Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verspeist die Rippenqualle den Dorschnachwuchs?

31.01.2008
Kieler Meeresbiologen dokumentieren Zusammenhang

Untersuchungen von Fischereibiologen am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) gemeinsam mit dänischen Kollegen im Bornholm Becken zeigen zum ersten Mal, dass es in dem wichtigsten Laichgebiet des Dorsches in der Ostsee zu einer zeitlichen Überlappung der Rippenqualle Mnemiopsis leidyi und Dorscheiern kommt.

Um genauer einzuschätzen, inwieweit diese aus dem westlichen Atlantik eingewanderte Rippenqualle den Bestand von Dorsch beeinträchtigt, sind weitere Forschungsarbeiten erforderlich. Erste Ergebnisse sind in der internationalen Fachzeitschrift "Marine Ecology Progress Series" publiziert*.

Seit Jahren ist der Bestand des Ostseedorsches aufgrund von Überfischung und Umweltbelastungen in seinem Bestand gefährdet. Mit der Entdeckung der fremden Rippenqualle Mnemiopsis leidyi durch Meeresbiologen am IFM-GEOMAR in Kiel im November 2006, kam eine weitere potentielle Gefährdung dieser für den kommerziellen Fischfang wichtigen Art hinzu. Die Rippenqualle, die an der nordamerikanischen Ostküste beheimatet ist, gelangte vermutlich durch Ballastwassereinträge von Schiffen in europäische Gewässer. Organismen, die als "blinde Passagiere" eingeschleppt werden, führen oft zu erheblichen Veränderungen der betroffenen Ökosysteme.

Ende der 1980er Jahre war dies nach dem Auftreten von Mnemiopsis leidyi im Schwarzen Meer zu beobachten. Die Rippenqualle hat eine für Fisch bedeutende Ernährungsgewohnheit: sie ernährt sich von Zooplankton, mikroskopisch kleine Lebewesen im Ozean. Damit ist der fremde Gast einerseits Nahrungskonkurrent der Fische, andererseits ernährt sich die Rippenqualle auch von den Fischlarven und -eiern und kann damit zur Dezimierung der Bestände beitragen. Ob die fremde Rippenqualle als so genannter Bruträuber eine potentielle Bedrohung der Fischbestände in der Ostsee darstellt, war unter anderem Ziel der Untersuchungen von mehreren Expeditionen mit dem Forschungsschiff "Alkor" im Jahr 2007.

Bei den Arbeiten im Bornholm Becken haben die Meeresbiologen ein so genanntes Multischließnetz eingesetzt, das eine in 5m Tiefenstufen aufgelöste Probennahme von Planktonorganismen bis zu einer Tiefe von 90 Metern ermöglicht. Damit sammelten die Wissenschaftler auch Rippenquallen, bei denen sie Fischeier im Magendarmtrakt identifizierten. "Als wir die Eier in der Rippenqualle entdeckten, ist uns klar geworden, welche Auswirkungen dieser Organismus auf das gesamte planktische Ökosystem der Ostsee haben könnte", berichtet Holger Haslob, Erstautor der Studie. Damit bestätigt sich der Verdacht der Meeresbiologen, dass die eingeschleppte Rippenqualle einen Einfluss auf das Überleben von frühen Lebensstadien der Fische hat, nämlich auf die Eier und Larven, und somit auch auf die weitere Entwicklung des Dorschbestandes.

Forscher am IFM-GEOMAR werden die weitere Ausbreitung und Auswirkung der Rippenqualle in der Ostsee auch in Zukunft genau im Auge behalten, denn die damit verbundenen Konsequenzen haben eine potentiell große Bedeutung für das Ökosystem. Hier wäre mit dem Dorsch eine Fischart betroffen, die in dem Ökosystem an der Spitze der marinen Nahrungskette steht. Demnach könnte Mnemiopsis leidyi das gesamte pelagische Nahrungsnetz der zentralen Ostsee durch den Wegfraß von Dorscheiern und anderen Planktonorganismen nachhaltig verändern. Die Forschungsarbeiten und Expeditionen auf dem F/S Alkor wurden durch das BMBF-Projekt "Globec Germany" und das EU-Projekt "EUR-OCEANS" finanziert.

Wissenschaftliche Veröffentlichung:

*Invading Mnemiopsis leidyi as a potential threat to Baltic fish. Haslob, H.1, Clemmesen, C.1, Schaber, M.1, Hinrichsen, H-H.1, Schmidt, J.O.1, Voss, R. 1, Kraus, G2. & F.W. Köster2 (2007). Marine Ecology Progress Series 349: 303-306.

1. Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR), Kiel.
2. Danish Institute for Fisheries Research (DIFRES), Technical University of Denmark (DTU).

Ansprechpartner:

Holger Haslob, Dipl.-Biol., 0431 600 4030, hhaslob@ifm-geomar.de
Dr. Jörn Schmidt , 0431 600 4557, jschmidt@ifm-geomar.de
Mona Botros, Dipl.-Journ., M.S. (Pressestelle), 0431 600-2807, mbotros@ifm-geomar.de

Mona Botros | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifm-geomar.de/index.php?id=3444
http://www.ifm-geomar.de/index.php?id=565

Weitere Berichte zu: Meeresbiologie Mnemiopsis Ökosystem

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht IMMUNOQUANT: Bessere Krebstherapien als Ziel
19.10.2018 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Auf dem Weg zu maßgeschneiderten Naturstoffen
19.10.2018 | Goethe-Universität Frankfurt am Main

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Auf dem Weg zu maßgeschneiderten Naturstoffen

Biotechnologen entschlüsseln Struktur und Funktion von Docking Domänen bei der Biosynthese von Peptid-Wirkstoffen

Mikroorganismen bauen Naturstoffe oft wie am Fließband zusammen. Dabei spielen bestimmte Enzyme, die nicht-ribosomalen Peptid Synthetasen (NRPS), eine...

Im Focus: Größter Galaxien-Proto-Superhaufen entdeckt

Astronomen enttarnen mit dem ESO Very Large Telescope einen kosmischen Titanen, der im frühen Universum lauert

Ein Team von Astronomen unter der Leitung von Olga Cucciati vom Istituto Nazionale di Astrofisica (INAF) Bologna hat mit dem VIMOS-Instrument am Very Large...

Im Focus: Auf Wiedersehen, Silizium? Auf dem Weg zu neuen Materalien für die Elektronik

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz haben zusammen mit Wissenschaftlern aus Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgarien) und Madrid (Spanien) ein neues, metall-organisches Material entwickelt, welches ähnliche Eigenschaften wie kristallines Silizium aufweist. Das mit einfachen Mitteln bei Raumtemperatur herstellbare Material könnte in Zukunft als Ersatz für konventionelle nicht-organische Materialien dienen, die in der Optoelektronik genutzt werden.

Bei der Herstellung von elektronischen Komponenten wie Solarzellen, LEDs oder Computerchips wird heutzutage vorrangig Silizium eingesetzt. Für diese...

Im Focus: Goodbye, silicon? On the way to new electronic materials with metal-organic networks

Scientists at the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) in Mainz (Germany) together with scientists from Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgaria) and Madrid (Spain) have now developed and characterized a novel, metal-organic material which displays electrical properties mimicking those of highly crystalline silicon. The material which can easily be fabricated at room temperature could serve as a replacement for expensive conventional inorganic materials used in optoelectronics.

Silicon, a so called semiconductor, is currently widely employed for the development of components such as solar cells, LEDs or computer chips. High purity...

Im Focus: Blauer Phosphor – jetzt erstmals vermessen und kartiert

Die Existenz von „Blauem“ Phosphor war bis vor kurzem reine Theorie: Nun konnte ein HZB-Team erstmals Proben aus blauem Phosphor an BESSY II untersuchen und über ihre elektronische Bandstruktur bestätigen, dass es sich dabei tatsächlich um diese exotische Phosphor-Modifikation handelt. Blauer Phosphor ist ein interessanter Kandidat für neue optoelektronische Bauelemente.

Das Element Phosphor tritt in vielerlei Gestalt auf und wechselt mit jeder neuen Modifikation auch den Katalog seiner Eigenschaften. Bisher bekannt waren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Natürlich intelligent

19.10.2018 | Veranstaltungen

Rettungsdienst und Feuerwehr - Beschaffung von Rettungsdienstfahrzeugen, -Geräten und -Material

18.10.2018 | Veranstaltungen

11. Jenaer Lasertagung

16.10.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Ultraleichte und belastbare HighEnd-Kunststoffe ermöglichen den energieeffizienten Verkehr

19.10.2018 | Materialwissenschaften

IMMUNOQUANT: Bessere Krebstherapien als Ziel

19.10.2018 | Biowissenschaften Chemie

Raum für Bildung: Physik völlig schwerelos

19.10.2018 | Bildung Wissenschaft

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics