Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zeitarbeit verbessert Arbeitsmarktchancen für Arbeitslose

05.11.2012
Effekte werden aber überschätzt und sind nur langfristig wirksam – Reformen erforderlich
Arbeitslose Arbeitnehmer haben eine größere Chance auf eine reguläre Vollzeiterwerbstätigkeit, wenn sie zunächst eine Zeitarbeit aufnehmen. Allerdings tritt dieser Effekt erst langfristig ein, und nur ein Teil der Arbeitslosen ist auf diesem Weg erfolgreich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des RWI im Auftrag der Bertelsmann Stiftung über die sogenannten „Klebe- und Sprungbretteffekte“ von Zeitarbeit.

Danach werden von Zeitarbeitnehmern durchschnittlich sieben Prozent in ein festes Anstellungsverhältnis übernommen. Der errechnete nahtlose Übernahmeeffekt ist bei kleinen Betrieben ausgeprägter als bei großen Betrieben. Das Resultat fällt bei den „unternehmensnahen Dienstleistungen“ mit neun Prozent am größten aus. Er bleibt aber in jedem Fall in allen Branchen und über alle Gruppen deutlich unter den 30 Prozent, die dem „Klebeeffekt“ in der öffentlichen Debatte häufig zugeschrieben werden.

Dennoch waren zwei Jahre nach Eintritt in die Zeitarbeit etwa 70 Prozent der vormals Arbeitslosen in Beschäftigung, davon knapp zwei Drittel außerhalb der Zeitarbeit, während ein gutes Drittel weiterhin in der Arbeitnehmerüberlassung tätig war. Während dieser zwei Jahre kommt es zu bedeutenden Verschiebungen in der Art der ausgeübten Beschäftigung. Zum einen fällt der Anteil an Personen, die weiterhin in Zeitarbeit tätig sind, kontinuierlich. Zum anderen wächst der Anteil derjenigen, die eine Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeit finden. Übten im ersten Monat nach Beginn des Zeitarbeitsverhältnisses sechs Prozent aller Personen ein anderes Beschäftigungsverhältnis aus, waren es nach einem Jahr bereits 34 Prozent.

Für eine Beurteilung des sogenannten „Sprungeffektes“ wurde für die Studie ein Vergleich von Arbeitslosen vorgenommen, die sich entweder auf dem traditionellen Weg der Arbeitsvermittlung oder über den Zwischenschritt der Zeitarbeit um eine Beschäftigung bemühen. Dabei zeigt sich, dass die Beschäftigungswahrscheinlichkeit durch die Aufnahme einer Zeitarbeit im Schnitt zwanzig Prozentpunkte höher ist. Diese erhöhte Beschäftigungschance ist jedoch vorrangig auf anhaltende oder neu aufgenommene Zeitarbeitstätigkeiten zurückzuführen. Statistisch messbare Unterschiede bei der Aufnahme von Beschäftigungsverhältnissen außerhalb der Zeitarbeit zeigen sich vor allem bei den Chancen, eine Vollzeitbeschäftigung zu finden. Allerdings weist die Studie auch nach, dass die Aufnahme von Zeitarbeit kurzfristig keinen substanziellen Vorteil und die Hoffnung auf ein Normalarbeitsverhältnis verschafft. In den ersten Monaten einer Arbeitslosigkeit verharren die Zeitarbeitskräfte vielmehr zunächst in der Zeitarbeitsbranche, während die vergleichbaren Arbeitslosen schneller wieder eine andere Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt finden.

Die Vergleichsgruppenanalyse kommt zu dem Fazit, dass Arbeitslose durch eine Tätigkeit in der Zeitarbeit ihre Chancen, zukünftig grundsätzlich in Arbeit zu sein, nachweisbar verbessern können. Allerdings geschieht dies auch längerfristig vorrangig durch Tätigkeiten in der Zeitarbeitsbranche selbst. Die Wahrscheinlichkeit, eine anderweitige Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeit zu finden, kann längerfristig nur für die Aufnahme von Vollzeitbeschäftigung konstatiert werden.

Juliane Landmann, Projektmanagerin der Bertelsmann Stiftung: „Die Zeitarbeit ist eine reelle Chance für viele Arbeitslose rasch und auch dauerhaft in ein Arbeitsverhältnis zurück zu kommen. Und auch als Flexibilitätspuffer für die Wirtschaft ist sie sicherlich sinnvoll. Aber die Hoffnung auf einen raschen Übergang in ein Arbeitsverhältnis außerhalb der Zeitarbeit geht nur selten in Erfüllung.“

Um die Rolle der Zeitarbeit als Wiedereinstiegshilfe in den Arbeitsmarkt zu stärken und die Sprungbrettfunktion der Zeitarbeit in ein Normalarbeitsverhältnis zu verbessern, schlägt die Bertelsmann Stiftung eine intelligente Verteuerung der Zeitarbeit, eine institutionalisierte Weiterbildung sowie ein Prämiensystem für erfolgreiche Vermittlung außerhalb der Zeitarbeit vor.

Dazu sollte die Entlohnung von Zeitarbeitnehmern im Vergleich zu Stammbelegschaften schrittweise, aber rasch innerhalb von mehreren Beschäftigungsmonaten angehoben und die Entlohnungslücke geschlossen werden. Um die Aufnahme einer Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeit zu stärken, wären zudem institutionalisierte, branchenweite Weiterbildungsangebote während der verleihfreien Zeiten und in regional organisierten Zeitfirmenverbünden sowie aussagekräftige Tätigkeitsnachweise denkbar.
Eine Alternative, die zudem unmittelbar auf die Stärkung der Sprungbrettfunktion abzielt, wäre die Einführung eines Prämiensystems seitens der Bundesagentur für Arbeit. Dabei würde den Zeitarbeitsunternehmen die nachweislich erfolgreiche Vermittlung bestimmter Zeitarbeitskräfte in eine anderweitige Beschäftigung finanziell vergütet.

Über die Studie: Abschätzungen über die erhöhten Jobchancen durch Zeitarbeit spielen bei der öffentlichen Diskussion dieser Tätigkeitsform eine sehr große Rolle. Die Angaben dazu sind bislang sehr heterogen. Um einen objektiven Beitrag anhand empirisch überprüfbarer Zahlen zu liefern, wurde die Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) erstellt. In dieser Studie wurde die Übernahme ehemaliger Zeitarbeitskräfte durch den Einsatzbetrieb sowie die Sprungbrettfunktion der Zeitarbeit für vormals Arbeitslose analysiert. Dafür wurde auf Daten des IAB Betriebspanels und auf die Stichprobe der Integrierten Arbeitsmarktbiographien zurückgegriffen.

Rückfragen an:

Juliane Landmann, Telefon: 0 52 41 / 81-81 245
E-Mail: juliane.landmann@bertelsmann-stiftung.de

Eric Thode, Telefon: 0 52 41 / 81-81 581
E-Mail: Eric.thode@bertelsmann-stiftung.de

Ute Friedrich | idw
Weitere Informationen:
http://www.bertelsmann-stiftung.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Fotos aus sozialen Medien zeigen soziokulturellen Wert von Landschaften
12.10.2018 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Der ängstliche Nao - Wenn Menschen emotional auf Roboter reagieren
14.08.2018 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Kalikokrebse: Erste Fachtagung zu hochinvasiver Tierart

16.11.2018 | Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mikroplastik in Kosmetik

16.11.2018 | Studien Analysen

Neue Materialien – Wie Polymerpelze selbstorganisiert wachsen

16.11.2018 | Materialwissenschaften

Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren

16.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics