Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Heutige Einwohner Europas stammen vermutlich von altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern ab

11.11.2005


Mainzer Wissenschaftler legen DNA-Untersuchung von Skeletten der ersten europäischen Bauern vor - Veröffentlichung in Science



Die Vorfahren der heutigen Europäer waren nicht, wie bislang vorwiegend angenommen, die ersten Ackerbauern, die vor etwa 7.500 in Europa gelebt haben. Forscher der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben gemeinsam mit Kollegen aus Großbritannien die Erbsubstanz der ersten europäischen Ackerbauern untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die heutigen Europäer mit den Ackerbauern der Jungsteinzeit genetisch kaum übereinstimmen. "Unsere Ergebnisse deuten vielmehr darauf hin, dass wir Europäer von altsteinzeitlichen Sammlern und Jägern abstammen", erläutert Juniorprofessor Dr. Joachim Burger vom Institut für Anthropologie. Das Wissenschaftsmagazin Science hat die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Frankfurt vorgestellt.



Ackerbau und Viehzucht kamen vor etwa 12.000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond auf, einem Gebiet im Norden der arabischen Halbinsel, und breiteten sich von dort über Anatolien nach Europa aus. Archäologen, Anthropologen und Genetiker haben jahrzehntelang gerätselt, ob die heutigen Europäer von diesen eingewanderten Ackerbauern abstammen oder von den Sammlern und Jägern, die zum Zeitpunkt dieser Einwanderung schon wesentlich länger, nämlich etwa seit 40.000 Jahren, in Europa ansässig waren.

Bislang wurde angenommen, dass sich mit der Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht nicht nur weitere Kulturtechniken, sondern auch Erbgut und Sprache mit verbreitet haben. Kennzeichnend für den Beginn von Ackerbau und Viehzucht in Mitteleuropa vor etwa 7.500 Jahren ist die Linearbandkeramische Kultur (LBK). Es handelt sich hierbei um eine der ältesten bäuerlichen Kulturen der Jungsteinzeit, die ihren Ursprung in Ungarn und der Slowakei hatte und sich in nur 500 Jahren bis zum Pariser Becken und in die Ukraine ausbreitete. Diese schnelle Verbreitung der Bandkeramik - der Name geht auf die Verzierung der Vorratsgefäße mit einem Bandmuster zurück - und die Tatsache, dass sich archäologischen Funde über eine riesige Fläche von fast einer Million Quadratkilometern kaum unterscheiden, könnten darauf hinweisen, dass die Verbreitung zu einem beträchtlichen Teil durch Einwanderung erfolgt ist, schreiben die Autoren in dem Science-Bericht (W. Haak, P. Forster, B. Bramanti, S. Matsumura, G. Brandt, M. Tänzer, R. Villems, C. Renfrew, D. Gronenborn, K. W. Alt, J. Burger (2005) Ancient DNA from the first European farmers in 7500-year-old Neolithic sites. Science 310, 1016-1018). Andererseits lassen einige archäologische Studien vermuten, dass ortsansässige Jäger und Sammler zum Ackerbau übergegangen sind, ohne dass es zu einer nennenswerten genetischen Durchmischung mit diesen ersten Bauern gekommen wäre. Genetische Untersuchungen an heutigen Europäern erbrachten widersprüchliche Ergebnisse: Die Schätzungen über den genetischen Anteil der jungsteinzeitlichen Bauern an der heutigen Population schwanken zwischen 20 und 100 Prozent. "Eine wirklich beweißkräftige Untersuchung von DNA alter Skelette hat unseres Wissens jedoch bislang niemand veröffentlicht", so Burger.

Die von Burger und seinen Mitarbeitern vorgelegte Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell unterstützt wurde, rekonstruiert erstmals mit Hilfe einer DNA-Analyse die Vorgänge bei der Einführung des Ackerbaus zu Beginn der Jungsteinzeit. Um das Rätsel der Abstammung zu lösen, haben die Forscher 57 menschliche Skelette an 16 Plätzen der LBK-Kultur in Deutschland, Österreich und Ungarn gesammelt. Zu den Fundstellen gehören so bekannte archäologische Siedlungen wie Flomborn, Schwetzingen, Eilsleben, Asparn-Schletz, aber auch neue Ausgrabungsstätten wie Halberstadt. DNA wurde sowohl von Knochen als auch von Zähnen entnommen. Bei 24 Individuen war die DNA in einem für die Untersuchung ausreichend guten Zustand. Die Analyse erfolgte an DNA der Mitochondrien, die ausschließlich über die mütterliche Linie weitergegeben wird - damit können genetische Linien ungebrochen im Verlauf der Zeit verfolgt werden.

Zu ihrem Erstaunen fanden Burger und sein Mitarbeiter Wolfgang Haak in den Proben einen DNA-Typ vor, der bei heutigen Europäern äußerst selten vorkommt. Dieser charakteristische und seltene N1a-Zweig fand sich bei 6 der 24 Individuen. "In der weltweiten Datenbank mit 35.000 modernen DNA-Linien weisen weniger als 50 Europäer heutzutage diesen alten Bauern-DNA-Typ auf", erläutert der Genetiker Dr. Peter Forster von der University of Cambridge. Computersimulationen seines Kollegen Dr. Shuichi Matsumura ergaben, dass diese ersten Bauern auf unseren heutigen Genpool nur einen begrenzten Einfluss gehabt haben können. "Daher erscheint es uns jetzt eher wahrscheinlich, dass Sammler und Jäger unsere Vorfahren waren", schließen Burger und Haak aus den Ergebnissen. Als nächstes Forschungsziel wollen sie herausfinden, wer tatsächlich unserer Vorfahren waren und was mit den ersten Ackerbauern geschehen ist.

Kontakt und Informationen:
Prof. Dr. Joachim Burger
Institut für Anthropologie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. +49 (0) 6131 39-24489
Fax +49 (0) 6131 39-25132
E-Mail: jburger@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-mainz.de/FB/Biologie/Anthropologie/
http://zope.verwaltung.uni-mainz.de/presse/bilder/anthropologie

Weitere Berichte zu: Ackerbau Ackerbauer DNA Jungsteinzeit Sammlern Viehzucht Vorfahren

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Sauerstoffreiche Seen als Quelle für Methan identifiziert
05.12.2019 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Wie sich Blüten an ihre Bestäuber anpassen
05.12.2019 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bis zu 30 Prozent mehr Kapazität für Lithium-Ionen-Akkus

Durch Untersuchungen struktureller Veränderungen während der Synthese von Kathodenmaterialen für zukünftige Hochenergie-Lithium-Ionen-Akkus haben Forscherinnen und Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und kooperierender Einrichtungen neue und wesentliche Erkenntnisse über Degradationsmechanismen gewonnen. Diese könnten zur Entwicklung von Akkus mit deutlich erhöhter Kapazität beitragen, die etwa bei Elektrofahrzeugen eine größere Reichweite möglich machen. Über die Ergebnisse berichtet das Team in der Zeitschrift Nature Communications. (DOI 10.1038/s41467-019-13240-z)

Ein Durchbruch der Elektromobilität wird bislang unter anderem durch ungenügende Reichweiten der Fahrzeuge behindert. Helfen könnten Lithium-Ionen-Akkus mit...

Im Focus: Neue Klimadaten dank kompaktem Alexandritlaser

Höhere Atmosphärenschichten werden für Klimaforscher immer interessanter. Bereiche oberhalb von 40 km sind allerdings nur mit Höhenforschungsraketen direkt zugänglich. Ein LIDAR-System (Light Detection and Ranging) mit einem diodengepumpten Alexandritlaser schafft jetzt neue Möglichkeiten. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Atmosphärenphysik (IAP) und des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT entwickeln ein System, das leicht zu transportieren ist und autark arbeitet. Damit kann in Zukunft ein LIDAR-Netzwerk kontinuierlich und weiträumig Daten aus der Atmosphäre liefern.

Der Klimawandel ist in diesen Tagen ein heißes Thema. Eine wichtige wissenschaftliche Grundlage zum Verständnis der Phänomene sind valide Modelle zur...

Im Focus: Auxetische Membranen - Paradoxes Ersatzgewebe für die Medizin

Ein Material, das dicker wird, wenn man daran zieht, scheint den Gesetzen der Physik zu widersprechen. Der sogenannte auxetische Effekt, der auch in der Natur vorkommt, ist jedoch für eine Vielzahl von Anwendungen interessant. Eine neue, vor kurzem im Fachblatt «Nature Communications» veröffentlichte Studie der Empa zeigt nun, wie sich das erstaunliche Materialverhalten weiter steigern lässt – und sogar für die Behandlung von Verletzungen und Gewebeschäden genutzt werden kann.

Die Natur macht es vor: Ein Kälbchen, das am Euter der Mutterkuh Milch saugt, nutzt eine faszinierende physikalische Eigenschaft der Kuhzitze: Diese besteht...

Im Focus: Meteoritengestein ist "bessere Diät"

Archaeon kann Meteoritengestein aufnehmen – und sich davon ernähren

Das Archaeon Metallosphaera sedula kann außerirdisches Material aufnehmen und verarbeiten. Das zeigt ein internationales Team um Astrobiologin Tetyana...

Im Focus: The coldest reaction

With ultracold chemistry, researchers get a first look at exactly what happens during a chemical reaction

The coldest chemical reaction in the known universe took place in what appears to be a chaotic mess of lasers. The appearance deceives: Deep within that...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

Intelligente Transportbehälter als Basis für neue Services der Intralogistik

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bis zu 30 Prozent mehr Kapazität für Lithium-Ionen-Akkus

05.12.2019 | Energie und Elektrotechnik

Schweizer Weltraumteleskop CHEOPS: Raketenstart voraussichtlich am 17. Dezember 2019

05.12.2019 | Physik Astronomie

Höchster deutscher Forschungspreis geht nach Freiburg

05.12.2019 | Förderungen Preise

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics