Schizophrenie: Ein Wahrnehmungsfehler verursacht das Gefühl der Fremdbestimmung

Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) im Universitätsklinikum Tübingen in einer in BRAIN erschienenen Studie, die mit Beteiligung der Universitätsklinik für Psychiatrie entstanden ist. Die Wissenschaftler wiesen erstmals einen direkten Zusammenhang zwischen einem Defizit in einem basalen Wahrnehmungsmechanismus für die eigenen Bewegungen und dem Symptom der gefühlten Fremdbestimmung nach.

In Deutschland leiden rund 800.000 Menschen an Schizophrenie, die von psychotischen Krisen mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Störungen der Denkabläufe gekennzeichnet ist. Ein charakteristisches, bislang nur unzureichend erklärtes Symptom dieser Erkrankung ist die Überzeugung der Patienten, dass die eigenen Handlungen fremdbeeinflusst werden (Ich-Störungen).

Die vorliegende Studie zeigt: je stärker ein spezielles Defizit in der Wahrnehmung der eigenen Bewegungen, um so ausgeprägter das Symptom der empfundenen Fremdbestimmung bei Schizophrenie-Patienten. „Unser Gehirn erstellt kontinuierlich interne Vorhersagen über die visuellen Konsequenzen der eigenen Bewegungen und vergleicht das Vorhergesagte mit den tatsächlich eintretenden Konsequenzen. Wenn vorhergesagte und tatsächliche Konsequenzen übereinstimmen, registriert es die Bewegungskonsequenzen als selbstverursacht; wenn sie nicht übereinstimmen, dann nimmt es eine externe Verursachung oder Beeinflussung an“, beschreibt der Neurowissenschaftler Dr. Matthis Synofzik diesen Mechanismus. Bei Schizophrenie-Patienten sind diese internen Vorhersagen über die eigenen Bewegungen ungenau. Darum sind sich die Patienten unsicher, welche Bewegungen sie selbst verursacht haben und welche extern beeinflusst wurden.

Die Ergebnisse der Tübinger Wissenschaftler belegen erstmals die seit längerem kontrovers diskutierte Vermutung, dass das Gefühl der Fremdbeeinflussung bei Schizophrenie nicht primär auf Fehlern der Gedanken und Überzeugungen beruhe, sondern auf einem Defizit in einem basalen Wahrnehmungsmechanismus, nämlich ungenauen inneren Vorhersagen über die Konsequenzen der eigenen Bewegungen. Aufgrund der ungenauen Vorhersagen müssen Schizophrenie-Patienten um so mehr auf anderweitige, potentiell irreführende Informationen und Überlegungen zurückgreifen, so die Folgerung der Forscher.

Bereits 2005 hatte die Forschungsgruppe in einer Studie, in der die Verarbeitung der visuellen Konsequenzen der eigenen Augenbewegungen untersucht wurde, Hinweise darauf gefunden, dass bei Schizophrenie interne Vorhersagen über die Konsequenzen der eigenen Bewegungen ungenau sind (Lindner et al. 2005; Current Biology). Dieses sollte nun in der aktuellen Studie anhand von Handbewegungen weitergehend untersucht werden.

Die Probanden, 20 Schizophrenie-Patienten und 20 gesunde Kontrollpersonen, sahen ihre Handbewegungen nicht direkt, sondern als Projektion auf einer Spiegelfläche oberhalb ihrer Hand. Durch diesen Aufbau konnte die visuelle Rückmeldung der eigenen Handbewegung gegenüber der tatsächlich durchgeführten Handbewegung verdreht werden. Im Vergleich zu den Kontrollprobanden konnten Schizophrenie-Patienten nur eingeschränkt erkennen, ob die im Spiegel beobachtete Bewegung gegenüber ihrer tatsächlich durchgeführten Bewegung verdreht war oder nicht. Diese Beeinträchtigung bei der Wahrnehmung der eigenen Bewegung war umso größer, je stärker die Patienten Gefühle der Fremdbeeinflussung im Alltag erlebt hatten. Das zweite Experiment sollte überprüfen, ob dieses generellere Wahrnehmungsdefizit speziell auf einem Fehler bei den inneren Vorhersagen über die visuellen Konsequenzen der eigenen Bewegungen beruht. Hier gab es einzelne Testdurchläufe, in denen die Bewegungen, die die Studienteilnehmer anschließend beschreiben sollten, nicht im Spiegel dargestellt wurden. Sie erhielten also keine visuelle Rückmeldung und mussten sich bei den Angaben über ihre Bewegung auf ihre innere Vorhersage verlassen. Das Ergebnis: Schizophrenie-Patienten konnten nur sehr ungenaue Angaben machen, wohin sie ihre Handbewegung ausgeführt hatten, wenn sie sich nur auf ihre eigene innere Vorhersage verlassen mussten. Auch diese Ungenauigkeit korrelierte mit dem Erleben von Fremdbeeinflussung im Alltag: Das spezielle Wahrnehmungsdefizit war umso größer, je stärker die Patienten Gefühle der Fremdbeeinflussung ihrer Handlung erlebt hatten. Diese spezifische Ungenauigkeit korrelierte zudem auch mit der Ungenauigkeit bei der Wahrnehmung der eigenen Bewegungen in dem ersten Experiment.

In eingestreuten Testdurchläufen wurde beobachtet, dass die Ungenauigkeit bei der Einschätzung der eigenen Bewegungen dazu führte, dass sich die Patienten mehr auf die visuelle Rückmeldung über ihre Handbewegungen verließen – selbst dann, wenn diese durch einen Spiegel stark verdreht war.

Originaltitel der Publikation:
Misattributions of agency in schizophrenia are based on imprecise predictions about the sensory consequences of one's actions

Online erschienen in BRAIN am 07.12.09 (doi:10.1093/brain/awp291)

Autoren: Matthis Synofzik (1,2), Peter Thier (1), Dirk T. Leube (3) , Peter Schlotterbeck (4), Axel Lindner (1)

(1)Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
(2)Abteilung Neurodegeneration, Hertie-Institute für klinische Hirnforschung
(3)Abteilung Psychiatrie, Universitätsklinikum Marburg
(4)Klinik für Psychiatrie, Universitätsklinikum Tübingen
Pressekontakte:
Dr. Matthis Synofzik
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)
Telefon: 07071/2982060
Mail: matthis.synofzik@uni-tuebingen.de
Dr. Axel Lindner
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