Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Keine Zeit für Gründe

12.11.2012
Soziologen der Universität Jena untersuchen in einem neuen Forschungsprojekt Beschleunigungseffekte in der Gesellschaft

In den letzten Monaten verging kaum eine Woche, ohne dass sich Politiker – sei es in den Landesparlamenten oder auf europäischer Ebene – trafen, um über immer neue und höhere Geldsummen zu befinden, die anderen europäischen Staaten aus der Finanzkrise helfen sollen.

Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass den meisten Abgeordneten gar nicht mehr klar ist, worüber sie gerade befinden – verständlicherweise. Denn in der Geschwindigkeit, in der sich die Ausgangssituationen für Entscheidungen ändern, kann sich ein einzelner Mensch nicht das Rüstzeug zulegen, das er braucht, um zwischen richtig und falsch abzuwägen.

Doch diese Beschleunigung wirkt sich nicht nur auf politische Entscheidungen aus. Jeder Einzelne sieht sich tagtäglich mit ähnlichen Situationen konfrontiert. Soziologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena wollen dieses Phänomen und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft in den kommenden drei Jahren untersuchen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das von Prof. Dr. Hartmut Rosa geleitete Projekt „Handlungsautonomie in der Spätmoderne – subjektiver Anspruch, institutionelle Basis und strukturelle Dynamik einer normativen Leitidee“ mit 355.000 Euro.

„Ein elementarer Baustein der modernen Gesellschaft westlicher Prägung ist, dass Subjekte mehr Freiheiten bekommen und damit auch mehr Pflichten, diesen erweiterten Handlungsspielraum zu nutzen. Entscheidungen zu treffen, steht da ganz oben in der Prioritätenliste“, erklärt Jörg Oberthür von der Universität Jena den Begriff der Autonomie. „Doch dieser Eigenverantwortung kann gar nicht mehr nachgegangen werden, weil die Maßstäbe fehlen, um zu entscheiden“, ergänzt der Soziologe, der im neuen Projekt mitarbeitet. Denn um Gründe zu entwickeln, die für Entscheidungen notwendig sind, müsse man u. a. auf Erfahrungen zurückgreifen können. Doch diese fehlen. Ebenso haben sich die Handlungsoptionen immens vermehrt.

Die Jenaer Forscher wollen ihrer These, nach der es vor allem Beschleunigungseffekte sind, die den Menschen in diesem Punkt überfordern, in verschiedenen Lebensbereichen wie Politik, Wirtschaft, Konsum oder Wissenschaft nachgehen. „Uns geht es aber nicht nur darum, wie dieses Phänomen Subjekte beeinflusst“, sagt André Stiegler, Doktorand im neuen Projekt. „Wir möchten auch die Auswirkungen auf gesellschaftliche Institutionen aufzeigen, die nach unseren Vermutungen in einer Krise stecken.“ So könne etwa die Demokratie darunter leiden, dass die Volksvertreter nicht mehr im Stande sind, gut begründete Entscheidungen zu treffen. Das sorge einerseits für Schaden in der Politik und andererseits für Misstrauen oder Resignation in der Bevölkerung. Ähnliche Effekte lassen sich in der Arbeitswelt beobachten. Während die Auswirkungen der Beschleunigung auf den Arbeitnehmer bereits mehrfach untersucht wurden, fragen die Soziologen der Universität Jena danach, wie beispielsweise die Unternehmen dadurch beeinflusst werden. „Die sogenannte Flexibilisierung von Arbeitsmärkten kann beispielsweise dazu führen, dass sich Einzelne nicht mehr mit einem Unternehmen identifizieren können", sagt Oberthür. „Das fällt dann letztlich auch auf Firmen selbst zurück.“

Für ihre Forschungen werden die Wissenschaftler 40 qualitative Interviews mit Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen führen. „Wir werden uns sowohl mit Managern als auch mit Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen unterhalten“, sagt Oberthür. „Dabei können wir sicher auch differenzierte Antworten auf die Frage erhalten, wo und für wen sich Handlungsspielräume vergrößert oder verkleinert haben könnten.“

André Stiegler untersucht außerdem, wie sich diese Veränderungen der Handlungsspielräume in der Medienberichterstattung niederschlagen. Dabei analysiert er Artikel aus zwei großen deutschen Tageszeitungen, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Kontakt:
Prof. Dr. Hartmut Rosa / Dr. Jörg Oberthür
Institut für Soziologie der Universität Jena
Carl-Zeiß-Straße 2, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945510
E-Mail: hartmut.rosa[at]uni-jena.de / joerg.oberthuer[at]uni-jena.de

Sebastian Hollstein | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vertikales Begrünungssystem Biolit Vertical Green<sup>®</sup> auf Landesgartenschau Würzburg

16.07.2018 | Architektur Bauwesen

Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Krebszellen Winterschlaf halten

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics