Leisere und klimafreundlichere Anflüge – dank intelligenter Assistenz

Der Landeanflug von Passagierjets ist für Menschen und Umwelt oft eine Belastung. Das «DYNCAT»-Projekt, in dem Empa-Forschende mit weiteren Partnern in der Schweiz, Deutschland und Frankreich zusammenarbeiten, schafft die Grundlagen für Anflüge, die weniger Lärm und CO2-Emissionen verursachen – dank intelligenter Hilfssysteme für die Piloten.

Der Anflug zur Landepiste eines Flughafens ist für Pilotinnen und Piloten eine echte Herausforderung: Reduzierung der Geschwindigkeit, Ausfahren von Landeklappen sowie Klappen auf den Flügeln, «Speed Brakes» genannt, und vieles mehr – und das alles mit möglichst wenig Lärm und geringem Treibstoffverbrauch. Noch dazu schränkt die Flugsicherung das Anflugprofil ein, und die Wetterbedingungen sind zuweilen nur vage bekannt. Kurzum: Neben Wind und weiteren Faktoren entscheiden die Fähigkeiten des Flugpersonals heute wesentlich darüber, wie gut ein Anflug all diesen Ansprüchen genügt.

Um diesen Prozess zu optimieren, zielt das «DYNCAT»-Projekt unter Federführung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) darauf ab, umweltfreundliche und einheitlichere Flugprofile zu ermöglichen. Insbesondere im Anflug, indem es die Piloten bei der effizienten Konfiguration des Flugzeugs unterstützt – und auch beim Energiemanagement: Dabei werden die potenzielle und kinetische Energie des Jets durch den Luftwiderstand abgebaut, der wiederum durch die Konfiguration des Flugzeugs anpassbar ist. Im Idealfall bedeutet das: ein Anflug ohne Erhöhung des Schubs, der dem Flugzeug zusätzliche Energie zuführt und mehr Lärm erzeugen würde.

Neuartige Assistenz-Funktionen

Im Rahmen des Projekts entwickelten die beteiligten Fachleute neue On-Board-Systemfunktionen, die Pilotinnen und Piloten während des Anflugs unterstützen – mit Empfehlungen, über deren Umsetzung die Piloten dann selbst entscheiden. Dazu gehört unter anderem die optimierte Einstellung von Klappen und Fahrwerken, um Lärm und Treibstoffverbrauch zu reduzieren – fein abgestimmt auf das komplexe Zusammenspiel aller Faktoren und Anforderungen. Um die Fähigkeiten dieser Systemfunktionen zu demonstrieren, Lärm- und CO2-Emissionen zu mindern, wurden Simulatorflüge mit erfahrenen Piloten beim Luftfahrtkonzern Thales in Toulouse durchgeführt.

Das Anflugziel: Flughafen Zürich, Piste 14. In der gewählten Situation wies der Fluglotse die Piloten an, während des Sinkflugs eine seitliche Abkürzung zu nehmen, die das Flugzeug in einen sogenannten «Überenergie-Zustand» führt. Das bedeutet, dass es eine zu hohe potentielle und kinetische Energie hat, die während des Anflugs bis zur Landung abgebaut werden müssen – doch ohne unnötigen Lärm zu erzeugen und mehr Treibstoff zu verbrauchen. Eine besonders schwierige Situation für Pilotinnen und Piloten, bei der verschiedene Strategien möglich sind.

Vorteile im Film sichtbar gemacht

Wie sich das Assistenz-System auswirkt, haben die Forschenden von der Empa-Abteilung «Akustik / Lärmminderung» in einem Video (siehe unten) veranschaulicht: Es zeigt die Lärmbelastung durch zwei Beispielflüge – einer mit Nutzung der «DYNCAT»-Funktionen und ein Referenzflug ohne diese Hilfe. Das Fluglärmmodell «sonAIR», das an der Empa entwickelt wurde, berechnete die Schalleinwirkung der beiden Varianten am Boden – und quantifizierte so die Vorteile des neuen Systems.

Allgemein zeigten die Simulationen und Berechnungen, dass Anflüge mit dem Einsatz von «DYNCAT» meist leiser verlaufen und weniger Treibstoff verbrauchen. Im Fall der beiden Varianten im Video verbrauchte der Flug vom Beginn des Sinkfluges an 55 Kilogramm weniger Treibstoff und war bis zu 4 Dezibel leiser – eine spürbare Entlastung. Trotz hoher Anforderungen an klimafreundliches sowie lärmarmes Fliegen, die sich teils widersprechen, gelang es dank «DYNCAT» also, beide Ziele besser zu erreichen.

Simulationen und Analysen: Resultate des Forschungsprojektes im Video (englisch)

Das Youtube-Video finden Sie unter dem folgenden Link:
https://www.youtube.com/watch?v=1W3AYhngcMA&t=1s

Zum Projekt

«DYNCAT» (kurz für: DYNamic Configuration Adjustment in the Terminal Manoeuvring Area) ist ein Kooperationsprojekt mit Partnern am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Standort Braunschweig, dem französischen THALES-Konzern, der «Swiss SkyLab Foundation», den Swiss International Air Lines und der Empa. Das Projekt wird durch das gemeinsame Unternehmen SESAR im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon 2020 der EU finanziert. «DYNCAT» startete Mitte 2020 und wird bis Ende 2022 laufen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Jonas Meister
Empa, Abteilung Akustik / Lärmminderung
Tel. +41 58 765 42 46
jonas.meister@empa.ch

Dr. Jean-Marc Wunderli
Empa, Abteilungsleiter Akustik / Lärmminderung
Tel. +41 58 765 47 48
jean-marc.wunderli@empa.ch

Weitere Informationen:

https://www.dlr.de/ft/de/desktopdefault.aspx/tabid-17217/ Informationen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zu DYNCAT
https://www.empa.ch/web/s604/aircraft-noise-reduction?inheritRedirect=true Forschung zu umweltfreundlicherem Luftverkehr: Auf dem Weg zu optimierten Anflugverfahren;
Medienmitteilung Dezember 2020

http://www.empa.ch

Media Contact

Norbert Raabe Kommunikation
Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verkehr Logistik

Von allen Aktivitäten zur physischen Raum- und Zeitüberbrückung von Gütern und Personen, einschließlich deren Umgruppierung – beginnend beim Lieferanten, durch die betrieblichen Wertschöpfungsstufen, bis zur Auslieferung der Produkte beim Kunden, inklusive der Abfallentsorgung und des Recyclings.

Der innovations report bietet Ihnen hierzu interessante Berichte und Artikel, unter anderem zu den Teilbereichen: Verkehrstelematik, Maut, Verkehrsmanagementsysteme, Routenplanung, Transrapid, Verkehrsinfrastruktur, Flugsicherheit, Transporttechnik, Transportlogistik, Produktionslogistik und Mobilität.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Mögliches Zielprotein für die Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen entdeckt

Forschende der Universität Zürich haben ein innovatives Zellkulturmodell für Nervenzellen entwickelt, das komplexe Mechanismen der Neurodegeneration aufschlüsselt. Damit konnten sie ein fehlreguliertes Protein als vielversprechenden therapeutischen Ansatzpunkt für die Behandlung…

Möglicher Auslöser für Autoimmunerkrankungen entdeckt

Immunsystem: B-Zellen zeigen T-Zellen, welche Ziele nicht attackiert werden dürfen. Immunzellen müssen erst lernen, nicht den Körper selbst anzugreifen. Ein Team um Forschende der Technischen Universität München (TUM) und der…

Entwicklung der ersten Wasserstoff-Straßenbahn Europas

Professur Alternative Fahrzeugantriebe erarbeitet Betankungsstrategie, entwickelt Simulationsmodelle zur Alterung des Antriebstranges und vermisst das Brennstoffzellensystem vor dessen Integration in die Straßenbahn. Die Professur Alternative Fahrzeugantriebe der Technischen Universität Chemnitz (TUC)…

Partner & Förderer