Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kannibalismus im Nordatlantik

09.08.2001


Der Ruderfußkrebs Calanus finmarchicus


Das norwegische Forschungsschiff, mit dem die Untersuchungen durchgeführt wurden


AWI-Wissenschaftler und US-Kollegen entdecken Bestandskontrolle bei Planktonkrebsen durch Auffressen der Nachkommen, veröffentlicht im Wissenschaftsmagazin Nature vom 9. August (Density-dependent mortality in an oceanic copepod population, Nature vom 9.8.2001, M. D. Ohman, Scripps Institution of Oceanography, San Diego, USA und H.-J. Hirche, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven)

Anhand intensiver Probenahmen in der Norwegischen See und der Anwendung einer neuen Analysemethode konnten Marc Ohman vom Scripps Institution of Oceanography, San Diego/USA, und Hans-Jürgen Hirche vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven nachweisen, dass eine bestimmte Art von winzigen Planktonkrebsen zur Regulierung des Bestands eigene Artgenossen auffrisst.

Nach bisher gängiger Auffassung werden Bestandsänderungen bei Ruderfußkrebsen (Fachbegriff Copepoden) durch äußere Faktoren wie Meeresströmungen, Temperatur und Nahrungsangebot gesteuert. Auf dieser Grundlage untersuchte man in den letzten Jahren die Zusammenhänge zwischen Futterangebot, Wachstum und Fortpflanzungsvermögen.

Die Beobachtung von Ohman und Hirche zeigt jedoch, dass dieser Ansatz nicht ausreicht. Zusätzlich zur Messung der Eiablage untersuchten sie die Sterblichkeitsraten der Ruderfußkrebse. In ihrer Untersuchung, veröffentlicht im Wissenschaftsmagazin Nature vom 9. August (Density-dependent mortality in an oceanic copepod population, Nature vom 9.8.2001, M. D. Ohman, Scripps Institution of Oceanography, San Diego, USA und H.-J. Hirche, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven), stellten sie fest, dass die Sterblichkeit der Eier des Ruderfußkrebses Calanus finmarchicus in direktem Zusammenhang zum Bestand an Weibchen stand. Offenbar fressen die Weibchen die Eier und die jungen Larven. "Wir beobachteten, dass die Zahl der Nachkommen trotz ständiger Eiablage durch die Weibchen nicht zunahm", so die beiden Wissenschaftler, "offensichtlich handelt es sich dabei um Kannibalismus, einen Mechanismus der Selbstregulation unter bestimmten Umständen, den bisher niemand im offenen Ozean festgestellt hat."

Die winzigen Ruderfußkrebse (ein Calanus finmarchicus ist etwa drei Millimeter lang) sind die Gruppe von vielzelligen Organismen, die im Meer und vielleicht auf der ganzen Erde am häufigsten vorkommt. Sie spielen im Nahrungsnetz eine Schlüsselrolle: Sie fressen einzellige Algen und sind Futter für eine Vielzahl von Fischen, Meeressäugern und Vögeln. Auch an der "Biologischen Pumpe" des Weltmeeres, dem Austausch von Kohlenstoff zwischen Atmosphäre und Meer, sind sie maßgeblich beteiligt.

Die Grundlage für die neue Beobachtung sind Planktonproben, die zwischen März und Juni, der Hauptentwicklungszeit von Calanus, in der Norwegischen See auf der Position von Wetterschiff M (66°N, 2°E), nördlich von England und östlich von Island, fast täglich genommen wurden. Die Untersuchung fand in Zusammenarbeit mit englischen und norwegischen Wissenschaftlern als Teil des EU-Projektes TASC (Trans Atlantic Study of Calanus) statt. Das Unternehmen war nur durch enge internationale Kooperation möglich. "Wir wissen, wie viel wir den beteiligten Studenten verdanken, die die Expedition mit vorbereiteten und vor allem im Frühjahr trotz rauer See an Bord arbeiteten", erkennt Hirche die Leistung seiner Mitarbeiter an. "Wegen dieser Schwierigkeiten hat auch noch niemand auf dem offenen Meer einen solchen Datensatz gesammelt. Diese Sammelstrategie ist wegen der kurzen Entwicklungszeit der Ruderfußkrebse - ihre Generationszeit beträgt ca. ein Monat bei 7°C, und einzelne der zwölf Entwicklungsstadien dauern nur wenige Tage - und der hohen, manchmal täglichen Schwankungen im Nahrungsangebot zwingend erforderlich." Um solche Daten zukünftig durch automatische Probennahme über eine längere Zeit gewinnen zu können, wollen die Wissenschaftler Ende dieses Jahres auf Helgoland verankerte Geräte installieren.

Der Zusammenhang zwischen Eiersterblichkeit und Anzahl der Weibchen wurde durch eine neue numerische Methode entdeckt, die Ohman zur Untersuchung von Copepodenpopulationen entwickelte. "Früher haben die Leute zur Vorhersage von Planktonbeständen für die gesamte Population eine vernünftig erscheinende Mortalitäts-Konstante gewählt." so Ohman. "Wir haben einen bestandslimitierenden Mechanismus gefunden, der eine neue Komponente darstellt. Künftig wird man die Sterblichkeitsraten stärker einbeziehen müssen."

Von praktischer Bedeutung ist dieses Ergebnis für Modellrechnungen von marinen Ökosystemen und Nahrungsnetzen, z.B. um den Einfluss von Klimaänderungen vorherzusagen. "Will man verstehen, wie Schwankungen bei Beständen von Ruderfußkrebsen und Fischen zusammenhängen, muss man die Bestandsentwicklung dieser Ruderfußkrebse verstehen und korrekt berechnen können. Und das ist unser Ziel - einen Beitrag zur besseren Vorhersage durch bessere Modelle zu leisten," so die beiden Forscher.

Die Untersuchung wurde durch die EU und die National Science Foundation sowie die National Oceanic and Atmospheric Administration im Rahmen des US-amerikanischen GLOBEC Programms unterstützt.

Dipl.-Ing. Margarete Pauls | idw

Weitere Berichte zu: Ruderfußkrebse Weibchen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aus-Schalter für Nebenwirkungen
22.06.2018 | Max-Planck-Institut für Biochemie

nachricht Ein Fall von „Kiss and Tell“: Chromosomales Kissing wird fassbarer
22.06.2018 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Phänomene im magnetischen Nanokosmos

22.06.2018 | Physik Astronomie

Roboter zeichnet Skizzen von Messebesuchern

22.06.2018 | Messenachrichten

Wärmestrahlung bei kleinsten Teilchen

22.06.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics