Psychologen sind die erfolgreicheren Aktionäre

Aktionäre scheinen sich bei ihren Entscheidungen viel weniger am Kaufverhalten der anderen Anleger zu orientieren als bislang angenommen. Zu diesem Schluss kommen zumindest Ökonomen der Bank of England sowie der Universitäten Heidelberg und Bonn. Zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey haben sie in einem Internet-Experiment rund 6.500 Teilnehmern bei ihren Anlageentscheidungen auf die Finger geschaut. Für „Herdenverhalten“ fanden sie dabei keine Anzeichen – im Gegenteil: Manche Versuchspersonen entschieden sich gerade dann gegen eine Aktie, wenn sie zuvor von vielen Mitspielern gekauft worden war. Vor allem Psychologen misstrauten aus ihrer Sicht überbewerteten Papieren. Mit dieser Strategie fuhren sie erstaunlich gut: Im Durchschnitt waren sie bei ihren Spekulationen deutlich erfolgreicher als Physiker und Mathematiker – aber auch als Ökonomen.


Durchschnittlich verdienten die Psychologen beim Börsenspiel dreimal soviel wie Ökonomen oder Physiker. „Sie entschieden sich oft gerade dann gegen eine Aktie, wenn sie zuvor von vielen Mitspielern gekauft worden und damit entsprechend teuer war“, erklärt Dr. Andreas Roider von der Wirtschaftspolitischen Abteilung der Universität Bonn. Eigentlich gingen viele Diskussionen bislang vom Gegenteil aus: Anleger – so die Idee – verhalten sich wie Lemminge. Sie kaufen immer die Aktien, die momentan besonders gefragt sind, und treiben damit die Kurse in übertriebene Höhen (und Tiefen). Kaum eine Erklärung für Turbulenzen auf Finanzmärkten kommt ohne einen Verweis auf das angeblich ausgeprägte Herdenverhalten von Aktionären aus. Dabei könnte es auch sein, dass sich jeder Anleger unabhängig vom Verhalten anderer Investoren zum Kauf entschlossen hat – etwa, weil Informationen über eine bestimmte Aktie bekannt geworden sind, die für ihren Kauf sprechen. Ob Aktionäre wirklich einem „Herdentrieb“ folgen, ist daher in der Realität nur schwer zu entscheiden.

Ein ökonomisches Experiment unter kontrollierten Bedingungen sollte helfen, diese Frage zu klären. Zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey hat Professor Dr. Jörg Oechssler von der Universität Heidelberg mit seinen Koautoren Dr. Andreas Roider und Dr. Mathias Drehmann von der Bank of England über das Internet ein Finanzmarktspiel durchgeführt. Darin konnten die knapp 6.500 Teilnehmer verschiedene Wertpapiere handeln. Preise im Wert von über 11.000 Euro sorgten dafür, dass sie sich ernsthaft Gedanken machten.

„Die Spieler konnten sich zwischen zwei fiktiven Aktien A und B entscheiden“, erklärt Roider. „Nur eine Aktie brachte am Spielende Gewinn, die andere war eine Niete.“ Vor seiner Kaufentscheidung erhielt jeder Teilnehmer einen Tipp seines Investmentbankers – also beispielsweise: „Aktie A wird gewinnen.“ Doch diese Hinweise trafen nur in zwei von drei Fällen zu – auch Investmentbanker können sich irren. Sobald sich ein Spieler für eine bestimmte Aktie entschieden hatte, stieg diese im Preis. „Die Teilnehmer konnten nun nacheinander ihre Aktien kaufen“, sagt Roider. „Der erste konnte sich dabei nur auf den Tipp seines Investmentbankers verlassen. Die nachfolgenden Käufer konnten dagegen zusätzlich am Kursverlauf ablesen, für welche Aktien sich ihre Vorgänger entschieden hatten.“

Millionen Fliegen können nicht irren

In einer solchen Situation kann selbst eine „schlechte“ Aktie dramatisch im Preis steigen – einfach, weil viele auf sie setzen. Angenommen, die ersten beiden Spieler bekommen von ihrem Investmentbanker den Tipp, sich für Aktie A zu entscheiden. Selbst wenn Spieler 3 danach einen Tipp für Aktie B bekommt, wird er dann eventuell auch für A entscheiden – schließlich haben seine Vorgänger augenscheinlich einen Tipp für diese Aktie bekommen. Frei nach dem Motto „Millionen Fliegen können nicht irren“ wird es Spieler 4 dann noch schwerer fallen, gegen den Trend Aktie B zu kaufen. Resultat: Der Herdentrieb treibt den Wert von Aktie A in schwindelerregende – und letztlich irrationale – Höhen.

Im Experiment folgten die Akteure jedoch keineswegs blindlings dem Verhalten früherer Investoren – ganz im Gegenteil. In der Regel ließen sich die Teilnehmer bei ihrer Anlageentscheidung hauptsächlich von dem Tipp ihres Beraters leiten. Viele Teilnehmer entschieden sich sogar bewusst dazu, einen bestehenden Trend zu brechen, und trugen dadurch zur Stabilisierung der Kurse bei. „Das kann in der Tat durchaus vernünftig sein, wenn man glaubt, das der derzeitige Kurs auf Übertreibungen beruht und teilweise durch irrationales Verhalten früherer Investoren zustande gekommen ist“, sagt Roider. Gerade die Psychologen schienen den Kursverlauf auch derartigen „psychologischen“ Effekten zuzuschreiben. Ihr Gespür für das möglicherweise irrationale Verhalten anderer Investoren brachte ihnen die höheren Gewinne ein. Teilnehmer, die Physik studiert hatten, schienen dagegen stärker auf die kühle Rationalität der anderen Marktteilnehmer zu setzen – und fuhren damit wesentlich schlechter.

Quelle: „Herding and Contrarian Behavior in Financial Markets: An Internet Experiment“, American Economic Review, 95 (2005) 1403-1426

Kontakt:
Dr. Andreas Roider, Universität Bonn
Telefon: 0228-73-9246, E-Mail: roider@uni-bonn.de

Professor Dr Jörg Oechssler, Universität Heidelberg
Telefon: 06221-54-3548, E-Mail: oechssler@uni-hd.de

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Frank Luerweg idw

Weitere Informationen:

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