22 deutsche Universitätsklinika testen dauerhafte Wirkung des Blutwäscheverfahrens für schwer herzkranke Menschen

Rund 400 Patienten mit einer Herzmuskelschwäche haben sich am Universitätsklinikum Greifswald einem noch relativ neuartigen Blutwäscheverfahren unterzogen. Bundesweit verfügt die Greifswalder Einrichtung bei der so genannten Immunadsorptionstherapie bei schwer herzkranken Patienten über die größten Erfahrungen. Die Kostenträger fordern jedoch, dass diese positiven Greifswalder Therapieerfolge durch eine multizentrische Studie bestätigt werden.

Deshalb wurde mit maßgeblicher Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung (Essen) eine multizentrische klinische Studie initiiert. Nach langjähriger Vorbereitung konnte die Patientenstudie im vergangenen Jahr starten. In ganz Deutschland und an der Universität Göteborg in Schweden werden dafür Patienten mit einer Herzmuskelschwäche gesucht. In das Forschungsprojekt sind 22 Universitätsklinika unter Federführung der Klinik für Innere Medizin B der Universität Greifswald eingebunden. Die Studie mit einer Laufzeit von vier Jahren umfasst ein Fördervolumen von 2,5 Millionen Euro. Beteiligt sind neben der Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung unter anderem das European Nephrology and Dialysis Institute (ENDI-Stiftung), das schweizerische Medizinunternehmen Octapharma AG sowie das amerikanische Medizinunternehmen Lantheus Medical Imaging. Im kommenden Jahr sollen erste Ergebnisse veröffentlicht werden.

„Das ist eine der bedeutendsten Herzstudien der Gegenwart“, unterstrich der Direktor der Kardiologischen Klinik Greifswald, Prof. Stephan Felix, „die den internationalen Durchbruch für die schon vielfach mit Erfolg angewandte Blutwäsche bei der Behandlung der Herzmuskelschwäche bringen soll.“ Mindestens 200 Patienten sollen in die Untersuchung eingeschlossen werden und das Verfahren nutzen. Über einen Zeitraum von zwei Jahren werden die Therapiefortschritte der Probanden dokumentiert. „Geeignete Patienten können jeweils in der am nächsten zum Wohnort gelegenen Uniklinik an dem Projekt teilnehmen“, informierte Felix. „Die Blutwäsche sowie die anschließende akribische medizinische Langzeitüberwachung der Herzfunktionen, die exakte Analyse des Heilungsverlaufes sowie die Kostenübernahme sind Bestandteile der Studie.“ Patienten mit dem Krankheitsbild der schweren Herzmuskelschwäche können sich telefonisch in der Klinik für Innere Medizin B unter 03834-86 66 56 melden.

Schlechtere Überlebungschancen als bei Krebs

An Herzmuskelschwäche leiden in Deutschland rund 500.000 Menschen, Tendenz steigend. „Der Leidensdruck für die Betroffenen ist enorm und die Überlebenschance bei schwerer Ausprägung schlechter als bei Krebs“, unterstrich der Kardiologe. Für Patienten mit einer so genannten dilatativen Kardiomyopathie*, eine Form der chronischen Herzmuskelschwäche, gibt es jedoch seit einigen Jahren erstmals wieder Hoffnung durch die spezielle Immunadsorptionstherapie. Bei diesem Verfahren werden ähnlich wie bei einer Blutwäsche bestimmte Stoffe, die den Herzmuskel schädigen, aus dem Blut gefiltert. Die neuartige Methode funktioniert wie eine Dialyse bei Nierenkranken. Sie reinigt in einem fließenden Kreislaufprozess das Blut außerhalb des Körpers von den krankmachenden Antikörpern. Dazu wird das Blut des Patienten aus der Armvene gepumpt und anschließend in Blutzellen und Blutplasma aufgespaltet.

Das Plasma fließt über einen Adsorber, der wie eine Art Filter funktioniert. Ein spezieller Eiweißstoff bindet dort die unerwünschten Antikörper und Immunkomplexe und entfernt diese aus dem Blut. In einem weiteren Schritt werden das gereinigte Plasma und die Blutzellen wieder zusammengeführt und über die Vene an den Patienten zurückgegeben. Die schmerzfreie Behandlung dauert mehrere Stunden und wird an fünf aufeinander folgenden Tagen durchgeführt. Die Beschwerden bessern sich unmittelbar nach der Blutreinigung.

„Die Gemeinschaftsstudie soll insbesondere verlässliche Aussagen zur Nachhaltigkeit des innovativen Filtersystems über eine längere Zeit nach der Behandlung liefern“, erklärte Felix. „Gleichzeitig wird das Verfahren laufend weiterentwickelt und für den Therapieeinsatz optimiert.“

*Wenn der Herzmuskel schlapp macht – Hintergrund „dilatative Kardiomyopathie“

„Dilatation“ bedeutet Erweiterung oder Vergrößerung. Die dilatative Kardiomyopathie ist eine Erkrankung des Herzmuskels, bei der die Herzkammern und die Herzvorhöfe vergrößert sind. Dadurch ist die Pumpfähigkeit des Herzens eingeschränkt, es kommt es zu einer gefährlichen Minderversorgung des Organismus mit Blut und zu dem Krankheitszeichen einer Herzschwäche. Die dilatative Kardiomyopathie als häufigste Form der Herzmuskelerkrankung ist oft Folge eines Virusinfektes, findet sich aber ebenso bei so genannten Autoimmunerkrankungen. Auch jahrelanger Alkoholmissbrauch kann dazu führen.

Eine allgemeine körperliche Leistungsschwäche und leichte Ermüdung sind typisch für diese Erkrankung. Sie macht sich bemerkbar in Form von Luftnot bei Belastung, beispielsweise beim Treppensteigen, beim Tragen schwerer Gegenstände, bei fortgeschrittener Erkrankung sogar im Ruhezustand. Durch die Herzschwäche kommt es auch zu einer Einlagerung von Wasser in den Beinen, in der Lunge oder im Herzbeutel. Trotz Therapie mit Medikamenten bleiben die Patienten meist in ihrer Leistungsfähigkeit und Lebensqualität erheblich eingeschränkt. Mit Medikamenten lässt sich der Krankheitsverlauf aufhalten. Derzeit existiert noch kein allgemein akzeptiertes Behandlungsverfahren, das die Herzmuskelerkrankung kausal behandeln kann. In schweren Fällen wird eine Herztransplantation notwendig.

Weitere Informationen zur Herzmuskelstudie:
Klinik für Innere Medizin B Greifswald
Tel. 03834-86 66 56
Universitätsklinikum Greifswald
Zentrum für Innere Medizin
Klinik und Politklinik für Innere Medizin B
Direktor: Prof. Dr. med. Stephan Felix
Friedrich-Loeffler-Straße 23 a, 17475 Greifswald
T +49 3834 86-66 56
E InnereB@uni-greifswald.de

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Constanze Steinke idw

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