Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Halbe Heimat Deutschland: Bremer Studie über das Selbstverständnis türkischer Migranten

15.11.2001


Verhindern die Barrieren zwischen Deutschen und Türken ein respektvolles Zusammenleben in der Bundesrepublik? Bremer Politologen haben dieses Thema in der Studie "Zur kollektiven Identität türkischer Migranten in Deutschland" untersucht. Ergebnis: Es gibt ein eigenes Selbstverständnis der Türken in Deutschland; daneben sind sie aber auch der deutschen Gesellschaft positiv zugewandt.

Für Türken und Türkinnen in Deutschland ist klar: "Türke bleibt Türke, deutsch bleibt deutsch". Sind also die Barrieren zwischen Deutschen und Türken so hoch, dass ein respektvolles Zusammenleben in der Bundesrepublik nicht möglich ist? Bremer Politologen haben sich dieser Fragestellung mit der Studie "Zur kollektiven Identität türkischer Migranten in Deutschland" genähert. Sie warnen vor einer Fehlinterpretation dieser Äußerung. Die Schlussfolgerung aus ihrer Untersuchung lautet vielmehr: Es gibt ein eigenes Selbstverständnis der Türken in Deutschland; dies steht aber nicht im Widerspruch dazu, dass Türken positiv der deutschen Gesellschaft gegenüber stehen. In der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Untersuchung haben die Wissenschaftler vom Institut für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen unter Leitung von Professor Bernhard Peters mehr als 100 ausführliche Interviews mit türkischen Migrantinnen und Migranten der ersten und zweiten Generation geführt.

Für alle Interviewten war selbstverständlich, dass ihre Identität türkisch geprägt ist. Die ethnischen Wurzeln sind offensichtlich und werden nicht negiert. Doch die Türken in Deutschland haben eine eigene Identität entwickelt, die über diese Wurzeln hinausgeht und die Lebenssituation in Deutschland widerspiegelt. Die kollektive Identität bildet sich durch die Zugehörigkeit zu den Türken, die in Deutschland ihre Erfahrungen mit der Umwelt gesammelt haben. Auch wenn es nach wie vor enge persönliche Beziehungen zur Türkei gibt, wird das Land am Bosporus als ein fremd gewordenes Land wahrgenommen. Aber auch eine ausschließlich "deutsche" Identität existiert in dieser Bevölkerungsgruppe nicht. "Wir sind Türken, aber Deutschland ist für uns eine halbe Heimat geworden", ist eine typische Aussage für Migranten, die seit 30 Jahren in der Bundesrepublik leben und arbeiten und hier ihre "besten Jahre" verbracht haben.

Der Islam ist das wichtigste verbindende Element im kollektiven Selbstverständnis der "deutschen" Türken. Darüber hinaus gibt es Identitäts-Merkmale, die als typisch türkisch eingestuft werden: Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Familienorientierung, menschliche Wärme, Spontaneität oder Freigebigkeit. Diese Eigenschaften werden durchaus im Kontrast zu den "kühlen" Umgangsformen der Deutschen gesehen. Aber die Befragungsergebnisse haben auch deutlich ergeben, dass damit keine grundsätzliche Abgrenzung oder gar Ablehnung gegenüber der deutschen Umwelt verbunden ist. Viele Türken schätzen an der deutschen Gesellschaft ihre Verlässlichkeit, Ordnung und Freiheitsrechte. Auch der häufig demonstrierte türkische Nationalstolz widerspricht nicht der grundsätzlichen Wertschätzung der deutschen Gesellschaft. Mit offen rassistischem Verhalten im Alltag gehen die Migranten recht gelassen um. Sie machen nur eine kleine Gruppe der deutschen Bevölkerung dafür verantwortlich.

Auch wenn sich die zweite Generation türkischer Migranten nach wie vor mit dem Selbstverständnis der Türken in Deutschland identifiziert, verliert das Zugehörigkeitsgefühl an Bedeutung. Die jungen Türken setzen sich sehr differenziert mit den Werten und Normen ihrer Elterngeneration auseinander. Traditionen und Kulturelemente werden akzeptiert, wenn sie zur eigenen Lebensplanung in der deutschen Gesellschaft passen. Es wird freier und bewusster als in der ersten Migrantengeneration über das eigene Selbstverständnis entschieden. Auch für die jungen Migranten ist der Islam der entscheidende Faktor der Verbundenheit. Eine gemeinsame Identität der "deutschen" Türken ist für die junge Generation noch erforderlich, da sie sich in der deutschen Gesamtgesellschaft nur unzureichend anerkannt fühlt. Die gesellschaftliche Benachteiligung in Ausbildung, Beruf und im Alltag wird von den jungen Türken in Deutschland viel intensiver wahrgenommen als von den Eltern. Auch das Vertrauen in die gesellschaftlichen Institutionen ist wesentlich weniger ausgeprägt als bei den älteren Türken.

Die Autoren der Bremer Studie sehen in der kollektiven Identität der türkischen Mitbürger in Deutschland keine Probleme für das Zusammenleben. Wie mit anderen Gruppen einer pluralen Gesellschaft auch gibt es natürlich für das gütliche Zusammenleben eine Reihe von Aspekten wie Religionsunterricht, Sprachkenntnisse oder der Umgang mit einzelnen Organisationen, die geregelt werden müssen. Die Furcht vor einer türkischen "Parallelgesellschaft" halten sie für unberechtigt. Eine politische Dramatisierung, so die Bremer Wissenschaftler, würde erst die Probleme für das Zusammenleben schaffen, die man vorgibt zu bekämpfen.

Rosemarie Sackmann, Bernhard Peters, Tanjev Schultz, Kathrin Prümm: "Zur kollektiven Identität türkischer Migranten in Deutschland". Institut für Interkulturelle und Internationale Studien (InIIS). Universität Bremen. 2001.

Weitere Informationen bei:
Universität Bremen
Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Dr. Rosemarie Sackmann
Tel. 0421 / 218 3357
E-Mail: sackmann@barkhof.uni-bremen.de
und
Prof. Dr. Bernhard Peters
Tel. 0421 / 218 3365
E-Mail: bpeters@barkhof.uni-bremen.de

Angelika Rockel | idw

Weitere Berichte zu: Interkulturell Migrant Selbstverständnis Wurzel Zusammenleben

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt
25.05.2018 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Nanopartikel aus Kläranlagen - vorläufige Entwarnung
02.05.2018 | Universität Siegen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vernetzte Beleuchtung: Weg mit dem blinden Fleck

18.07.2018 | Energie und Elektrotechnik

BIAS erhält Bremens größten 3D-Drucker für metallische Luffahrtkomponenten

18.07.2018 | Verfahrenstechnologie

Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz

18.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics