Erhöhte Burnout-Gefahr bei Teilzeitbeschäftigten

Familienfreundliche Unternehmen oder unternehmensfreundliche Familien?

Jüngste Untersuchungen, die das Institut für Psychologie an der Grazer Universität gemeinsam mit research-team durchgeführt hat, zeigen, dass nicht nur ArbeitnehmerInnen mit einem hohen Anteil an Überstunden ein erhöhtes Burnout-Risiko haben, sondern auch sehr viele Teilzeitbeschäftigte. Diese Ergebnisse bedeuten, dass Teilzeit nicht prinzipiell als idealer Zustand empfunden wird. „Für einige Personen ergeben sich aus der Teilzeitbeschäftigung kritische Umstände, die sogar zu einem erhöhten Burnout-Risiko führen“, erklärt Paul Jiménez, der im Berufsverband für PsychologInnen die Sektion Arbeits- und Organisationspsychologie für Steiermark leitet.
Schon die allgemeinen Gründe für die Berufstätigkeit sind sehr unterschiedlich, werden aber bei der Behandlung von Burnout-Syndromen meist nicht ausreichend berücksichtigt. So sind für Frauen, die ja am häufigsten Teilzeit arbeiten, die nicht-finanziellen Motive viel wichtiger als für Männer. Die Vereinbarkeit von Familie/Privatleben und Beruf wird sogar an zweiter Stelle der Wichtigkeit für die Arbeitszufriedenheit genannt. Insgesamt ist die allgemeine Zufriedenheit mit der Vereinbarkeit von Privatleben, Familie und Beruf mit ca. 71% relativ hoch. Es zeigen sich hier nur geringe Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Personen bis zu einem Alter bis 40 Jahre sind jedoch mit der Vereinbarkeit weniger zufrieden als ältere Personen.

Besonders für Familien mit Kindern, aber natürlich auch für Familienformen ohne Kinder, ist die Vereinbarkeit von Privatsphäre und Arbeitswelt ein zentraler Aspekt für die Arbeitszufriedenheit. Mit Teilzeitangeboten können familienfreundliche Unternehmen daher den Bedürfnissen ihrer MitarbeiterInnen entgegen kommen. Außerdem sind Teilzeitbeschäftigte leichter einteilbar und zeitlich gut verfügbar. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt kann so auch im Sinne einer „unternehmensfreundlichen“ Familie ausgenutzt werden. Paul Jiménez hat daher untersucht, welche Fallen bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit auftreten können und welche Faktoren Unternehmen insbesondere bei Teilzeitkräften berücksichtigen müssen, damit diese Personen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleben.

Aus der Sicht der Arbeitspsychologie müssen die biologischen, psychischen, sozialen und organisationalen Aspekte für die Beurteilung eines gesunden Arbeitsplatzes betrachtet werden. Ein wichtiger Indikator hiefür ist die Beurteilung des Beanspruchungserlebens und damit auch die Betrachtung der Belastungs-Ressourcen-Komponenten. Welche Gruppe erlebt höhere Belastungen: Personen, die in Vollzeit arbeiten oder Teilzeitbeschäftigte? Anders als möglicherweise vermutet, zeigt sich nicht bei ganztägig Beschäftigten die größte Beanspruchung, sondern bei Personen mit Teilzeit, dies in den Aspekten Sinnverlusterleben, Kontrollverlusterleben und in weiteren Studien auch bei emotionaler Erschöpfung. Die Burnout-Gefahr ist sogar bei den Teilzeitbeschäftigten, die mehr als 20 Wochenstunden arbeiten, am höchsten.

Analysen (z.B. einer großen Normstudie mit 3009 Personen in den Jahren 2002, 2003) haben gezeigt, dass Personen, die viele Überstunden machen, hohe Beanspruchungswerte haben. Bei Teilzeitbeschäftigten jedoch sind es vermehrt Frauen, die ein höheres Sinnverlusterleben (z.B. „bezweifle ich die Bedeutung meiner Arbeit“), eine höhere emotionale Erschöpfung (z.B. „fühle ich mich durch meine Arbeit ausgebrannt“), bzw. eine reduzierte Leistungsfähigkeit (z.B. „erscheinen mir schon kleine Aufgaben als große Hindernisse“) erleben. „Dieses Ergebnis muss auf jeden Fall zu denken geben“, meint Jiménez, „denn es ist gut nachvollziehbar, dass Personen, die zeitlich nicht voll in ein Unternehmen integriert sind, Gefahr laufen, in den Strukturen der Personalentwicklung nicht voll berücksichtigt zu werden. Dabei ist die subjektive Sicht entscheidend: Auch ein nach objektiven Kriterien entwickeltes System, das alle Personen berücksichtigen würde, kann subjektiv als benachteiligend erlebt werden. Es benötigt also gerade für diese Gruppen der Teilzeitbeschäftigten eine besondere Sorgfalt.“

In der Betrachtung der unterschiedlichen Personengruppen nach Beschäftigungsausmaß zeigt sich ein kongruentes Bild: Besonders geringfügig Beschäftigte und Personen in Teilzeit bis 20 Stunden sind deutlich unzufriedener mit „Aufstiegschancen und Karrieremöglichkeiten“, aber ebenso unzufriedener mit den „Herausforderungen der Arbeit“. Eine weniger beachtete Falle für eine gute Einbindung der MitarbeiterInnen stellt auch die Gefahr des Ausklammerns aus der Weiterbildungsschiene dar. Es ist jedoch wichtig, für alle MitarbeiterInnen gleichwertige Möglichkeiten zu schaffen. Dies bedeutet z.B. auch die Berücksichtigung bei Schulungsmaßnahmen, bei Auswahlprozessen oder auch in „einfachen“ Besprechungen. Neben der Notwendigkeit der Kommunikation stellt dies auch ein wichtiges Zeichen von Wertschätzung dar.

„Zufriedene MitarbeiterInnen leisten viel – wenn sie richtig eingebunden sind und gefordert werden. Das Engagement kann gerade bei Personen, die eine gute Unterstützung erleben, sehr hoch sein. Dazu bedarf es oft keiner großen Maßnahmen, sondern einer wertschätzenden und offenen Haltung“, resümiert der Arbeitspsychologe Paul Jiménez.

Media Contact

Paul Jiménez pressetext (pts)

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