Pharmabranche setzt auf Biotechnologie

40 Prozent der pharmazeutischen Patentanmeldungen weisen Verbindung zur Biotechnologie auf / USA dominieren / Deutsche Wettbewerbsposition sinkt / Unternehmen setzen auf Kooperationen / Studie des Fraunhofer ISI

Die Pharmazeutik hat eine lange Tradition in Deutschland, und die Außenhandelsdaten, zeigen dass die deutsche Pharmaindustrie international erfolgreich ist. Doch sind wegen der Entwicklungen in der modernen Biotechnologie die Strukturen heftig in Bewegung geraten. Insbesondere bei der forschungsintensiven Wirkstoffforschung weisen viele Anzeichen auf eine sinkende Wettbewerbsposition Deutschlands hin. Das zeigt eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung ISI, Karlsruhe, zum Einfluss der Biotechnologie auf die pharmazeutische Industrie.

Die Wissenschaftler des Fraunhofer ISI stellen eine im internationalen Vergleich sinkende Bedeutung Deutschlands als Standort der Pharmaforschung fest. Deutsche Unternehmen geben wesentlich weniger für Forschung und Entwicklung aus als beispielsweise die Vereinigten Staaten. Dort liegen die Ausgaben mit jährlich 19 Milliarden Euro deutlich höher als in Europa, das insgesamt rund 14 Milliarden Euro für die Erforschung und Entwicklung neuer Pharmazeutika ausgibt – 3 Milliarden davon in Deutschland. Obwohl Europa seine Ausgaben in den letzten fünf Jahren damit um knapp 60 Prozent steigerte, reicht dies nicht aus, den erheblichen Innovationsschub in den USA auszugleichen. Dort betrug die Steigerungsrate fast 120 Prozent.

Ein weiterer Grund für Deutschlands Rückstand ist die unterschiedlich starke Verbreitung moderner biotechnologischer Verfahren in der Pharmaindustrie. Nach den Untersuchungen der Fraunhofer-Forscher ist in Deutschland der Durchdringungsgrad der Biotechnologie in den Pharmasektor deutlich geringer als in den Vereinigten Staaten. So wiesen Ende der 90er Jahre weltweit bereits 40 Prozent der pharmazeutischen Patentanmeldungen eine Verbindung zur Biotechnologie auf. Doch während die Vereinigten Staaten gut 5 Prozent über dem weltweiten Durchschnitt liegen, liegt Deutschland rund 5 Prozent darunter.

Auch in der Unternehmensstruktur der biotechnologierelevanten Pharmaforschung kam es in den letzten Jahren in Deutschland zu bemerkenswerten Verschiebungen. Die großen multinationalen Pharmakonzerne haben ihre führende Rolle deutlich eingebüßt. Ihr Anteil an den Patentanmeldungen ist im Verlauf der 90er Jahre von 65 Prozent auf 43 Prozent gefallen. Sie mussten Anteile abgeben, und zwar an Biotechnologieunternehmen und an so genannte Wissenschaftserfinder. Dahinter verbergen sich häufig Hochschulen. In den USA war das Verhältnis zwischen den großen Pharmafirmen und den jungen Biotechnologiefirmen insgesamt deutlich ausgeglichener.

Kooperationen sind für die großen Pharmakonzerne ein Weg, sich das notwendige Know-how und die neusten Ergebnisse der biotechnologierelevanten Pharmaforschung sicherzustellen. Das zeigen Analysen der Wissenschaftler des Fraunhofer ISI zum Publikationsverhalten der Unternehmen. Während insbesondere deutsche Universitäten zugunsten amerikanischer Einrichtungen an Bedeutung verloren, setzen sich deutsche Biotechnologieunternehmen als Lieferanten von Know-how zunehmend besser in Szene. Sie konnten mittlerweile die amerikanische Monopolstellung der 90er Jahre durchbrechen. Waren früher ausschließlich amerikanische Biotechnologieunternehmen an den Publikationen deutscher Pharmakonzerne beteiligt, so stellen deutsche Biotechnologieunternehmen mittlerweile bei 22 Prozent aller Publikationen die Koautoren.

Das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung ISI erweitert das naturwissenschaftlich-technisch orientierte Fachspektrum der Fraunhofer-Gesellschaft um wirtschafts- und gesellschaftspolitische Aspekte. Dazu analysiert es technische Entwicklungen sowie deren Marktpotenziale und Auswirkungen auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Die interdisziplinär zusammengesetzten Teams des Instituts konzentrieren sich insbesondere auf die Bereiche Energie, Umwelt, Produktion, Kommunikation und Biotechnologie sowie auf die Regionalforschung und Innovationspolitik.

Ansprechpartner für Medien

Gerhard Samulat idw

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