Endgültige Geburtenraten werden steigen

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Die endgültige Geburtenrate in Deutschland wird in den kommenden Jahren wieder steigen. Die endgültige Geburtenrate wird von Demografen als „Kohortenfertilität“ bezeichnet und ist die endgültige Zahl der Kinder, die Frauen eines bestimmten Geburtsjahrgangs (Kohorte) im Laufe ihres Lebens durchschnittlich bekommen.

Für die heute 34-jährigen Frauen in Deutschland wird diese Kohortenfertilität bei fast 1,6 Kindern pro Frau liegen, bei steigendem Trend. Dies ergeben neue Vorausberechnungen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock für 37 entwickelte Länder, unter denen viele bisher als Nationen mit besonders niedriger Fertilität galten. In 26 von ihnen steigen die endgültigen Kinderzahlen pro Frau demnach wieder an, oder sie folgen dem bisherigen Abwärtstrend nicht länger und halten ihr Niveau.

Das haben die MPIDR-Forscher Mikko Myrskylä, Joshua Goldstein und Yen-hsin Alice Cheng (jetzt Academia Sinica in Taiwan) mit einer neuen Methode berechnet, die erstmals nicht nur aktuelle Projektionen der endgültigen Geburtenrate erlaubt, sondern auch angibt, wie wahrscheinlich diese sind. Die Forscher haben ihre Ergebnisse jetzt im Wissenschaftsmagazin „Population and Development Review“ veröffentlicht.

Geläufige Geburtenrate beschreibt nur künstlichen Frauenjahrgang

Die projizierten endgültigen Geburtenraten liegen für viele der Länder über den in der Öffentlichkeit als „Geburtenrate“ bekannten Werten. Denn diese Geburtenrate, in Deutschland „zusammengefasste Geburtenziffer“ genannt, gibt nicht die endgültige Zahl der Kinder an, die Frauen im Laufe ihres Lebens bekommen, sondern nur die so genannte „Periodenfertilität“. Die Periodenfertilität misst die aktuell sichtbare Kinderzahl pro Frau in einem bestimmten Kalenderjahr, indem die altersspezifischen Geburtenraten aller Frauen von 15 bis 49 Jahren in diesem Kalenderjahr addiert werden. Diese Frauen bilden gemeinsam aber keinen echten Geburtenjahrgang (Kohorte) von Müttern, sondern eine künstliche Kohorte, die aus Frauen mit 35 verschiedenen Geburtsjahren besteht, die sich alle ein wenig anders verhalten, wenn es ums Kinderkriegen geht.
Insbesondere berücksichtigt die Perioden-Geburtenrate nicht, dass momentan jede Kohorte etwas später ihre Kinder bekommt als die vorherigen. Wenn dies der Fall ist, wie in den meisten Ländern mit niedriger Fertilität, unterschätzt die Periodenrate aufgrund ihrer mathematischen Beschaffenheit die endgültige Geburtenrate (Kohortenfertilität). So gab das Statistische Bundesamt für 2011 eine Periodenrate von 1,36 Kindern pro Frau an, die Kohortenfertilität für Frauen, die im selben Kalenderjahr 35 waren (Geburtsjahrgang 1976), projizierten die MPIDR-Forscher aber mit 1,54 für Ost- und 1,57 für Westdeutschland.

Die Kohortenfertilität wird pro Jahrgang der Mütter berechnet und lässt sich erst bestimmen, wenn die Frauen 50 Jahre alt sind und keine Babys mehr bekommen. Die aktuellsten Werte weist das Statistische Bundesamt für den Mütterjahrgang 1962 aus. Für jüngere Frauen gibt es noch keine amtlichen Zahlen, weil ihre Familienbildung noch nicht abgeschlossen ist. Die MPIDR-Forscher prognostizierten jetzt jedoch mit ihrer neuen Methode die endgültigen Geburtenraten auch für jüngere Frauen bis zum Jahrgang 1979.

Die 70er-Jahrgänge bekommen wieder mehr Kinder pro Frau

Das Ergebnis: Die endgültigen Geburtenraten in Deutschland sinken zunächst, bleiben aber immer deutlich über dem langjährigen Niveau der zusammengefassten Geburtenziffer von etwa 1,4. „Mit den Frauen, die in den 1970ern geboren wurden, kommt die Trendwende“, sagt Joshua Goldstein. Im Osten markiert der Jahrgang 1971 das Ende des Rückgangs: Dessen Frauen werden endgültig 1,51 Kinder geboren haben. Danach steigen die Werte, und die 1979 geborenen Frauen werden bereits 1,58 Kinder zur Welt gebracht haben. Im Westen erreicht die Talsohle schon der 1968er-Jahrgang mit endgültig 1,46 Kindern. Die nur elf Jahre jüngeren Frauen des Jahrgangs 1979 werden hingegen auf 1,57 gekommen sein, wenn sie 50 Jahre alt sind.

Auch international ist die Kohortenfertilität wesentlich höher als die Perioden-Geburtenraten glauben machen (siehe Datenblatt mit Grafiken zu 37 entwickelten Ländern (PDF, 206 kB)). „Die voraus¬berechnete endgültige Fertilität ist oft gar nicht weit von zwei Kindern pro Frau entfernt“, sagt MPIDR-Demograf Mikko Myrskylä. Im Durchschnitt aller 37 untersuchten Länder liegt die endgültige Geburtenrate für den Jahrgang 1975 bei 1,77 Kindern pro Frau. Außerordentliche Zuwächse gibt es zum Beispiel in Großbritannien und auch den USA, wo sinkende Periodenraten aktuell öffentliche Diskussionen ausgelöst haben. Entgegen dem allgemeinen Trend sinkt die Kohortenfertilität in wenigen Staaten wie Portugal oder Taiwan weiter. „Es bleibt abzuwarten, wann der Rückgang in diesen Ländern endet“, sagt Myrskylä.

Trotz Unsicherheit der Projektionen: Trendumkehr steht nicht in Frage

Die Zuwächse der endgültigen Geburtenraten seien in vielen Ländern zwar noch klein, sagt Joshua Goldstein. “Entscheidend ist aber, dass wir eine Trendumkehr sehen: Lange Zeit sanken die Werte, jetzt steigen sie zum Großteil wieder.“ Dass dieser Richtungswechsel etwa für Deutschland statistisch signifikant ist, zeigt die Genauigkeitsanalyse der neuen Projektions¬methode (siehe schraffierte Flächen in der Grafik): Mit mindestens 95-prozentiger Wahrschein¬lichkeit steigen die Geburtenraten ab den 1970er-Jahrgängen wieder an. Für jüngere Kohorten wird die Prognose zwar ungenauer, die Trendumkehr steht aber nicht in Frage.

„Die öffentlich debattierten Periodenraten sind zu einem großen Teil deswegen so niedrig, weil die Eltern später Kinder bekommen, nicht aber weniger“, sagt Demograf Joshua Goldstein. Was die Perioden-Geburtenraten so weit drücke, sei vor allem ein rein mathematischer Effekt, den die Formel für die „zusammengefasste Geburtenziffer“ produziere, wenn die Eltern mit der Familiengründung jedes Jahr ein wenig später beginnen. Die niedrigen Periodenraten bedeuteten hingegen nicht, dass die Eltern weniger Kinder bekämen.

Bevölkerungsprognosen: Niedrige Fertilitätsannahmen überdenken

Langfristig dürften dort, wo die endgültigen Geburtenraten steigen, auch die zusammengefassten Geburtenziffern wachsen. Dies sei relevant für Bevölkerungsprognosen, da in sie die Periodenwerte eingehen, sagt Goldstein. „Langfristig niedrige Annahmen der Periodenfertilität, wie etwa 1,4 für die mittlere Variante der deutschen Vorausberechnungen erscheinen wenig realistisch.“
Ihre Ansprechpartner:

• Joshua Goldstein – Autor des Artikels (spricht Deutsch und Englisch)
TELEFON 0381 / 2081 – 107
E-MAIL goldstein@demogr.mpg.de

• Mikko Myrskylä – Autor des Artikels (spricht Englisch)
TELEFON 0381 / 2081 – 118
E-MAIL myrskyla@demogr.mpg.de

• Silvia Leek – Presse- und Öffentlichkeitsarbeit MPIDR
TELEFON 0381 / 2081 – 143
E-MAIL presse@demogr.mpg.de

Originalartikel Mikko Myrskylä, Joshua Goldstein, Yen-hsin Alice Cheng: New Cohort Fertility Forecasts for the Developed World, Population and Development Review, DOI: 10.1111/j.1728-4457.2013.00572.x

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