich menschenrechtliches und nationalkulturelles Denken miteinander vereinbaren lassen, dürfte die Öffentlichkeit in zunehmendem Maße beschäftigen. Politische und religiöse Toleranz, Freizügigkeit, individuelle Selbstbestimmung und damit Bereitschaft auch zu kultureller Koexistenz einerseits, andererseits Festhalten an überlieferten kulturellen Mustern, an ethnischen und regionalen Besonderheiten, an Sprachenvielfalt und Heimatverbundenheit: "Solche Stichworte umschreiben ein Spannungsverhältnis, von dem im Augenblick niemand zu sagen weiß, wie es in Europa, geschweige denn zwischen den Weltkulturen bewältigt werden soll", so der Rechtshistoriker Prof. Dr. Dietmar Willoweit von der Uni Würzburg.

Dabei sei die Thematik keineswegs neu. Sie begegnet laut Willoweit schon in der Spätaufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Damals hatte einerseits die Vernunft die natürlichen Rechte des Menschen und die Einheit der Menschheit entdeckt, andererseits waren aber auch die Geschichtlichkeit der menschlichen Existenz und damit die naturhafte Besonderheit der Völker und ihrer Kulturen bewusst geworden.

Dietmar Willoweit: "Für den rückblickenden Beobachter erscheinen die naturrechtliche Epoche und die Zeit des beginnenden Historismus als einfach voneinander abzugrenzende Stufen eines geradlinig verlaufenden geistesgeschichtlichen Prozesses." Unter den Zeitgenossen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts aber habe sich von beiden Ansätzen her ein eng miteinander verflochtener Diskurs entwickelt, dessen Erkenntnisse und Leitlinien bis heute für das politische Denken bestimmend geblieben seien.

Johann Gottfried Herder darf als einer der hervorragendsten Vertreter dieses Diskurses gelten. Ziel eines am Institut für deutsche und bayerische Rechtsgeschichte der Universität Würzburg angesiedelten Projektes ist es daher, das reichhaltige, aber nicht leicht erschließbare Werk Herders in Hinblick auf seine staats- und rechtstheoretischen Leitideen und Modellvorstellungen, die er für das Verhältnis der Völker zueinander für maßgebend erachtete, zu untersuchen. Auf dieser Grundlage soll der Versuch unternommen werden, im Sinne einer wissenschaftlich fundierten Politikberatung Gestaltungsalternativen für die Zukunft zu entwickeln. Der Beauftragte der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien fördert dieses Projekt von Prof. Willoweit.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Dietmar Willoweit, T (0931) 31-2363, Fax (0931) 31-2103, E-Mail: 
l-willoweit@jura.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw

Weitere Berichte zu: Globalisierung Politikberatung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht „Fingerabdruck“ überführt Lebensmittelfälscher
29.11.2019 | Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

nachricht Tätowierungen entfernen mit Laser und Ultraschall - Forschungsprojekt entwickelt neues Verfahren
27.11.2019 | Technische Hochschule Köln

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochgeladenes Ion bahnt den Weg zu neuer Physik

In einer experimentell-theoretischen Gemeinschaftsarbeit hat am Heidelberger MPI für Kernphysik ein internationales Physiker-Team erstmals eine Orbitalkreuzung im hochgeladenen Ion Pr9+ nachgewiesen. Mittels einer Elektronenstrahl-Ionenfalle haben sie optische Spektren aufgenommen und anhand von Atomstrukturrechnungen analysiert. Ein hierfür erwarteter Übergang von nHz-Breite wurde identifiziert und seine Energie mit hoher Präzision bestimmt. Die Theorie sagt für diese „Uhrenlinie“ eine sehr große Empfindlichkeit auf neue Physik und zugleich eine extrem geringe Anfälligkeit gegenüber externen Störungen voraus, was sie zu einem einzigartigen Kandidaten zukünftiger Präzisionsstudien macht.

Laserspektroskopie neutraler Atome und einfach geladener Ionen hat während der vergangenen Jahrzehnte Dank einer Serie technologischer Fortschritte eine...

Im Focus: Highly charged ion paves the way towards new physics

In a joint experimental and theoretical work performed at the Heidelberg Max Planck Institute for Nuclear Physics, an international team of physicists detected for the first time an orbital crossing in the highly charged ion Pr⁹⁺. Optical spectra were recorded employing an electron beam ion trap and analysed with the aid of atomic structure calculations. A proposed nHz-wide transition has been identified and its energy was determined with high precision. Theory predicts a very high sensitivity to new physics and extremely low susceptibility to external perturbations for this “clock line” making it a unique candidate for proposed precision studies.

Laser spectroscopy of neutral atoms and singly charged ions has reached astonishing precision by merit of a chain of technological advances during the past...

Im Focus: Ultrafast stimulated emission microscopy of single nanocrystals in Science

The ability to investigate the dynamics of single particle at the nano-scale and femtosecond level remained an unfathomed dream for years. It was not until the dawn of the 21st century that nanotechnology and femtoscience gradually merged together and the first ultrafast microscopy of individual quantum dots (QDs) and molecules was accomplished.

Ultrafast microscopy studies entirely rely on detecting nanoparticles or single molecules with luminescence techniques, which require efficient emitters to...

Im Focus: Wie Graphen-Nanostrukturen magnetisch werden

Graphen, eine zweidimensionale Struktur aus Kohlenstoff, ist ein Material mit hervorragenden mechanischen, elektronischen und optischen Eigenschaften. Doch für magnetische Anwendungen schien es bislang nicht nutzbar. Forschern der Empa ist es gemeinsam mit internationalen Partnern nun gelungen, ein in den 1970er Jahren vorhergesagtes Molekül zu synthetisieren, welches beweist, dass Graphen-Nanostrukturen in ganz bestimmten Formen magnetische Eigenschaften aufweisen, die künftige spintronische Anwendungen erlauben könnten. Die Ergebnisse sind eben im renommierten Fachmagazin Nature Nanotechnology erschienen.

Graphen-Nanostrukturen (auch Nanographene genannt) können, je nach Form und Ausrichtung der Ränder, ganz unterschiedliche Eigenschaften besitzen - zum Beispiel...

Im Focus: How to induce magnetism in graphene

Graphene, a two-dimensional structure made of carbon, is a material with excellent mechanical, electronic and optical properties. However, it did not seem suitable for magnetic applications. Together with international partners, Empa researchers have now succeeded in synthesizing a unique nanographene predicted in the 1970s, which conclusively demonstrates that carbon in very specific forms has magnetic properties that could permit future spintronic applications. The results have just been published in the renowned journal Nature Nanotechnology.

Depending on the shape and orientation of their edges, graphene nanostructures (also known as nanographenes) can have very different properties – for example,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Analyse internationaler Finanzmärkte

10.12.2019 | Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kein Seemannsgarn: Hochseeschifffahrt soll schadstoffärmer werden

11.12.2019 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Vernetzte Produktion in Echtzeit: Deutsch-schwedisches Testbed geht in die zweite Phase

11.12.2019 | Informationstechnologie

Verbesserte Architekturgläser durch Plasmabehandlung – Reinigung, Vorbehandlung & Haftungssteigerung

11.12.2019 | Architektur Bauwesen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics